Ich möchte meinen Bericht nicht damit beginnen, dass ich auf die Bahn schimpfe. Schon gar nicht einen Bericht übers Laufen. Nein, will ich nicht. Das wäre ungefähr so originell wie eine kaputte Oberleitung. Also schimpfe ich nicht und stelle stattdessen ganz sachlich fest: Das an jenem Dienstag ist ziemlich blöd gelaufen beziehungsweise gefahren.
Der Intercity, der mich von Stuttgart nach Oberstdorf bringen soll, wurde gerade gestrichen. Nicht mit Farbe, sondern aus dem Fahrplan. Der nächste auch gleich. Warum, das interessiert mich in diesem Moment ungefähr so sehr wie der Fahrplan vom letzten Jahr. Ich flitze über den Stuttgarter Bahnhof und nutze im weiteren Verlauf meiner Reise zwei weitere Bestandteile aus dem Katalog der Bahn: Den Regionalexpress und den Schienenersatzverkehr. Dann bin ich da, genau elf Stunden, nachdem ich in meinem Hamburger Vorort abgefahren bin.
Auf mich wartet die erste Pfefferminzia-Gipfeltour. Über 20 verrückt Genuge wandern durch die Alpen und übernachten in Hütten. Unter den Teilnehmern sind Makler, ehemalige Versicherungsvorstände, aktuelle Versicherungsgeschäftsführer, Maklerbetreuer, und, und, und. Sie alle wollen sich kennenlernen, reden, lachen, stiefeln, kraxeln.
Der Wetterbericht verheißt nicht wirklich Gutes. Für morgen sagt er Dauerregen an, für Donnerstag einen Mix aus Regen und Sonne bei einstelligen Temperaturen. Nun, ja.
Ich gehe direkt vom Bahnhof in die Dampfbierbrauerei, wo Tische reserviert sind und die anderen schon warten. Helles und Weißes stehen auf dem Tisch. Die Stimmung sprüht vor Vorfreude. Menschen herzen sich. Menschen beschnuppern sich. Nicht alle kennen sich. Doch das ändert sich. Schnell.
Weiter vorn im Lokal singen zwei Kleinkünstler ihre Party-Playlist herunter. Sie singen Stücke aus „Dirty Dancing“ und schmettern italienische Klassiker. Irgendwann setzt sich der Mann eine Perücke auf und wird zu Tina Turner. Sie bringen den Saal zum Brodeln. Ein Gedanke, den einige von uns in sich tragen: Müssten wir nicht morgen fit sein, könnten wir hier echt noch ein Stück feiern. Doch wir bleiben – einigermaßen – vernünftig. Irgendwann verlaufen sich alle, und es wird ruhig.

Okay, es war ein Helles zu viel. Geschenkt. Eine ganz andere Nummer dürfte heute das Wetter sein. Doch die Gruppe ist vorbereitet. Die Rucksäcke sind farbenfroh verpackt. Viele sind dem Rat von Matthias gefolgt und haben sie innen mit Mülltüten ausgekleidet. Nichts ist schlimmer, als dass die Wechselsachen ebenso triefen wie die Wanderklamotten.
Wir sind am Bahnhof. Dort hat die Bergschule „Oase Alpin“ ihren Sitz. Drei Profis, die uns durch die Berge führen sollen, gesellen sich zu uns. Regenjacken werden gezückt, wasserdichte Hosen übergestreift.
An einem Balken hängt eine Waage. So weit ich es mitbekomme, wiegen die meisten Rückenbürden 8 bis 9 Kilogramm. Meine bringt es auf 8, inklusive voller Wasserflasche. Damit kann ich gut leben.
Der eine Bergführer, ein kleinerer, älterer Mann namens Joachim, warnt uns: Dort oben kann es schlüpfrig werden. Er benutzt dafür ein bayerisches Fachwort, das ich leider schnell vergesse.
Wir bekommen Grödel. Das sind Spikes, die sich über die Wanderstiefel spannen lassen. Wie ein Überzieher mit Spitzen aus Ketten und Gummi. Nun übernimmt Joachims Kollegin Nora. Sie spricht mit einer Stimme, so sanft wie eine Fleece-Weste, bleibt dabei aber hart in der Sache. Sie drängt darauf, dass wirklich jeder mit Stöcken läuft. Und sie wirbt dafür, dass wir Regenschirme (!) nutzen. So viel vorab: Niemand von denen, die Stock und Schirm annehmen, wird es später bereuen.
Die Inter Versicherung ist mit dabei und hat ein sogenanntes Fetzerl spendiert. Das ist ein wundersames Tüchlein, das Schweißrinnsale am Körper auffangen soll. Man steckt es sich dafür hinten in die Hose. Und was sollen wir noch im Laufe des Ausflugs erfahren? Es funktioniert! Die Versicherungskammer lässt Heftchen mit Pulver springen, das uns am Laufen halten soll. Ganz legales Pulver, natürlich.
Inzwischen ist alles geklärt, und die Gruppe bebt vor Tatendrang. Es geht los. Wir laufen durch Oberstdorf und das Tal. Noch ist es eben. Touristen schauen uns an. Rinder auch. Es nieselt nur leicht.

