PKV

Für wen ambulante Zusatzversicherungen sinnvoll sein können

Stationäre Krankenzusatz- und auch Zahnzusatzpolicen erachten viele gesetzlich Krankenversicherte als sehr lohnend. Bei den ambulanten Zusatzversicherungen sind die Meinungen geteilt.
Eine Ärztin zeigt einem Patienten sein Röntgenbild
© picture alliance / dpa Themendienst | Christin Klose
Patient beim Arzt: Ob ambulante Zusatztarife sinnvoll sind, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Trotz der schwierigen Begleitumstände in der Corona-Pandemie habe der Bestand aus privaten Voll- und Zusatzversicherungen im vergangenen Jahr um fast 950.000 Versicherungen auf 37,1 Millionen zulegen können, frohlockte der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) Ende Januar. Schaut man genauer hin, zeigt sich allerdings, dass dieses Wachstum einzig und allein dem Geschäft mit Zusatzversicherungen zu verdanken ist.

Während die Zahl der Zusatzpolicen um 3,4 Prozent auf 28,4 Millionen wuchs, sank die Zahl der Vollversicherungen leicht um 0,1 Prozent und liegt aktuell bei 8,7 Millionen. Insofern überrascht es nicht, dass sich der PKV-Verband gern und ausgiebig mit der schöneren Geschichte befasst: „Immer mehr Menschen nutzen die Chance zu privater Vorsorge, um den Leistungsumfang der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufzustocken“, resümiert PKV-Verbandschef Ralf Kantak in einer Mitteilung.

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„Den Leistungsumfang der GKV aufstocken“ – mit diesem Kernargument bewerben private Krankenversicherer ihr jeweiliges Tarifangebot zu ambulanten Zusatzversicherungen. „Patient 1. Klasse mit einer ambulanten Zusatzversicherung“, heißt es etwa bei der Hanse-Merkur aus Hamburg. Auch Versicherungsmakler veranschaulichen ihren Kunden gern, was ein ambulanter Zusatzschutz zu leisten vermag und warum diese sinnvoll ist. „Je nach Tarif können Sie eine Kostenübernahme für Sehhilfen, Medikamente, Vorsorge, Untersuchungen oder Behandlungen durch Heilpraktiker vereinbaren“, erklärt ein Video-Clip, den der Pool Blau Direkt seinen angebundenen Maklern für die Verbraucheransprache zur Verfügung stellt. Außerdem sei „eine Laserbehandlung Ihrer Augen“ versicherbar, heißt es im Video. Tenor: ein Paket, ganz viel drin!

Verbraucherschützer scheinen derartige Pakete hingegen eher mit einer Blackbox zu vergleichen. „Sie wollen als gesetzlich versicherte Person im ambulanten Bereich behandelt werden, wie ein/e Privatpatient/in? Das ist möglich, aber nicht günstig, und bezahlt wird von einer entsprechenden Zusatzversicherung auch nicht immer alles“, heißt es in einem Ratgeber des Bundes der Versicherten (BdV). Und weiter: „Private Krankenzusatzversicherungen für den ambulanten, zahnärztlichen und stationären Bereich sichern keine Risiken ab, die den Lebensstandard gefährden können“, geben die Verbraucherschützer zu bedenken.

Versicherungsmakler und PKV-Spezialist Sven Hennig empfindet diesen wohlmeinenden Rat der Verbraucherschützer hingegen als etwas lebensfern: „Zunächst einmal sollte klar sein, es gibt durchaus Nachfrage“, beurteilt Hennig die Situation in der ambulanten Zusatzvorsorge, die hierzulande immerhin schon mehr als 8 Millionen Menschen, darunter vor allem Frauen, abgeschlossen haben. „Für Menschen ist eine hochwertige Brille ein wichtiger Punkt. Auch in den Bereichen Sehen in Bezug auf Korrektur der Augen mittels Laser oder auch in der Absicherung von teuren Hörgeräten ist solch ein Bedarf, oder nennen wir es eine Nachfrage, vorhanden“, sagt Hennig. So mag es für manche Menschen lächerlich erscheinen, „die 300 Euro für die Brille versichern zu wollen“, so der Makler weiter. „Wenn ich dieses Geld aber sonst nicht habe, mich nicht zum Sparen zwingen kann – und im Fall der Fälle eine Brille möchte, dann löst man das entweder durch eine Police oder ein Darlehen. Zusatztarife sind also immer dann sinnvoll, wenn diese – wie andere Versicherungen auch – Risiken abdecken, die ein Loch in meinen Geldbeutel reißen würden und die ich so einfacher bezahlen kann.“

