Wir sind ja aus der ETF-Branche schon einige fetzige Zahlen gewohnt. Zum Beispiel quartalsweise gemeldete neue Rekord-Billionensummen im verwalteten Geld. Jedes Mal noch mehr. Schon seit Jahren.
Doch jetzt kommt eine neue hinzu: So sammelte der jüngste Vanguard-ETF in gerade mal drei Wochen über eine Milliarde US-Dollar ein. Da hören wir förmlich in der Zentrale zu Malvern die Sektkorken ploppen.
Der Fonds mit dem Raketenantrieb hört auf den Namen Vanguard FTSE Global All-Cap Ucits ETF (ISIN: IE000VAHT5T0) und ist tatsächlich etwas besonderes. Denn er bildet fast den kompletten globalen Aktienmarkt ab. Von 99 Prozent rund um den Globus ist die Rede. Und das zum Kampfpreis von 0,07 Prozent Gesamtkostenquote (TER). Weshalb man in Bankfluren sogar schon was vom „heiligen Gral des Investierens“ raunt.
Als „extra-breiten“ Welt-ETF bezeichnet Vanguard selbst das neue Stück. Und das trifft es recht gut. Denn laut Indexanbieter FTSE Russell stecken über 10.000 Aktien drin. Zusammen sind diese Unternehmen – Achtung, wieder so eine Zahl – 117,6 Billionen Dollar schwer. Mit enthalten sind auch globale Schwellenländer. Zum Vergleich: Der allseits bekannte und geschätzte Aktienindex MSCI World besteht derzeit aus knapp 1.300 Titeln, die zusammen 91,7 Billionen Dollar auf die Geldwaage bringen (alle Daten per 31. August 2026). Schwellenländer sind nicht drin.
Laut eigener Auskunft baut Vanguard den extra-breiten Index im ETF-Portfolio komplett nach. Kein Weglassen nach der Sampling-Methode, kein Derivate-Chichi. Respekt!
99 Prozent der globalen Aktienmärkte in einem einzigen Fonds besitzen zu können, ist freilich ein schöner Gedanke. Das klassische Einzelwertrisiko sollte damit nicht nur gebändigt, sondern regelrecht erdrückt sein. Übrig bleibt lediglich das globale Börsenklima, das sich ja beim besten Willen nicht ausradieren lässt.
Ebenso klingt es gut, nicht nur die größten Unternehmen der Welt (gemessen am Börsenwert) zu haben, sondern auch kleinere. 5.850 Werte im FTSE Global All-Cap gehören in die Gruppe der Small-Caps (wie sie FTSE Russell definiert). Weitere 2.400 Aktien sind Mid-Caps, also mittelgroß. Das sind beträchtliche Anteile, die zunächst nahelegen, dass hier jemand Risiken wirklich weg von den einschlägigen Dickschiffen breiter auf die kleinen Boote verteilt hat.
Doch der Eindruck trügt zum großen Teil. Denn die 6.000 Small-Caps stehen für nur 8,8 Prozent des Index. Jeder Einzelne davon wiegt also im Schnitt 0,0015 Prozent. Es ist das alte Problem, wenn man die Indizes zwar mit Einzeltiteln vollstopft, sie am Ende aber doch nach ihrer Größe gewichtet. Wer an der Börse mehr wert ist, bekommt im Index mehr Gewicht. Das ist die klassische Bauweise von Aktienindizes.
Etabliert, aber nicht unproblematisch. Hier zum Beispiel führt es dazu, dass allein die zwei größten Werte, Nvidia und Apple gemeinsam genauso stark ins Gewicht fallen wie die 6.000 Kleinstwerte zusammen (wie Tobias Reger von JustETF vorrechnet). Überhaupt sorgen die zehn größten Titel für mehr als ein Fünftel des gesamten Index, nämlich 21,6 Prozent. Es ist völlig in Ordnung, wenn man das mag. Wissen sollte man es auf jeden Fall.
Die mittelgroßen Aktien, die Mid-Caps, machen knapp 18 Prozent des Index aus. Was im Umkehrschluss heißt, dass fast drei Viertel des All-Cap-Index aus 1.870 Großtiteln besteht, nämlich 73,3 Prozent.
Wer nach der altbekannten US-Dominanz in globalen Indizes fragt – ja, die gibt es auch hier. Wenngleich deutlich geringer ausgeprägt als im MSCI World. Während dort die USA zu 72 Prozent ins Gewicht fallen, sind es im All-Cap-Index „nur“ 62 Prozent.
Im Gegenzug sind – anders als im MSCI World – globale Schwellenländer mit von der Partie. Leider wird ihr Anteil von 13,7 Prozent im Index ihrer tatsächlichen Bedeutung für die globale Wirtschaft nicht wirklich gerecht. Und da ist sogar noch Südkorea zu 2,4 Prozentpunkten eingerechnet, was wohl kaum noch als Schwellenland gelten sollte.
Damit wollen wir also die Kirche mal zurück ins Dorf holen. Der neue Vanguard kommt zweifellos mit einigen erfreulichen Vorsätzen daher. Den kompletten Aktienmarkt, inklusive Schwellenländern und allen Aktiengrößen abzubilden, das hat schon was. Wer gern streuen will, findet hier die bessere Alternative zum herkömmlichen MSCI World.
Wer aber was komplett Anderes erwartet, könnte enttäuscht werden. Denn um die bekannten Klumpenrisiken aus globalen Indizes wirklich besser zu verteilen und die Chancen von Nebenwerten zählbar zu nutzen, wäre ein anderes System nötig gewesen als der Börsenwert.
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