Schon bevor ein Krieg im Nahen Osten die Wirtschaft durchschüttelt, legt der Strom der Wirtschaft hier und da eine Zwangspause ein. Am 2. September 2025 rollt zum Beispiel bei Jaguar Land Rover ein brisantes Statement vom Band. JLR, wie sich das britische Unternehmen kurz nennt, wurde Opfer eines Hackerangriffs. Es sei noch nicht klar, ob Kundendaten abgeflossen sind, heißt es. Aber man habe vorsorglich die Systeme heruntergefahren.
Am 29. September, fast vier Wochen später, dann die Meldung: „Einige Bereiche unserer Produktion“ könne man „in den kommenden Tagen“ wieder aufnehmen und Weltklasse-Fahrzeuge herstellen, wie JLR seine eigenen Vehikel bescheiden nennt. Experten bezeichnen den Angriff als den schädlichsten in der britischen Geschichte und beziffern den Schaden auf mehr als 2 Milliarden Euro. Und vor allem: Mehr als 5.000 Organisationen seien davon betroffen gewesen.
Denn mit JLR fiel wochenlang ein wichtiger Abnehmer für Produkte aus. Wer also Kolben, Muffen und Lenkräder liefern wollte, blieb drauf sitzen. Was zur Frage führt, wie man in einer derart globalisierten Welt Lieferketten versichern kann. Einer Welt, in der Spannungen zunehmen und Konflikte jederzeit ausbrechen können.
Hört man sich um, wird schnell klar, dass das nicht einfach zu beantworten ist. „Es gibt nicht die eine Versicherung. Man muss sich bei jedem Unternehmen einzeln die Lieferketten ansehen und fragen: Wo sind die Risiken, und welche Risiken sind das?“, sagt Marcel Roeder, Chief Broking Officer für Deutschland beim Großmakler Aon. Unter anderem seien Daten und Unterlagen dafür zu prüfen, ebenso wie Risiken in bestimmten Regionen.
Ähnlich drückt man sich beim Industrieversicherer FM aus: „Unsere Versicherungslösungen sind ebenso individuell wie die jeweiligen Risikoexpositionen – abhängig von Branche, Standortstruktur und Abhängigkeiten innerhalb der Lieferkette“, sagt Nigel Todd, Client Service Manager bei FM in Deutschland. In seinem Haus bündelt man alles in der All-Gefahren-Police FM Advantage. Klingt vielleicht erstmal nach Schutz von der Stange. Doch die Police lässt sich bei jedem Kunden genau auf die Bedürfnisse anpassen. Parameter und einzelne Risiken lassen sich zuschneiden.
Aber, und da kommen wir tatsächlich mal auf einen gemeinsamen Nenner, das Fundament ist die Betriebsunterbrechungspolice. Sie sichert zunächst eigene Schäden ab. Im Falle von JLR wären das etwa weiterlaufende Gehälter, Mieten und entgangener Gewinn.
Doch das sind die Eigenschäden. Was ist aber mit den Zulieferern, die wochenlang auf ihren Produkten sitzen bleiben? Einerseits könnten sie Schadensersatz von JLR verlangen, was deren Haftpflichtversicherung übernehmen sollte. Andererseits sollten sie sich auch selbst versichern. Und das können sie, indem sie die eigene Unterbrechungsversicherung um sogenannte Rückwirkungsschäden erweitern.
Grundsätzlich läuft es dann so: Entsteht bei einem Abnehmer (also JLR) oder Lieferanten ein versicherter Schaden, übernimmt die Versicherung die Kosten dafür, dass der eigene Betrieb durch die fehlende Liefermöglichkeit unterbrochen ist.
Aon-Spezialist Marcel Roeder hält solche Erweiterungen für absolute Pflicht. Allerdings schauen die Versicherer genau hin, welche Drittunternehmen sie mit einbeziehen. Dort prüfen sie wiederum deren Risiken, denn die versichern sie ja. Doch die Sache hat zwei Haken: Erstens deckeln Versicherer diesen Schutz gern über Sublimits. Zweitens reicht er nicht allzu weit die Lieferkette hinauf. Die erste Ebene, also direkte Geschäftspartner, sind nicht das Problem. Knifflig wird es ab der zweiten Ebene, also beim Zulieferer für den Zulieferer. Doch zum Teil lässt sich die Deckung auch auf solche weiteren Ebenen ausdehnen, teilt etwa der Industrieversicherer Allianz Commercial mit.
Einen interessanten Trend auf diesem Gebiet beobachtet Marcel Roeder. Die sogenannten parametrischen Versicherungen decken konkrete, einzelne Risiken ab. Das Besondere daran ist, dass weder Versicherungsnehmer noch Zulieferer selbst einen Sachschaden erleiden müssen. Vielmehr geht es um vorher bestimmte Vermögensschäden, wenn der eigene Ablauf unterbrochen ist. So lassen sich sogar mehrstufige Lieferketten absichern.
Häufig bezieht sich das auf Naturgefahren: Dürren im Kakao-Gebiet lassen sich ebenso versichern wie Hochwasser in Australien und Erdbeben in der Türkei. Doch die Sache hat einen Nachteil: „Weil diese Risiken früher oder später mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten, sind die Policen oft sehr teuer und zudem auch nur in limitierter Höhe erhältlich“, erklärt Roeder. Allerdings zahlen die Versicherer deutlich schneller als bei anderen Policen, weil die Parameter für den Versicherungsfall über messbare Kriterien fest definiert sind und deshalb nicht viel zu prüfen ist.
Das sind nur kleine Ausschnitte aus einem hochverzweigten, komplexen Thema. Zum Beispiel ist immer auch zu prüfen, wie weit die Transportversicherung gilt und wann die Sachversicherung im Bereich der stationären Risiken übernimmt, gibt etwa Bernd Gatterer zu bedenken, der das Team Marine Underwriting bei der Zurich leitet. Zusammen mit dem Kunden und Vermittler gehe es um Schnittstellen und Übergabepunkte. „Die große Kunst ist es, die Versicherungen als Teil des Risikomanagements auf das Geschäftsmodell und den Bedarf des Kunden abzustimmen“, sagt Gatterer. Und am Ende steht das Ziel, das sein Haus in drei Worten zusammenfasst: die „Resilienz der Lieferkette“.
Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.