Dann geht es in den Wald – und hinauf. Zu Beginn ist der Weg sauber geschottert. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht. Rückwirkend merke ich, wie naiv ich war. Denn der Weg legt los, wird steil, leicht geschlammt, schmal. Gänsekraxeln. Eine quietschbunte Raupe, die sich den Berg hinaufschlängelt. Quer befestigte Holzstämme sollen uns und den Weg sichern, sind aber für Kleinergewachsene (wie mich) nicht allzu einfach zu übersteigen. Das zieht Energie und nervt die Knie. Die bis dahin angeregten Gespräche weichen angestrengtem Atmen. Nur ein paar Durchhalter reden weiter.
Wolken und Nebel verhindern Aussicht mit Ausmaß. Aber fetziges Grün springt uns direkt an und umfängt uns. Wir sehen einen Bergsee, 90 Meter tief soll er sein. Dahinter das obere Ende der Skiflug-Schanze von Oberstdorf. Sie wirkt dort so unwirklich, als hätte sie jemand mit einer sehr günstigen Software eingefügt.

Zur Mittagspause kehren wir in den Berggasthof Hochleite ein. Es gibt Germknödel, Leberkäs mit Spiegelei und Bratkartoffeln, Erbseneintopf. Während wir mampfen und die Füße ausschütteln, dreht der Wettergott draußen den Wasserhahn auf. Raus mit dem Regenzeug und alle packen sich ein. Denn ein bisschen müssen wir noch laufen.
Das ist aber kein Problem und wir erreichen das Berghaus am Söller. Knapp 9 Kilometer haben wir zurückgelegt, gekoppelt mit 700 Metern Aufstieg. Das hat beileibe nicht das Letzte aus uns herausgeholt. Doch das soll sich am zweiten Tag ändern. Das Wetter aber auch.
Schuhe aus in der Hüttn! Die moddernden Müffel-Mauken-Mäntel bleiben schön im Vorraum, um dort ungestört abzudampfen. Offenes Feuer empfiehlt sich dort ganz sicher nicht.
Zwischendrin gibt es was fürs Herz I: Wir erwandern Spendengeld für den Kinder-Hilfsverein HiKiZ. Mit dabei sind die Versicherungskammer, die Inter, das KV.Haus und wir Pfeffis. 6.000 Euro kommen zusammen und gehen direkt an den Verein und damit an die Kinder.

Und noch was fürs Herz II: Unsere Teilnehmer Marina und Chris stellen fest, dass sie einst in dieselbe Schulklasse gingen und sich nach 20 Jahren nun hier wiedergetroffen haben. Also wenn ihr mich fragt – „Bitte, melde dich!“ kann einpacken. Mehr geht einfach nicht.
Wahrscheinlich weiß nicht mal der heilige Berggeist höchstpersönlich, warum Lisa zwei Wasserbälle (!) mitgebracht hat. Vielleicht wegen des Wetterberichts? Egal! Diese Bälle sorgen für enormen Spielspaß vor der Türe. Einen fleddern wir irgendwann. Der andere überlebt. Ich habe lange nicht mehr mit solch wunderbaren Kindsköpfen so viel gekichert. Schließlich lebe ich sonst im eher ernsten Norden des Landes.
Ich habe im Doppelstockbett oben geschlafen. Viel Platz bleibt nicht zwischen Zimmerdecke und mir. Als ich aussteigen will, verbiege ich mich seltsam, und meine Wade macht zu. Dann bin ich wirklich wach.
Der Tag beginnt ruhig und sehr harmonisch. Die Wirtin, deren Laune uns am Tag zuvor noch fast zur nächsten Hütte weitergejagt hätte, zaubert ein Frühstück auf die Tischplatte, das locker mit denen in höherbewerteten Hotels mithalten kann. Was für ein Start in den Tag!
Überhaupt ist die Hütte ohnehin gar keine Hütte, sondern ein Gasthaus. Sanitärzeugs tiptop, bezogene Betten (der Schlafsack blieb im Rucksack), Handtücher! Und jetzt also noch Happa-happa mit Goldrand. Mehr geht kaum.
Wir packen. Sammeln das am Vorabend verteilte und nun einigermaßen trockene Zeug ein. Fabian und Lisa treten in Hundekacke. Die wird sich im Laufe des Tages ganz sicher von der Sohle wieder abrubbeln. Aber vielleicht bringt sie ja Glück.
Wir gehen los. Ich lerne, dass man solche Touren nicht in horizontaler Entfernung misst, sondern in Höhenmetern. Und von denen liegen 1.250 vor uns.

