„Dann mache ich mir Sorgen um die deutsche Lebensversicherung“. Torsten Uhlig, Vorstandsvorsitzender der Signal Iduna, hat gestern Abend vor Journalisten in Hamburg deutliche Kritik an der aktuellen Altersvorsorgereform geäußert – und eine nicht allzu positive Prognose für die Lebensversicherungsbranche und deren Vertrieb abgegeben.
Dass es nach zwei Jahrzehnten höchste Zeit für eine grundlegende Reform der viel zu komplexen Riester-Förderung wurde – geschenkt. Dass die Politik den Kreis der Förderberechtigten um die Selbstständigen erweitert hat – gut. Die Einführung des staatlichen Standardprodukts aber, geht ihm deutlich zu weit.
„Ist das richtig, dass der Staat die Regeln macht, Spieler stellt und dann auch noch Schiedsrichter ist?“ Uhlig findet das nicht. Konkret befürchtet der Signal-Iduna-Chef, dass das staatliche Standardprodukt mit einem Kostendeckel von einem Prozent und digitalem Abschlussweg de facto zum marktbeherrschenden Anbieter wird. Denn: „Da ist ein Vertrauensvorschuss, weil der Staat dahinter ist“, sagt Uhlig.
Selbst bei vergleichbaren Risiken könnte das zu Wettbewerbsnachteilen für private Anbieter führen – und sie vielleicht sogar verdrängen. Sollte die Reform in ihrer jetzigen Form umgesetzt werden, drohe der Lebensversicherung ein schleichender Bedeutungsverlust – bis hin zu der Frage, ob sie in fünf bis zehn Jahren überhaupt noch eine zentrale Rolle in der Altersvorsorge spielt.
„Altersvorsorgesparen wird bis 2030 nicht mehr ausschließlich in Versicherungsbeiträgen stattfinden“, glaubt Uhlig. Stattdessen verlagere sich das Geschäft zunehmend in Richtung Kapitalanlage und Asset Management. Bereits heute stellt sich die Signal Iduna strategisch darauf ein, sieht sich mit der Signal Iduna Asset Management gut aufgestellt. Für klassische Lebensversicherer bedeute das aber eine tiefgreifende Transformation – im Extremfall bis hin zum Bedeutungsverlust ihres Kerngeschäfts.
Könnte auch das Fondspolicen-Geschäft und andere Lebensversicherungsprodukte Schaden nehmen? Uhlig: „Ich denke, dass auch da eine kritische Zeit anbrechen könnte.“ Das hänge aber beispielsweise auch davon ab, wie schnell der Staatsfonds startklar sein. Auch die Rolle des Versicherungsmaklers werde sich wohl ändern, stärker in die thematische Richtung Investment und Produktivkapital.
Ein weiterer Kritikpunkt Uhligs betrifft die Kapitalanlage: Dass staatliche Fördergelder künftig in den MSCI World – also primär in US-amerikanische Technologiekonzerne – fließen sollen, findet der Signal-Iduna-Chef politisch unklug. „Kann es sein, dass wir in Zukunft mit Steuergeldern Kapitalanlagen im MSCI World fördern?“ Sein Plädoyer: ein Kapitalanlagerahmen, der Investitionen in europäische oder deutsche Infrastruktur bevorzugt.
Besonders scharf kritisiert Uhlig den in das Reformgesetz hineingeschriebenen Beratungsverzicht beim Standardprodukt. „Ich sehe es absolut kritisch, dass in einem so komplexen Thema wie Altersversorgung ein Beratungsverzicht mitdefiniert wird“, betont Uhlig.
Altersvorsorge sei ein komplexes, beratungsintensives Thema – gerade angesichts der vielen Riester-Verträge, die nun auf neue Produkte umgestellt werden müssten. Ein Riester-Sparer mit zwei Kindern, der in ein Standardprodukt wechsle, könnte möglicherweise finanziellen Schaden erleiden, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Signal Iduna hat selbst etwa 100.000 Riester-Renten im Bestand, und wird diese Kunden systematisch anschreiben, um mögliche Alternativen zu besprechen. Ziel ist es, die Bestandskunden zu halten.
Eine weitere Reform steht in diesem Jahr an: die der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die Empfehlungen der Finanzkommission Gesundheit bewertet Uhlig differenziert. Alles, was auf der Leistungserbringerseite zu Kostensenkungen führe – etwa im Pharmabereich –, wirke für beide Systeme positiv.
Ein mögliches Zukunftsfeld für die PKV sieht er im Krankengeld für Selbstständige. Derzeit biete die GKV diesen Schutz theoretisch an, aber weniger als 20 Prozent der Selbstständigen hätten ihn tatsächlich abgeschlossen. In der PKV liege die Quote dagegen bei über 50 Prozent. Sein Vorschlag: Das Krankengeld für Selbstständige sollte grundsätzlich von der PKV angeboten werden – als klare Abgrenzung und zugleich als gesellschaftlicher Beitrag.
