Der Umfang der Wagniskapitalinvestitionen in Fintech-Unternehmen im Versicherungssektor hat sich im Vergleich zu 2014 vervierfacht. Oscar, das Start-up im Bereich Krankenversicherungen aus New York City, wurde zum Aushängeschild für Kundenbindung und ist der lebende Beweis dafür, dass Versicherungen richtig attraktiv sein können.
Mit Axa Strategic Ventures hat Axa einen 200 Millionen schweren Venture-Capital-Zweig für neu aufkommende versicherungsbezogene Innovationen geschaffen. Unternehmen wie die Allianz, Met Life und Ping An haben es dem Konzern gleichgetan. Aviva hat damit begonnen, erfahrene Mitarbeiter von Google und Amazon einzustellen, um seine Technologie auf den neuesten Stand zu bringen. Startupbootcamp hat den Start seines ersten sogenannten „Insurance Accelerator Programs“ in London angekündigt, das von Allianz, Admiral und Lloyds unterstützt wird.
Und wir sind der Auffassung, dass 2015 erst der Anfang war. Wir gehen davon aus, dass „Insurtech“ 2016 regelrecht boomen wird. Vier Faktoren werden diese Entwicklung unserer Meinung nach vorantreiben; dabei handelt es sich um Schwachstellen der Versicherer. Jede dieser Schwachstellen führt dazu, dass die Notwendigkeit immer größer wird, die digitale Transformation zu beschleunigen, – und dass das Interesse neuer Unternehmen und Akteure geweckt wird, im Versicherungsbereich tätig zu werden.
1. Das aktuelle Kostenniveau ist viel zu hoch
Eine Versicherung, das heißt die Übertragung eines Risikos von einem Verbraucher auf einen Versicherer, ist eine teure Angelegenheit. Einen Anteil von 20 bis 40 Prozent der Prämien müssen die Versicherer für Betriebskosten und die Kosten für Kundenakquise, Marketing und Vertrieb – und damit nicht für die Versicherungsleistung selbst – aufwenden.
Versicherungsgesellschaften suchen daher nach Möglichkeiten, im Hinblick auf alle Hauptkostenbestandteile – Schadenaufwendungen, Betriebskosten und Kosten für Kundenakquise – effizienter zu wirtschaften. Kurzfristig ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer differenzierteren Annahmepolitik, einer Reduzierung der Risiken, eines verbesserten Schadenmanagements sowie eines kosteneffizienten Service.
Die Ausgaben der Versicherungsträger für den Kauf von und Investitionen in Technologie werden in Zukunft weiter rasant ansteigen – ebenso wie die Anzahl der Anbieter von Fintech-Lösungen, die diesen Bedarf bedienen wollen.
2. Im Bereich Kundenbindung besteht großes Verbesserungspotenzial
Die Bewertung der meisten Versicherer nach dem Net Promoter Score fällt schlecht aus. Im Laufe ihrer Beziehung mit dem Versicherer erleben die meisten Kunden zahlreiche Unstimmigkeiten. Versicherungen basieren noch immer auf Durchschnittszahlen, bieten gleichförmige Produkte für alle an und arbeiten mit Papier und herkömmlichen Vertriebskanälen. Die Entwicklung bei den Versicherungsgesellschaften verändert sich hin zu digitalen Technologien und dem Angebot von Fintech-Unternehmen zur Verbesserung der Bindung zwischen Versicherer und Kunden.
Alle diese Unstimmigkeiten in der Kundenerlebniskette führen aber auch dazu, dass neue Teilnehmer in den Markt drängen, die passendere Konzepte anbieten wollen. Von Oscar hört man beispielsweise folgendes: „Wir haben dieses Unternehmen nicht gegründet, weil wir Krankenversicherungen lieben. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall.“
Wir dürfen nicht vergessen, dass der Versicherungsmarkt enorm attraktiv ist. Laut McKinsey beläuft sich das Volumen des weltweiten Markts für Versicherungen auf insgesamt 4 Billionen US-Dollar. Ein Markt dieser Größenordnung, der sich durch eine große Anzahl von Mängeln und einen hohen offensichtlichen Bedarf auszeichnet, zieht selbstverständlich branchenfremde Investoren, Unternehmer und „Blue-Chip“-Unternehmen an.