Die Sache beginnt gemächlich. Wir latschen eine Weile über Asphalt. Dann geht es auf recht einfachen Wegen im Zickzack empor. Doch dann fällt das Zick weg, und ein Zack kommt hinzu. Denn Zackzack geht es nach oben gekraxelt. Und Zack, auf dem Grat entlang – links ein Tal, rechts ein Tal. Ein blöder Schritt nach links, und ich wäre innerhalb von 3 Sekunden um 100 Meter tiefergelegt. Wenn das überhaupt reicht.

An der Stelle gibt Bergführerin Nora Tipps:
Immer, wenn die Wolken aufreißen (ja, es regnet immer wieder), blicke ich über die Welt. Über Gipfel mit Puderzucker, über Seilbahnen, über das Tal, in dem Spielzeughäuser stehen. Wir laufen, schnaufen, steigen, rutschen auch mal weg. Dann erreichen wir das Gipfelkreuz auf dem Fellhorn. Nora begrüßt mich dort mit High-five und den Worten: „Willkommen über 2.000 Metern.“ Mein Herz pocht voller Stolz. Freude, Fotos, Schulterklopfen, Gipfelschnaps, grandiose Aussicht durch den nun freien Himmel.

Irgendwann geht es weiter. Und bevor uns ein verdächtig dunkler Wolkenhaufen erreicht, kehren wir zur Mittagspause in die Obere Alpe Bierenwang ein. Schon an dieser Stelle hat sich das Wetter zu einem einzigen Wirrwarr entwickelt. Als könnte es sich nicht entscheiden, ob es Winter, Herbst oder Frühling sein will – Sommer sowieso nicht, dafür liegen die Temperaturen zu tief. Dafür gibt es Hagel, Regen, Wind, Sonne und irgendwann sogar Schnee. Nein, das hat man nicht alle Tage, und schon gar nicht an einem Tag.
Zum Essen verziehen wir uns somit nach innen, damit der Eintopf nicht wässrig und die Brezn nicht pappig wird. Denn die gibt es, zusammen mit Obatzter, Würstchen und einigem mehr. Obwohl uns die Zeit schon ein bisschen wegrennt – als wir ankommen, ist es schon halb zwei –, ist es eine gute Gelegenheit, die Füße auszuschütteln und die Beinmuskeln zu entspannen. Denn die werden wir von da an mal so richtig rannehmen.

Dann kommt nämlich das letzte Stück, und das hat es in sich. Wir krabbeln einen steinigen Pfad entlang. Mal geht es nebeneinander, mal nur im Gänsemarsch. Mal hangeln wir (mit … äh … tollem Blick nach unten), mal hüpfen wir. Aber nie wird es langweilig. Dafür sorgen nicht zuletzt die Tiere, die wir gezeigt bekommen. 50 Meter entfernt grast ein wunderschöner Steinbock. Dabei zeigt er uns gegenüber denselben gelangweilten Gleichmut wie ein Teenager auf dem Kaffeekränzchen der Oma. Umso besser für uns, dass er dadurch nicht gleich abhaut. Wenig später (und weiter oben) zeigen uns Murmeltiere, was für tolle Gänge sie buddeln, wie still sie stehen können und wie sehr sie den Schnee mögen. Und ein sehr seltenes Schneehuhn schaut auch mal neugierig vorbei.
Überhaupt, Schnee! Kurz vor Ende versperren an zwei Stellen Schneefelder unseren Weg. Die trauen sich vielleicht was! Im Sommer!
Somit ist klar: Wir haben die Grödel nicht umsonst spazieren getragen. Wir streifen sie über, und ich muss sagen: So sperrig, wie sie aussehen, tragen sie sich gar nicht. Mein Gehgefühl ändert sich kaum bis gar nicht.