Versicherungsmakler Stefan Bierl erlebt es in seinem Vermittleralltag ganz ähnlich: „Oft ist nicht entscheidend, ob wir das Produkt oder die Sparte favorisieren oder nicht – meist hat hier der Kunde die klare Vorstellung, dass er diesen Bereich absichern möchte.“ Zwar könne es Sinn ergeben, sich einfach die Beiträge auf die Seite zu legen, gewissermaßen fiktiv, etwa für einen Zahnersatz – aber das wollen viele Kunden nicht, weiß Bierl. „Sie haben Angst vor der großen Einmalzahlung.“

Gleichwohl sind auch die Tarife selbst keine Schnäppchen. Die Beiträge, die jeden Monat anfallen, starten zum Beispiel in der hochwertigsten Variante „Ambulant Exklusiv“ der Hanse-Merkur für einen 30-jährigen Mann bei knapp 40 Euro im Monat – und das auch nur, wenn die drei dazugehörigen Gesundheitsfragen mit „Nein“ beantwortet werden. Fehlt dem Kunden hingegen ein Zahn im Gebiss und finden bereits zahnärztliche Maßnahmen statt oder sind Maßnahmen geplant, verteuert sich die Police um 3 Euro. Immerhin bekommt „Mann“ im Gegenzug eine beeindruckende Leistungs-Hitliste geboten: Für Heilmittel und Medikamente wird der gesetzliche Eigenanteil übernommen, für Brillen und Kontaktlinsen gewährt der Versicherer 200 Euro alle zwei Jahre – oder gar jährlich, sofern sich die Sehschärfe um mindestens 0,5 Dioptrien verändert. Hinzu kommen Leistungen für Heilpraktiker sowie Zahnersatz und Inlays (jeweils 90 Prozent der Gesamtkosten, also einschließlich GKV-Vorleistungen).

Ebenfalls im Paket enthalten: Krankenhausaufenthalt, stationäre Kuren und Reha-Maßnahmen (jeweils 10 Euro am Tag) sowie die Behandlung während des Auslandsurlaubs und Schutzimpfungen vor Auslandsreisen. Wer sich für den einfachsten der drei Hanse-Tarife entscheidet, zu knapp 10 Euro im Monat, muss dann aber zum Beispiel auf Medikamentenerstattungen und Zuschüsse für Kontaktlinsen und Heilpraktikerleistungen verzichten – auch die Kostenübernahme beim Zahnersatz schrumpft von 90 auf 25 Prozent zusammen, Inlays sind gar nicht mehr versichert.

„Buffet-Ansatz“ mit Tücken

Solch ein „Buffet-Ansatz“ kann auch dahin gehend Tücken haben, dass der Überblick über die tatsächlichen Leistungsansprüche verloren zu gehen droht. „Nur die wenigsten Kunden wissen nach unserer Erfahrung über die genauen Leistungen Bescheid“, bestätigt Makler Bierl. „Viele Bündelpolicen haben aus unseren Alltagserfahrungen auch enorme Deckungslücken. Leistung bei Zahnersatz von 30 bis 50 Prozent ist keine Seltenheit.“ Auch seien viele ältere Policen nie aktualisiert worden, sofern es der Gesundheitszustand denn zulässt. Immerhin seien jedoch die meisten Tarife im Laufe der Jahre immer besser geworden, was die Vertragsbedingungen angehe, lobt Bierl.

Aber lohnt es sich für Makler eigentlich, ambulante Tarife zu verkaufen – und spielen sie im Vertriebsgeschäft von PKV-Maklern eine nennenswerte Rolle? „Jein“, entgegnet Bierl. „Wir gehen im PKV-Zusatzgeschäft nicht über die Masse oder möchten gar Leads über das Internet generieren“, stellt er klar. Daher biete man eine Beratung zu PKV-Zusatzpolicen ausschließlich festen Bestandskunden an – oder jenen, die es werden möchten. „Der Beratungsaufwand ist hierbei nicht zu unterschätzen – Stichwort Aufbereitung der Gesundheitshistorie“, sagt Bierl.

Kollege Sven Hennig sieht es so: „Der Schutz gehört angesprochen und zumindest die Möglichkeiten angerissen. Bei eigenen Kunden mache ich das über meinen Blog und den Newsletter. Wer es liest, tut es, wen es nicht interessiert, der ignoriert es. Aber gerade bei der Beratung eines Partners zur PKV kommt das Thema von selbst. Denn können Kinder oder Partner nicht in die PKV oder ist es nicht sinnvoll, dann bieten sich hier Absicherungen auch als Ergänzung des ambulanten Bereiches an.“

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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