„Die Krankenversicherung als Solidargemeinschaft hat die Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu verbessern.“ – So steht es in Paragraf 1 Sozialgesetzbuch (SGB) V zur gesetzlichen Krankenversicherung. Weiterhin ist dort zu lesen: „Die Versicherten sind für ihre Gesundheit mitverantwortlich; sie sollen durch eine gesundheitsbewußte Lebensführung… dazu beitragen, den Eintritt von Krankheit und Behinderung zu vermeiden oder ihre Folgen zu überwinden.“ Wo beginnt dies? Wo hört es auf? Wird es einen Aufstand der Gesundheitsbewussten geben?
Auf der einen Seite gibt es immer mehr gesundheitsbewusste Menschen. Auf der anderen Seite steigt seit Jahrzehnten die Anzahl der Übergewichtigen und Adipösen in Deutschland. Liegt der Body-Mass-Index (BMI) über 25, wird von Übergewicht gesprochen. Als adipös gilt, wer einen BMI größer 30 hat. Bei der Berechnung des Wertes wird nicht zwischen Fett- und Muskelmasse unterschieden. Der BMI von Arnold Schwarzenegger lag daher im deutlich adipösen Bereich. Jedoch ist beim durchschnittlichen Deutschen nicht die Muskelmasse der primäre Auslöser für hohe Werte.
Laut dem statistischen Bundesamt (Destatis) waren im Jahr 2017 in Deutschland 37 Prozent aller Personen über 18 übergewichtig, 16 Prozent adipös. Das erschreckende ist, dass auch immer mehr Kinder übergewichtig und sogar adipös sind. Mit steigendem Gewicht können vermehrt Krankheiten auftreten. Das reicht von Knochen- und Bänderschäden über Diabetes bis hin zu Krankheiten, bei denen es einen Zusammenhang mit chronischen, stillen Entzündungen gibt, darunter Herzinfarkt, Schlaganfall, Rheuma, Arthrose und sogar Demenz oder Krebs. Laut Destatis verursachten im Jahr 2015 allein Adipositas und sonstige Überernährung Krankheitskosten von rund 1,1 Milliarden Euro. Dabei handelt es sich jedoch „nur“ um die direkten Kosten. Hält der Trend weiter an, so befürchtet man im Jahr 2020 Folgekosten in Höhe von zusätzlichen 25 Milliarden Euro pro Jahr.
Aber nicht nur durch Übergewicht, das bis auf einige krankhafte Fettstoffwechselstörungen vermieden werden könnte, entstehen erhebliche Kosten (siehe Tabelle). Während 2015 die gesamten Krankheitsaufwendungen mit 338,2 Milliarden Euro angegeben wurden, betrugen sie 2018 bereits über 365 Milliarden Euro. Das sind eine Milliarde Euro pro Tag! Dabei könnten viele der erwähnten Zivilisationskrankheiten vermieden oder zumindest deren Schwere mit gesundheitsbewussten Verhalten deutlich reduziert werden.

Mit entsprechenden präventiven Maßnahmen wie einer gesunden, ausgewogenen Ernährung und ausreichender Bewegung in gesundem Umfang und gesunder Intensität könnte zusätzlich der immer weiter steigende Medikamenteneinsatz abgebremst, ja sogar zurück gedrängt werden. Eine entsprechende Ernährung und Bewegung haben nachweislich auch positiven Einfluss auf einige psychische Erkrankungen. Gerade in diesem Bereich sind die direkten und indirekten Krankheitskosten, zum Beispiel durch Fehltage, stark gestiegen. Bei Berufsunfähigkeitsversicherungen sind psychische Erkrankungen inzwischen der primäre Auslöser für einen Leistungsfall.
Im eingangs erwähnten Paragrafen 1 SGB V ist auch zu lesen: „Die Krankenkassen haben den Versicherten dabei durch Aufklärung, Beratung und Leistungen zu helfen und auf gesunde Lebensverhältnisse hinzuwirken.“ Vieles wird hier bereits geleistet, jedoch ist noch reichlich Potenzial vorhanden! Heilbehandler in Deutschland werden weiterhin primär für eine Reparaturmedizin bezahlt. Für Präventionsmaßnahmen wie einer individuellen Ernährungsberatung, Trainingsplänen und -begleitung fehlt heute nicht nur die Zeit, die Behandler werden dafür in der Regel auch nicht, oder zumindest nicht ausreichend hoch vergütet. Vielen fehlt auch schlichtweg die Ausbildung und Kompetenz hierzu.
Auch wenn die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in den vergangenen Jahren ihre Ernährungsempfehlungen zumindest etwas an den aktuellen Wissensstand angepasst hat, sind ihre Richtlinien noch immer veraltet. Außerdem können individuelle Situationen nicht berücksichtigt werden. Wer etwa Medikamente nimmt oder bestimmten Umwelteinflüssen ausgesetzt ist, hat einen höheren Bedarf an Nährstoffen. Ernährungsempfehlungen, die rein auf die Vermeidung von Mangelkrankheiten ausgerichtet sind, reichen nicht aus. Zwischen „gerade so ausreichend“ und „optimal versorgt“ gibt es einen riesigen Unterschied. Auch das Medizinstudium müsste dringend verändert werden. Selbst viele Ärzte, die über den Tellerrand hinausschauen, sagen heute, dass in den vielen Jahren des Studiums Ernährung und Prävention so gut wie nicht vorkommen. Der Fokus liegt auf der Pharmakologie und der Behandlung von Krankheiten. Nicht auf deren Vermeidung.
Auch die Politik ist gefordert, sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, so dass der Bevölkerung mehr gesundheitsförderliche Nahrung zur Verfügung steht. Wird das Ruder hier nicht bald deutlich herumgerissen, werden unsere Sozialsysteme die immer weiter steigenden Kosten nicht mehr ohne zusätzliche Beitragssteigerungen, Steuersubventionen und Leistungsreduktionen stemmen können. Dies alles muss von der Gemeinschaft bezahlt werden. Unabhängig davon, ob der Einzelne sich gesundheitsbewusst verhält und damit Kosten reduziert oder gesundheitsförderliche Maßnahmen komplett ignoriert und damit häufig Krankheitskosten verursacht, die vermeidbar wären. Droht hier also in Zukunft ein Aufstand der Gesundheitsbewussten?
„Die Versicherten sind für ihre Gesundheit mitverantwortlich; sie sollen durch eine gesundheitsbewußte Lebensführung… dazu beitragen, den Eintritt von Krankheit und Behinderung zu vermeiden, oder ihre Folgen zu überwinden.“
Wie man dieser Aussage des Paragrafen 1 SGB V entnehmen kann, hat jeder dazu beizutragen, das Solidarsystem zu entlasten und Kosten zu vermeiden. Hierbei dürfen die Menschen nicht vorverurteilt werden und ihnen die alleinige Schuld zugesprochen werden. Viel wichtiger ist es, sie dabei zu unterstützen, sich gesundheitsbewusst zu verhalten. Die Aufklärung muss, unabhängig wirtschaftlicher Interessen von Lebensmittelkonzernen und Pharmaunternehmen, deutlich ausgeweitet werden. Das beginnt schon im Kindergarten, der Schule und muss auch innerhalb der Familien und bei Belegschaften erfolgen. Jeder ist gefragt, die Kostenentwicklung zu bremsen. Das Solidarsystem ist per gesetzlicher Definition keine Einbahnstraße!
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