Bevor wir uns ins Schneetreiben stürzen, eine wichtige Regel: Jeder tritt in die Fußstapfen des Vorgängers. Auch wenn sie zu groß sind. Wer wegrutscht, schmeißt sich in den Liegestütz und streckt alles von sich. Und hofft, dass etwas davon Halt findet. Reibung durch Fläche sozusagen oder sogar Einhaken. Das Gute ist: Niemand braucht das. Alles verläuft gut. Alle haben Halt, deshalb kann es weitergehen.
So beißen wir uns nach oben durch und erreichen die Fiderepass-Hütte, 2.070 Meter über dem Meeresspiegel. Marina gesteht mir freimütig ein, dass sie sich in der letzten Stunde auch gern irgendwo hingelegt hätte und nicht wieder aufgestanden wäre. Jörg erzählt mir später von dem schönen Moment, in dem er die Wanderschuhe öffnen durfte. Auch die im Ausdauersport so kampferprobte Conny bestätigt meinen Eindruck, dass das eine wirklich ausgewachsene Tagestour war.
Ich selbst erinnere mich an das unglaubliche Gefühl, ins warme Innere der Hütte zu treten und dort auf die heimelige Atmosphäre zu treffen. Worte reichen dafür nicht aus, um das zu beschreiben. Überhaupt blicke ich um mich und erkenne erleichterte Gesichter, erschöpfte Gesichter und – stolze Gesichter.

Etwas später ist es ein denkwürdiges Schauspiel, wie wir uns auf die Betten verteilen. Um das mal zu erklären: Es gibt einen verwinkelten, großen Raum mit zahlreichen Nischen. In jeder Nische gibt es zwei in die Wand eingelassene Etagen. Jede davon bietet drei Schlafstellen nebeneinander. Und los geht es: Menschen verbünden sich. Menschen fragen nach Obdach. Menschen verhandeln. Es sind ganz auf die Basis reduzierte Bedürfnisse. Dann hat jeder seine Koje, und es geht zum Abendessen.
Nun ist es Zeit für ein paar grundlegende Dinge, die ich beobachtet habe:
Es ist erstaunlich, wie sich unsere Truppe auch auf schwierigen Pfaden unterhalten kann. Tatsächlich ist es auch erklärtes Ziel der Gipfeltour, dass Teilnehmer hier zueinander finden. Es klappt, ganz ohne Zweifel. Titel, Funktion, Alter, Verdienst spielen keine Rolle mehr. Auf Neudeutsch heißt das „Netzwerken“, auf Altdeutsch „Schwatzen“.
Draußen begrüßt uns Wetter wie aus der Waschküche, nur in kalt. Ganze Berge sind hinter einer weißen Wand verschwunden. Aufstehen um 6 Uhr, Frühstück gegen 7 Uhr. Um 7.45 Uhr geht es dorthin, wo kein Fußballfan hinwill: in den Abstieg. Der Wind schneidet ins Gesicht wie ein frisch geschärftes Klappmesser aus der Tiefkühltruhe. Der Regen ist von jener Sorte, die es schafft, in wirklich jede Körperöffnung zu kriechen. Alle haben sich in wasserdichte Stoffe gepackt.

Ich frage mich, warum sich die anderen so intensiv übers Schnarchen unterhalten. In meiner Nische war es schön ruhig, und ich habe super geschlafen. Was nicht zuletzt an der leichten sportlichen Betätigung des Vortags und der ausreichenden frischen Luft liegt. Na ja, und ein bisschen am Hellen und dem wundervollen Abend, an dem wir alle unfassbar viel erzählt und gelacht haben.
Nora erklärt mir das Ergebnis ihrer langjährigen Studien: Diejenigen, die fröhlich und entspannt am Frühstückstisch sitzen, haben nachts meist geschnarcht. Alle anderen schauen eher müde und/oder verkniffen drein. Ich muss zugeben, dass da was dran sein kann.
Immerhin: Je tiefer wir am Berg gelangen, desto wegger ist der Wind. Unterwegs beschließen wir, den Weg abzukürzen. Ich blicke mich um. So richtig enttäuscht schaut niemand drein.
Wir tapsen weiter durch Wasser, Schlick und Geröll. Doch der Gesprächsfreude der feucht-fidelen Fröhlichen tut auch das keinen Abbruch.
Wir gelangen in einen Ort mit Häusern und Bus-Anschluss. Wir sind da! Der Bus bringt uns zurück nach Oberstdorf. Zum Bahnhof.

So endet eine denkwürdige Tour mit einer wunderbaren Wandertruppe. Ich habe Dinge gesehen, die ich nie zuvor sah. Ich habe gelacht. Ich habe geflucht (nur ganz leise). Ich habe geschwitzt. Ich habe gehofft. Ich habe Schmerzen. Eine Wade hat wieder zugemacht, und meine Knie wollen sich von mir trennen. Doch das ist mir egal, denn es war wundervoll.
Einige Gruppenmitglieder begeben sich gleich auf den Heimweg. Andere gehen in die Dampfbierbrauerei. Darunter auch ich, denn ich höre den Leberkäs mit Spiegelei und Bratkartoffeln schon bis zum Bahnhof rufen.
Nach dem Schmaus ist es aus. Und wir fahren nach Haus. Und nächstes Jahr? Sind wir wieder dar. Ist doch klar.
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