3. Das Internet der Dinge ist gerade erst auf dem Radar aufgetaucht
Vernetzte Fahrzeuge, vernetzte Häuser und vernetzte Gesundheitsgeräte (E-Health) werden schon bald allgegenwärtig sein. All diese vernetzten Geräte produzieren eine Flut an Daten, die genutzt werden können, um Risikobewertungen zu verbessern, neue Produkte und Leistungen anzubieten und neue Einkommensquellen und Wachstumsmöglichkeiten zu eröffnen.
Eine kürzlich von Roland Berger/EFMA durchgeführte Umfrage unter 23 europäischen Versicherern hat jedoch gezeigt, dass diese noch Zweifel hegen. Etwa 60 Prozent der Befragten haben erste Projekte mit vernetzten Fahrzeugen durchgeführt, jedoch waren diese meistens auf die Verwendung von Telematik-Daten für die Zwecke eines differenzierteren Risiko- und Schadenmanagements beschränkt.
Eine Entwicklung völlig neuer Produkte und die Eröffnung gänzlich neuer Einkommensquellen auf Basis all dieser bereitgestellten Kontextinformationen haben bisher kaum stattgefunden. In den Bereichen vernetzte Häuser und E-Health ist sogar noch weniger passiert. Das hat eine ganze Reihe von neuen Marktteilnehmern auf den Plan gebracht, die das wirtschaftliche Potenzial der von Fahrern, Hauseigentümern und Nutzern von Gesundheitsgeräten produzierten Daten erkannt haben.
Dabei handelt es sich um zahlreiche Start-ups im Technologiebereich, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, basierend auf dem Internet der Dinge innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Jedoch auch große Namen aus der Verbrauchertechnologiebranche wie etwa Amazon, Apple, Google, Microsoft, Philips, Samsung und Siemens haben das Internet der Dinge zu einem Schwerpunkt ihrer Strategie erhoben.
Die großen Automarken, die nach neuen Einnahmequellen Ausschau halten, sind ebenfalls aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und drängen zunehmend in den Versicherungsbereich, indem sie sich verstärkt auf Verkauf, Vertrieb und Schäden konzentrieren – in der Art und Weise, in der sie in den vergangenen Jahrzehnten im Bereich Neuwagen-Finanzierung eine zunehmend wichtige Rolle eingenommen haben.
4. Die Innovationsgeschwindigkeit war bis jetzt beschränkt
Im Vergleich zu anderen Verbraucherbranchen war das Verlangen nach Innovation in der Versicherungsbranche schon immer gering. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie Google Search und andere Suchmaschinen zum Preisvergleich für Versicherungen wie Moneysupermarket.com, Comparis.ch, independer.nl und Check24.de die Dynamik im Markt grundlegend verändert haben.
Die Rentabilität in der Vergangenheit führte dazu, dass den Versicherern die Dringlichkeit von Veränderungen nicht bewusst war. Überholte Verträge und persönliche Interessen im Maklervertrieb sorgten dafür, dass alle innovativen Ideen im Sande verliefen.
Nun wagen die Versicherungsträger den Sprung ins 21. Jahrhundert. Sie haben wohl kaum eine andere Wahl. Falls sie die steigenden Anforderungen und Erwartungen der Kunden nicht erfüllen, werden sie ihren Marktanteil an traditionelle Konkurrenten verlieren, denen es gelingt, den richtigen Ton zu treffen. Und an neue Marktteilnehmer mit digitaler DNA, die durch den Einsatz von Technologien niedrigere Kosten und einen verbesserten Service erzielen können.
In den nächsten Teilen dieser Serie stellen Ihnen die Autoren Fintechs und ihre Lösungen für typische Schwachstellen der Versicherer vor.
Über die Autoren
Roger Peverelli und Reggy de Feniks sind die Autoren des weltweiten Bestsellers Reinventing Financial Services (deutscher Titel: Wie sich die Finanzbranche neu erfindet) und die Gründer der Digital Insurance Agenda und der DIA Barcelona, der ersten weltweiten Community und Konferenz, welche die Entscheider und Innovatoren der Versicherungsunternehmen und die Leitfiguren der Fintech-Branche zusammen bringt.
Walter Capellmann ist Co-Autor der deutschen Edition „Wie sich die Finanzbranche neu erfindet“. Gründer von Capellmann Consulting und Hauptbevollmächtigter der Monuta Versicherungen.
Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.