Ein Freund, der nach einem Herzinfarkt seinen Beruf aufgeben muss, eine Tante, die nach einem Schlaganfall pflegebedürftig ist oder ein Kollege, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt – wer sucht, der findet das Thema Berufs- und Erwerbsunfähigkeit schnell im eigenen Umfeld. Fast jeder zweite Deutsche kennt konkrete Fälle. Viele jüngere Arbeitnehmer und Selbstständige weichen dem Thema jedoch gerne aus oder unterschätzen es – laut Versicherungsverband GDV gibt es in Deutschland bei 41,5 Millionen Erwerbstätigen lediglich 16,9 Millionen Berufsunfähigkeitsversicherungsverträge (BU).
Dabei zählt genau dieser Schutz zu den wichtigsten Versicherungen überhaupt. Denn die Statistik und die gesetzlichen Regelungen sprechen eine eindeutige Sprache. Mehr als 2 Millionen Menschen sind in Deutschland vom Schicksal Berufsunfähigkeit betroffen. Besonders häufig sind Erkrankungen der Psyche die Ursache, gefolgt von Erkrankungen des Skeletts und Krebserkrankungen.
Viele junge Leute scheiden vorzeitig aus ihrem Beruf aus
Etwa 40 Prozent der heute 20-Jährigen werden laut Deutscher Aktuarvereinigung (DAV) aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden. Die finanziellen Folgen sind in solchen Fällen gravierend, da die staatliche Erwerbsminderungsrente nur minimale Leistungen bietet. Viele Betroffene ohne Schutz müssen ihre Ersparnisse und Vermögenswerte aufzehren, ihr Lebensstandard sinkt dramatisch.
Doch der Weg zur optimalen Absicherung ist nicht einfach. Laut einer Studie der Marktforscher von Yougov hat gerade einmal ein Fünftel (22 Prozent) der Deutschen eine Erwerbs- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Eine aktuelle Umfrage der Provinzial zeigt: Jeder Dritte hat ein Problem, den richtigen Versicherer zu finden. Jeder Vierte beklagt zudem die unübersichtliche Informationslage zum komplexen Thema. „Es gibt zwar viele Informationen, eine echte Orientierung und Entscheidungssicherheit kann nur eine kompetente und individuelle Bedarfsanalyse liefern“, sagt Christoph Hartmann, Provinzial Rheinland.
Palette an Ausweichprodukten hat sich enorm entwickelt
Das Potenzial für unabhängige Berater ist daher sehr groß, zumal sich die Palette für biometrische Produkte in den vergangenen zehn Jahren enorm entwickelt hat. Einerseits wurden die Bedingungen der BU-Versicherungstarife immer kundenfreundlicher – die abstrakte Verweisung auf einen anderen Job etwa ist heute so gut wie abgeschafft. Andererseits haben die Versicherer die Einteilung der Berufe in Risikogruppen immer feiner segmentiert. Für risikoarme Berufe ist die Absicherung dadurch erheblich günstiger.
Aber es gibt einen Haken: „Die Produktqualität ist zwar außerordentlich hoch, aber die Beitragsschere klafft immer weiter auf. Viele Menschen können sich eine BU aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen nicht leisten“, weiß Michael Franke vom Analysehaus Franke und Bornberg, der dieses Produktfeld seit Jahren kritisch begleitet und Ratings der Tarife erstellt. „Gerade bei handwerklichen Berufen sind die Prämien oft unerschwinglich geworden. Auch die Spanne der Prämien ist bei ‚BU-Problemberufen’ wesentlich größer.“
BU-Police bleibt die Königsklasse
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein 35-jähriger rundum gesunder Berufskraftfahrer – verheiratet, zwei Kinder – möchte seine Arbeitskraft mit einer Rente in Höhe von 1.500 Euro versichern und muss feststellen, dass sein Beruf in eine hohe Risikogruppe fällt. Mit 161 bis 386 Euro pro Monat zahlt er mehr als das Dreifache für eine BU-Versicherung als etwa ein Mathematiker.
„Die BU ist und bleibt die bestmögliche Absicherung, erst wenn sie wegen Vorerkrankungen oder zu teuren Tarifen nicht infrage kommt, sollte man die Alternativen erwägen“, sagt André Empen vom Gecko Maklerverbund. Denn sollte der Kraftfahrer seinen Job nicht mehr machen können, zum Beispiel weil er nach einem Schlaganfall nicht mehr im Führerhaus seines Lkws sitzen kann, bezahlt die BU ihm die vereinbarte Rente.
