„Das wird nicht funktionieren“

Finanzwissenschaftler über das Rentensystem in Deutschland

Im Gespräch erklärt Jochen Ruß vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften, was die Ampelkoalition gerade bei der Altersvorsorge falsch macht, was er von Aktien in der Rente hält und warum die Riester-Rente doch gar nicht so schlecht ist.
Finanzwissenschaftler Jochen Ruß: „An möglichst vielen Stellschrauben gleichzeitig drehen“
© Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften
Finanzwissenschaftler Jochen Ruß: „An möglichst vielen Stellschrauben gleichzeitig drehen“

Vor wenigen Wochen legten Jochen Ruß, Alexander Kling und Andreas Seyboth vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften eine Studie mit dem Titel „Thesen zur Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland“ vor (mehr zum Inhalt lesen Sie hier). Wir baten Jochen Ruß zum Gespräch und fragten, wie Berlin das Rentensystem überhaupt noch retten kann.

Pfefferminzia: Herr Ruß, warum landet unser Rentensystem in der Grütze?

Jochen Ruß: Ob es in der Grütze landet, wie Sie es nennen, hängt davon ab, wie wir mit den anstehenden Herausforderungen umgehen, die aber in der Tat sehr groß sind. Die demografische Entwicklung sorgt nämlich dafür, dass sich das zahlenmäßige Verhältnis zwischen alten und jungen Leuten verschiebt. Heute müssen 100 Erwerbstätige 31 Rentner finanzieren. Ende der Dreißigerjahre werden es schon zwischen 44 und 49 sein. Danach wird das Problem zwar langsamer wachsen, es wird aber wahrscheinlich nicht kleiner.

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Was sollte die Regierung nun tun?

Dafür müssen wir zwischen zwei Problemen unterscheiden. Eines ist das, was in den Dreißigern mit voller Wucht auf uns zukommt. Das andere ist die langfristige Stabilisierung danach.

Steuerzuschüsse irgendwann im Billionenbereich

Dann bitte zuerst mit voller Wucht.

Wir haben nur dann eine Chance, wenn wir an möglichst vielen Stellschrauben gleichzeitig drehen. Arbeiten wir ausschließlich mit Steuerzuschüssen, würden wir rein theoretisch irgendwann im Billionenbereich ankommen. Schieben wir nur das Rentenalter nach hinten, müssten die Menschen bis 77 arbeiten. So etwas geht natürlich nicht, weshalb schon der gesunde Menschenverstand sagt, dass man an vielen Stellen ansetzen muss.

Danach sieht es aber zurzeit nicht aus.

Tatsächlich sieht der Koalitionsvertrag vor, dass das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken, der Beitragssatz nicht über 20 Prozent steigen und das Eintrittsalter nicht erhöht werden soll. Es ist völlig klar, dass das nicht funktionieren wird. Wenn wir drei wichtige Stellschrauben für tabu erklären, können wir das System bald nicht mehr finanzieren. Das Rentenniveau muss sinken, und Beitrag und Eintrittsalter müssen steigen. Damit das möglichst moderat ausfällt, muss auch Kapitaldeckung eine wichtigere Rolle spielen, aber dieser Aspekt hat zahlreiche Facetten, die man unterscheiden muss.

 

Tolle Aussichten. Gibt es eigentlich noch irgendeine Chance, dass sich das demografische Problem doch noch löst?

Nein. Außer, es passiert etwas ganz Radikales. Die Demografie ist schon angelegt. Die 40- oder 50-jährigen Beitragszahler, die uns in 30 Jahren fehlen, sind ja schon vor 10 oder 20 Jahren nicht geboren worden. Das kriegt man übrigens auch mit Zuwanderung nicht gedreht.

Seite 2: „Umlage und Kapitaldeckung unterliegen komplett unterschiedlichen Risiken“

Nun zu den langfristigen Maßnahmen.

Da hilft innerhalb der gesetzlichen Rente eine kapitalgedeckte Mitfinanzierung. Das sind diese berühmten 10 Milliarden Euro, die im Koalitionsvertrag stehen, aber leider im aktuellen Haushalt nicht mehr auftauchen. Ich hoffe, dass man das wieder ändert und rasch weiter ausbaut. Es geht bei dem Konzept übrigens gerade nicht darum, neue Produkte einzuführen, sondern darum, die bereits versprochenen gesetzlichen Renten nicht nur aus zukünftigen Beiträgen, sondern auch aus einem Kapitalstock zu bezahlen.

Was ist daran so toll?

