Eiopa lobt und tadelt

„Höhere Prämien für alte, loyale und schutzbedürftige Verbraucher“

Versicherer bearbeiten kleinere Schäden schneller und besser. Dafür schrauben sie an anderen Stellen an Preisen und Verträgen. Und Digitaltechnik ist bei weitem nicht immer ein Segen. Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa hat ihren Bericht zu den Konsumententrends 2021 in Versicherung und Altersvorsorge vorgelegt. Hier sind die wichtigsten Punkte im Überblick.
© picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres
Uferpromenade von Los Cristianos auf Teneriffa im November: Einige Anbieter schränkten Reiseversicherungen ein oder nahmen sie vom Markt. Andere legten neue auf und warben mit Covid-19-Schutz
Probleme mit fondsgebundenen (hybriden) Produkten

Dass die Bruttoprämie mit Gewinnbeteiligung um 10 Prozent zurückging, ließ auch die Bruttoprämien in der Lebensversicherung insgesamt sinken. Ein Ergebnis des Niedrigzinsumfelds, das den Schwerpunkt von traditionellen Produkten mit Garantien schneller zu fondsgebundenen Versicherungen verlagert.

Während Verbraucher dadurch höhere Renditen erreichen können, beobachtet die Eiopa noch eine Reihe von Verhaltensproblemen. Insbesondere verstehen Verbraucher nach wie vor diese Produkte nicht gut genug, beziehungsweise sind einige Produkte sehr komplex. Darüber hinaus sind manche fondsgebundenen Produkte teuer und komplex und kommen mit hohen Provisionen daher. Was die Bedenken hinsichtlich möglicher Fehlverkäufe und des Preis-Leistungs-Verhältnisses weiter verstärkt.

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Schneller digitalisieren – mit Chancen und Problemen

Die Digitalisierung in der Branche hat sich weiter beschleunigt. Nationale Wettbewerbsbehörden berichteten über mehr Innovationen über den gesamten Produktlebenszyklus. Wobei Verkauf und Vertrieb die am stärksten betroffenen Teile sind:

  • Die Zahl der Verkäufe über elektronische Kanäle ist im Nicht-LV-Geschäft weiter hoch und nimmt im LV-Geschäft erheblich zu. 13 Mitgliedstaaten gaben an, dass in den vergangenen drei Jahren mehr oder sogar deutlich mehr über elektronische Kanäle abgesetzt wurde
  • Die digitale Transformation hat sich auch auf Preise und Underwriting ausgewirkt, da die Unternehmen den Verbrauchern digitale Plattformen anbieten, damit sie Produkte auf sich zuschneiden können. Zugleich nutzen sie Verfahren, um Preise zu optimieren
  • Zwar darf man das Risiko nicht unterschätzen, dass Menschen durch Digitaltechnik ausgeschlossen werden. Trotzdem gaben die meisten Verbraucher an, dass sie digitale Werkzeuge bevorzugen und mögen. Und zwar jene, über die sie mit ihrem Vermittler und ihrem Versicherer in Kontakt treten können
  • Probleme durch Interessenkonflikte und begrenzte Produktauswahl auf digitalen Plattformen müsse man weiter beobachten
  • Darüber hinaus berichteten nationale Wettbewerbsbehörden über mehr Betrugsfälle, die sich sowohl gegen Verbraucher als auch gegen Versicherer richten
Weiter Probleme durch schlecht bearbeitete Schäden, aber immerhin Fortschritte

Bei der Schadenbearbeitung hat sich einiges verbessert. Fortschritt durch Technik scheint die wichtigste Triebkraft zu sein, die mehr Vorgänge vereinfacht und automatisch ablaufen lässt. Insbesondere bei geringen und häufig auftretenden Schadenfällen.

Seite 2: Neue Lücken im Versicherungsschutz und Versicherer, die an Preisen schrauben

Nichtsdestotrotz werden weiterhin Probleme gemeldet, wobei neun nationale Wettbewerbsbehörden Schadenregulierung als Problembereich bezeichneten. Dabei geht es um: niedrigere Zahlungen als erwartet, langwierige und komplizierte Abwicklungsverfahren und unzureichende Begründungen, weshalb der Versicherer nicht zahlt. Das betrifft vor allem Auto-, Reise- und Haushaltsversicherungen.