Erwerbsunfähigkeitspolice ist günstiger
Was leisten die anderen biometrischen Produkte? Die Erwerbsunfähigkeitspolice (EU) gilt als eine mögliche Alternative für Kunden, die keine BU erhalten. Die Prämien sind günstiger, es gibt weniger Gesundheitsfragen; aber im Gegensatz zur Berufsunfähigkeitsversicherung leistet die EU erst, wenn eine Invalidität zu 100 Prozent vorliegt. Falls unser Kraftfahrer also noch drei Stunden täglich arbeiten kann, leistet die EU nicht.
Ein anderes Konzept verfolgen Dread-Disease- oder Schwere-Krankheiten-Versicherungen. Hier wird ein fester Katalog von schweren Krankheiten wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Krebs, aber auch Multiple Sklerose abgesichert. Diese Police wird noch von vergleichsweise wenigen Anbietern angeboten. Sie zahlt bei Diagnose. Hier hätte der Kraftfahrer nach einem Schlaganfall also Glück im Unglück. Und zwar ohne zu fragen, inwieweit er noch berufs- oder erwerbsfähig ist.
Geld, wenn man nicht mehr sprechen kann
Des Weiteren gibt es reine Grundfähigkeitsversicherungen. Sie zielen auf Fähigkeiten wie Hören, Sehen, Sprechen, Gehen ab. „Sinnvoll vor allem für Berufstätige, für die die Grundfähigkeit von herausragender Bedeutung ist – etwa das Gehör bei einem Musiker oder die Stimme bei einem TV-Reporter“, sagt Makler Empen. Die praktische Bedeutung sei aber gering: „Ich habe bisher noch keine solcher Policen verkauft.“ Hier müsste unser Beispielfall also nachweisen, dass er nach seinem Schlaganfall mindestens eine seiner Grundfähigkeiten verloren hat.
Unfallversicherungen schließlich sichern nicht den Einkommensverlust ab, sondern zielen auf mögliche Kosten für nötige Umbaumaßnahmen nach einem Unfall ab. „Sie können als Ergänzung zu den klassischen Absicherungsprodukten gewählt werden“, sagt Makler Hendrik Stoltenberg, TGI Finanzpartner. Eine Unfallpolice allein ist aber keine ausreichende Absicherung.
Häufig sind jetzt Kombinationen
Moderne Produktkonzepte kombinieren häufig den Schutz vor schweren Krankheiten oder eine Pflegeversicherung mit der Arbeitskraftabsicherung. Das ist sinnvoll. Da auch das Pflegerisiko mit zunehmendem Alter ansteigt, verfügen versierte Berater hier über einen weiteren Einstieg in die Beratung. Bei den sogenannten funktionellen Invaliditätsversicherungen – auch gerne Multi-Risk-Policen genannt – steht nicht die Berufsausübung, sondern die dauerhafte Invalidität durch Unfall oder Krankheit im Fokus. Verschiedene Produktbausteine sichern Unfall, Pflege, Grundfähigkeit, Organschäden, Krebs und Tod ab. „Wir bieten die Multi-Risk-Police häufig gleichzeitig mit der BU an – für viele Selbstständige wie zum Beispiel Handwerker kann Erstere die deutlich günstigere Alternative sein“, sagt Stoltenberg.
Es sei sinnvoller, bei ähnlichem Monatsbeitrag 1.000 Euro Rente über eine Multi-Risk-Police bis 65 Jahre abzusichern als 500 Euro über eine BU-Rente bis 55 Jahre, nennt Stoltenberg ein Beispiel. Doch nicht alle Makler haben die Multi-Risk-Produkte im Portfolio. Als Sachversicherung wird sie mit einer wesentlich geringeren Abschlussprovision vergütet als eine BU. Noch ist das Angebot mit einer Handvoll Anbieter gegenüber der BU zudem überschaubar.
Kapitalstärke des Versicherers wird wichtiger
Klar ist: „Makler sollten auf die passgenaue Kombination verschiedener Leistungsbausteine achten. Das kann problematisch sein, wenn man Tarife verschiedener Anbieter kombiniert. Professionelle Software wie das AKS-Tool von Franke und Bornberg oder auch das Diagnose X-Tool der Bayerischen ist hier unerlässlich“, rät Maximillian Buddecke, Leiter Maklervertrieb der Bayerischen.
Neben den Leistungsmerkmalen der Tarife müssen Berater noch weitere Faktoren für ihre Empfehlung beachten. Denn der scharfe Preiswettbewerb der vergangenen Jahre, der zu immer günstigeren Tarifen führte, ging einher mit einem Wettbewerb bei den Risikoprüfungen. Nicht wenige Versicherer gestalteten ihre Gesundheitsfragen einfacher. „Können die günstigsten Tarife auf Dauer stabile Überschüsse erzielen? Hat sich die Branche womöglich schubkarrenweise belastetes Geschäft aufgeladen?“, stellt Michael Franke kritische Fragen. Die Kapitalstärke des Versicherers sollte daher ebenso wie die Leistungsbilanz im BU-Fall in die Entscheidung einfließen.
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