Ebenfalls als Wachstumsfeld sieht Uhlig die betriebliche Krankenversicherung (bKV). Gerade für mittelständische Handwerksbetriebe – eine Kernzielgruppe von Signal Iduna – sei der schnelle Zugang zu Facharztterminen ein echter Mehrwert, den Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden bieten könnten. Allerdings kritisiert er die steuerrechtliche Gleichstellung der bKV mit einem Fitness-Gutschein oder Tankgutschein: „Das ist völlig daneben“, sagt er. Um die Verbreitung der bKV zu erhöhen, plädiert Uhlig für eine Angebotspflicht mit Opt-out-Recht.
Zur Beitragsanpassung in der PKV erläutert Uhlig die Hintergründe der für Signal Iduna ungewöhnlich hohen Anpassung zum Jahreswechsel 2025/2026. Nach einem Serviceproblem im Jahr 2023, das zu einem Rückstand bei der Leistungsbearbeitung geführt und entsprechend erhöhten Leistungsausgaben 2024 geführt habe, sei die Anpassung von 2023 auf 2024 mit rund 3 Prozent weit unter dem Marktschnitt von 15 Prozent geblieben.
Zum letzten Jahreswechsel musste diese Lücke aufgeholt werden – rund 20 Prozent im Durchschnitt, mit Einsatz von über 500 Millionen Euro aus der Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) zur Begrenzung der Spitzenbelastung. Die Realisierungsquote: 95 Prozent statt der geplanten 90 Prozent – ein Zeichen für die Akzeptanz der Kunden, findet Uhlig.
Torsten Uhlig präsentierte noch einige Zahlen der Signal Iduna für 2025. Die gebuchten Bruttobeiträge stiegen auf rund 7,2 Milliarden Euro. „Das Jahr 2025 war tatsächlich das erfolgreichste Vertriebsjahr in der Geschichte der Signal Iduna“, freut sich der Signal-Iduna-Chef. Der Neugeschäftsbeitrag lag über alle Versicherungszweige hinweg erstmals bei über 400 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 393 Millionen Euro gewesen.
Die drei großen Sparten verteilen sich wie folgt: Die Krankenversicherung kommt auf 3,6 bis 3,7 Milliarden Euro Beitrag, der Kompositbereich überschritt die 2-Milliarden-Grenze, die Lebensversicherung bleibt mit Abstand die kleinste Sparte. Für 2026 rechnet Uhlig mit einem weiteren deutlichen Sprung der Beitragseinnahmen – auf 7,8 bis 7,9 Milliarden Euro –, getrieben vor allem durch die notwendige Beitragsanpassung in der Krankenversicherung, die allein rund 600 Millionen Euro Beitragswachstum beisteuern dürfte. Die Leistungsausgaben blieben nahezu stabil und lagen sogar leicht unter dem Vorjahreswert, was Uhlig auf die Nachholeffekte des Jahres 2023 zurückführte.
Ein strategisches Wachstumsziel, das Uhlig nicht am Beitragswachstum allein misst: Der Mittelzufluss – also auch Spar- und Anlagegelder außerhalb klassischer Versicherungsbeiträge – ist zur zentralen Steuerungsgröße geworden. Hintergrund: Mit dem Wandel der Altersvorsorge hin zu fondsgebundenen Asset-Management-Lösungen werde das Sparen zunehmend außerhalb der Lebensversicherung stattfinden.
Im Bereich Kundenzufriedenheit meldet Uhlig ebenfalls Fortschritte: Der Net Promoter Score (NPS) habe sich besser entwickelt als das Teilziel für 2025 vorgab. Das strategische Ziel: Bis 2030 unter den Top fünf der Versicherer im Bereich Weiterempfehlung zu landen.
Im Handwerk – der historischen Kernzielgruppe von Signal Iduna – liegt der Marktanteil bei 6,8 Prozent, knapp unter dem angestrebten Wert von sieben Prozent. Bis 2030 will Uhlig in den Kernzielgruppen einen Marktanteil von zehn Prozent erreichen und damit die Marktführerschaft in diesem Segment anstreben.
Uhlig zeichnet das Bild einer Branche im Umbruch. Die Altersvorsorgereform setzt neue Rahmenbedingungen, die Geschäftsmodelle von Versicherern und Maklern gleichermaßen herausfordern. Gleichzeitig eröffnen Reformen im Gesundheitssystem neue Chancen für die PKV. Für die Signal Iduna selbst fällt die Zwischenbilanz jedoch positiv aus – mit einem Rekordjahr im Vertrieb im Rücken und strategischen Anpassungen für die Zukunft.
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