Ausschlüsse und neu entstandene Schutzlücken

Die Pandemie und mehr Naturkatastrophen werfen die Frage auf, ob einige Produkte nicht zu kompliziert sind. Nachdem die Schaden- und Kostenquoten für Betriebsunterbrechungs- und Reiseversicherungen stark stiegen, führten viele Versicherer weitere Ausschlüsse bei bestimmten Produkten ein. Oder sie nahmen Produkte vom Markt, wodurch sich Schutzlücken vergrößerten. Dem steht gegenüber, dass Verbraucher nach der Pandemie mehr Reiseversicherungen abschließen wollten und neue Produkte auf den Markt kamen, die mit Covid-19-Deckung warben.

Die Zunahme der systemischen Risiken macht deutlich, dass es nach wie vor Probleme mit unklaren Ausschlüssen, dem dafür nur begrenzten Verständnis der Verbraucher und einseitigen Änderungen der Bedingungen gibt, die über Reise- und Betriebsunterbrechungsprodukte hinausgehen.

Die nationalen Aufsichtsbehörden berichten über Probleme in der Hausrat- und Krankenversicherung. Dort stieg die Zahl der abgelehnten Schadenersatzforderungen in den Sparten Krankheitskosten (über 25 Prozentpunkte) sowie Feuer und sonstige Sachschäden (fast 30 Prozentpunkte).

Sogenannte Preisoptimierungsverfahren

Dieser Trend ist zwar noch nicht in ganz Europa verbreitet, aber mehr als die Hälfte der nationalen Wettbewerbsbehörden stellte fest: Versicherer berechnen die Prämien verstärkt mithilfe von Techniken, die das Risikoprofil der Verbraucher nicht berücksichtigen. Das ist auch unter dem Namen Preisoptimierungspraktiken bekannt und betrifft hauptsächlich Kfz (59 Prozent der gemeldeten Fälle) und Haushalt (29 Prozent der gemeldeten Fälle).

Die Praktiken sind in erster Linie Ergebnis starker Konkurrenz und neuer Techniken, die durch moderne Datenverarbeitung und Analytik möglich werden.

Wichtigste Folge sind höhere Prämien für alte, loyale und schutzbedürftige Verbraucher. Es wurden auch Fälle von unrechtmäßiger indirekter Diskriminierung beobachtet, was längerfristig mehr Verbraucher finanziell ausgrenzen könnte.

Seite 3: Private Altersvorsorge greift weiter um sich

Mehr private Altersvorsorge

Nicht alle Mitgliedstaaten in der EU haben gut entwickelte und ausgewogene Pensions- und Rentensektoren, die Staatliches (erste Säule), Betriebliches (zweite Säule) und Persönliches (dritte Säule) kombinieren.

Aufgrund von Wirtschaft und Politik in den Mitgliedstaaten verlagern sich Lasten von den staatlichen Renten auf die privaten Rentenanbieter, die infolgedessen oft eine wichtigere Rolle spielen, um ein angemessenes Alterseinkommens zu sichern:

  • Bei der betrieblichen Altersversorgung stieg die Zahl der Anwärter und Leistungsempfänger in der Eurozone weiter. Die bereits in den Vorjahren festgestellte Verlagerung von leistungsorientierten Systemen zu beitragsorientierten Systemen bleibt bemerkenswert.
  • Auch die Zahl der persönlichen Rentenprodukte stieg in den meisten Ländern. Dabei sind Deutschland, Italien und Spanien die größten Märkte in der EU.
  • Da das einzige paneuropäische Standardrentenprodukt (PEPP) noch nicht auf den Markt gekommen ist, sind die Trends in der privaten Altersvorsorge sehr unterschiedlich, weil es auch die Produkte sind.
Nachhaltigkeit (ESG) in der Vorsorge

Langfristiges Sparen für die Rente kann die Realwirtschaft finanzieren und ermöglicht es den Rentensparern, am Wirtschaftswachstum teilzuhaben. Darüber hinaus kann die Altersvorsorge eine wichtige Quelle für nachhaltige Finanzierungen sein. Doch wegen der langfristigen Anlageperspektive müssen Umweltrisiken und ESG-Faktoren eine Rolle spielen.

Marktteilnehmer passen derzeit ihre internen Anlagestrategien und Offenlegungsunterlagen an die im Mai 2021 in Kraft getretene Offenlegungsverordnung (SFDR) an. Außerdem überarbeiten sie ihr Produktangebot, um dem wachsenden Interesse an nachhaltigen Anlagen gerecht zu werden. Es ist allerdings noch zu früh, um zu bewerten, wie sich das alles weiter auswirkt, auch in Bezug auf das sogenannte Greenwashing, bei dem sich Anbieter nachhaltiger darstellen als sie eigentlich sind.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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