Ich finde das schon aus Gründen der Risikostreuung gut. Umlage und Kapitaldeckung unterliegen komplett unterschiedlichen Risiken. Die Umlage ist anfällig gegenüber Demografie und Konjunktur, aber weitgehend immun gegen Kapitalmarktrisiken. Bei der Kapitaldeckung ist es genau umgekehrt. Deshalb sollte man beides in der gesetzlichen Rente mischen.

Wenn der Staat plötzlich Fondsmanager spielt …

Und zusätzlich ein aktienbasiertes Produkt vom Staat anbieten?

Ruß Jetzt kommen wir zu den vielen Facetten der Kapitaldeckung. Bei investmentfondsartigen Produkten sehe ich eine Mitwirkung des Staats deutlich kritischer. Ich frage mich ernsthaft, ob der Staat hier wirklich eigene Produkte anbieten sollte.

Fondsmanager im Finanzministerium sind merkwürdig?

Sie haben recht. Wenn der Staat plötzlich Fondsmanager spielt, wird das Risiken und Nebenwirkungen haben. Bei dem oben beschriebenen Kapitalstock in der gesetzlichen Rente geht es nicht anders. Aber aktienbasierte Maßnahmen außerhalb der gesetzlichen Rente sollten privatwirtschaftlich laufen, um diese Risiken und Nebenwirkungen zu vermeiden. Aber ich finde noch eine zweite Sache wichtig.

Ich höre.

Zeit. Kapitaldeckung braucht Zeit. Wenn wir bei null mit einem neuen System anfangen, wird es sehr lange dauern, bis das was bringt.

Leider müssen wir das aber.

Eben nicht. Wir haben ein System, in das Millionen von Menschen schon seit 20 Jahren einzahlen.

„Aktien schützen vor Inflation“

Falls Sie die Riester-Rente meinen, die ist doch verunglückt.

Aber wir fangen dann nicht bei null an. Deshalb bin ich dafür, dass wir die Riester-Rente reformieren, damit sie zukunftsfähig ist. Das geht mit einfachen Mitteln.

Wie stellen Sie sich das vor?

Als allererstes muss die 100-prozentige Beitragsgarantie weg. Als die Riester-Rente eingeführt wurde, lagen die Zinsen noch so hoch, dass rentable Produkte mit Beitragsgarantie möglich waren. Beim heutigen Zinsniveau geht das nicht mehr, weil die Rendite zu stark gebremst würde. Außerdem bringen zu hohe Garantien gar keine Sicherheit.

Wie bitte?

Wenn ich auf die Kaufkraft schaue, die ja für die Sparer relevant ist, zeigt sich ein interessanter Effekt. Ein gewisses Maß an Aktien schützt nämlich vor Inflation, denn langfristig laufen beide ähnlich. Wenn ich mit der Garantie höher als 70 oder 80 Prozent gehe, sinkt zwar das Risiko aus den wackelnden Aktienkursen. Dafür steigt das Inflationsrisiko, und das Produkt kann für den Anleger unterm Strich riskanter werden.

Seite 3: „Trotz Warnungen viel zu spät reagiert“

Und was sollte man bei der Riesterrente noch reformieren?

Der Zulagenprozess muss deutlich einfacher werden, damit die Verwaltungskosten sinken – hier wurden vor wenigen Wochen bereits einige sinnvolle Maßnahmen umgesetzt. Gerne kann es auch ein staatlich reguliertes, einfaches und leicht vergleichbares Standardprodukt geben, das jeder Anbieter mindestens im Köcher haben muss. Das Grundprinzip der staatlichen Förderung muss aber erhalten bleiben. Denn es reduziert die Schere zwischen Arm und Reich, weil von der Riester-Zulage die Armen überproportional profitieren. Von rein steuerbasierten Förderungen profitieren hingegen die Reichen am meisten.

„Wenn wir jetzt gar nichts tun, ist das auch höchst ungerecht“

Alle heute noch jungen Menschen müssen also für die jetzigen Rentner zahlen und parallel dazu einen Kapitalstock aufbauen? Das ist nicht fair.

Wenn wir jetzt gar nichts tun, ist das gegenüber der nächsten Generation auch höchst ungerecht. Wir können leider nicht ändern, dass jüngere Menschen neben der gesetzlichen Rente zusätzlich etwas tun müssen. Es ist eine Konsequenz aus dem demografischen Wandel und daraus, dass wir – trotz Warnungen, die es mindestens seit den 80er Jahren gibt – viel zu spät reagiert haben.

Über den Interviewten

Jochen Ruß ist Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Entwicklung fortschrittlicher Lebensversicherungen und finanzmathematische Themen zu Lebensversicherungen und deren Zweitmarkt.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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