Pfefferminzia: Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz wurde im Juli verabschiedet. Was bedeutet die Reform aus Sicht von niedergelassenen Ärzten? Welche konkreten Veränderungen soll es für sie geben?
Peter Grotmann: Für Arztpraxen ist das Gesetz sicherlich die schwerwiegendste Änderung seit der Seehofer-Reform vor rund 30 Jahren. Es ist allerdings noch offen, wie die Kassenärztlichen Vereinigungen die neuen Vorgaben umsetzen werden. Das Gesetz bringt zwei schwere Einschnitte für die niedergelassenen Ärzte. Der erste ist der Honorardeckel. Honorare dürfen nur noch mit der Grundlohnrate steigen, also nicht stärker als die beitragspflichtigen Einnahmen der gesetzlich Versicherten. Zusätzlich gibt es 2027, 2028 und 2029 einen pauschalen Abzug davon in Höhe von einem Prozent. Die Kosten werden aber trotzdem überproportional steigen, denn die Bevölkerung altert und die Zahl der Behandlungen wird zunehmen.
Und der zweite Einschnitt?
Grotmann: Extrabudgetäre Leistungen werden in die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung, kurz MGV, überführt. Die MGV ist eine jährliche feste Summe, die die Krankenkassen den Kassenärztlichen Vereinigungen zur Verfügung stellen zur Vergütung der ambulanten ärztlichen Versorgung. Da das Budget unabhängig von den tatsächlich erbrachten Leistungen ist, werden häufig zum Quartalsende hin Leistungen kaum noch vergütet. Extrabudgetäre Leistungen – insbesondere Vorsorge und größere ambulante Operationen – fallen nicht unter die MGV und werden vollständig bezahlt. Ab 2027 entfällt die Zusatzvergütung, die MGV muss alles abdecken.
Hinzu kommen weitere Kürzungen. Offene Sprechstunden und die Terminvermittlung von Haus- an Fachärzte nach dem Terminservice- und Versorgungsgesetz wird künftig nicht mehr extra vergütet. Auch die Vergütung für die Befüllung der elektronischen Gesundheitsakte und einige andere Leistungen entfällt.
Wie wird sich der Praxisalltag dadurch verändern?
Grotmann: Das ist die große Frage. Seit ich mich 1993/4 als Arzt niedergelassen habe, haben die gesetzlichen Kassen die Vergütungen für Ärzte immer weiter eingeschränkt. Es gab zwar öfters große Proteste. Es ist aber nie etwas passiert, denn am Ende blieb immer noch genug übrig. Ärzte verdienen weiter überdurchschnittlich, auch weil sie die Kürzungen gekonnt umgingen. Extrabudgetäre Leistungen wurden ausgeweitet und zunehmend die Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), die Patienten selbst zahlen müssen, verkauft. Oder bei Privatpatienten werden mehr Leistungen erbracht.
Auch diesmal erwarte ich keinen großen Knall, die Erosion der vergangenen 30 Jahre dürfte sich einfach fortsetzen. Weniger junge Ärzte werden eine Praxis gründen. Ältere werden ihre Praxen früher schließen oder ihre Sprechstunden verkürzen. Und weitere Ärzte dürften ihre Kassenzulassungen zurückgegeben oder halbieren.
Welche Auswirkungen haben die Veränderungen auf die gesetzlich versicherten Patienten und ihre Versorgung?
Grotmann: Ich denke, Termine werden schwerer zu bekommen sein. Die Wartezeiten insbesondere für spezialisierte Leistungen werden länger. Vermutlich bieten Ärzte mehr Selbstzahler-Leistungen an und bevorzugen Privatpatienten noch stärker. Dennoch werden Ärzte weiterhin möglichst viele Kassenpatienten behandeln wollen. Zum einen bilden die budgetierten Honorare für Kassenpatienten die Basis, die die Kosten deckt. Zum anderen sind die gesetzlich Versicherten das Reservoir für das IGel-Angebot.
Nach der Reform ist vor der Reform: Was müsste Ihrer Ansicht anders gestaltet werden, damit die Versorgung besser wird und der Praxisbetrieb wirtschaftlich attraktiv bleibt?
Grotmann: Ein großer Schwenk im System wäre derzeit schwierig umzusetzen, weil die Widerstände von allen Beteiligten zu groß sind. Es gibt ein starkes Beharrungsvermögen, denn es geht ja irgendwie. Ärzte verdienen nach wie vor nicht schlecht. Krankenkassen wollen ihren Versicherten nicht sagen, dass es dies und jenes nicht mehr gibt. Die Politik will das auch nicht.
Dennoch gibt es sinnvolle Ansätze. Erstens die Primärarztversorgung oder die Primärversorgung mit digitaler Ersteinschätzung. Zweitens Zuzahlungen. Wir müssen weg von der All-inclusive-Mentalität. Wer zuzahlen muss, überlegt sich, ob er wegen jedem Wehwehchen zum Arzt geht. Drittens müsste das vorhandene Geld rationaler eingesetzt werden, etwa Doppelunteruntersuchungen vermieden werden. Zusätzlich wäre wohl eine Rationierung nötig, so dass Versicherte einige Leistungen gar nicht mehr oder unter bestimmten Voraussetzungen nicht mehr bekommen.
Der Interviewpartner: Der Dermatologe Dr. med Peter Grotmann kennt die Vergütungspraxis von niedergelassenen Ärzten aus eigener Erfahrung. Vor über 30 Jahren stieg er als Teilhaber in seine erste Praxis ein. Er engagierte sich zudem als Gründungsmitglied der Freien Ärzteschaft e.V. berufspolitisch für die Interessen der Ärzteschaft. Seit 2017 ist er in einem Facharztzentrum in der Schweiz tätig.
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