15 Jahre Riester-Rente

„Vielen ist es zu anstrengend, gegen den medialen Shitstorm anzutreten“

15 Jahre ist sie mittlerweile alt und kommt aus den Diskussionen doch noch nicht heraus: die Riester-Rente. Wir haben mit Riester-Experte Joachim Haid über Riester-Schelte, Riester-Pausen, Riester-PIB und die Riester-Weiterentwicklung gesprochen.
© Softfin
Joachim Haid ist Geschäftsführer des Softwarehauses Softfin und neben der Bayerischen Mitgründer der Initiative pro Riester.

Pfefferminzia: 15 Jahre ist die Riester-Rente nun alt. Die Zahl der Neuabschlüsse stagniert seit einiger Zeit – mit Ausnahme des Wohn-Riesters. Wie erklären Sie sich diese Riester-Müdigkeit?

Joachim Haid: Zum einen erklärt sich das damit, dass in diesen 15 Jahren rund 40 Prozent der Personen, die förderfähig sind, bereits die Riester-Rente nutzen. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass die Verbraucher durch Verbraucherschützer, Politiker und Medien jahrelang mit pauschalen Behauptungen, von denen sachlich viele falsch sind, verunsichert wurden.

Dass der Bereich „Wohn-Riester“ – womit meist Riester-Bausparverträge gemeint sind – gegen den Trend die vergangenen Jahre stark angewachsen ist, lässt sich ebenfalls leicht erklären. Zum einen damit, dass Verbraucherschützer häufig die Aussage treffen, dass es sich dabei um eine der kostengünstigsten Riester-Tarifarten handeln würde – was, wenn man bis zum Eintritt in die Rentenphase die komplette Laufzeit berücksichtigt, leider nicht stimmt. Primär aber damit, dass seitdem es das Eigenheimrentengesetz eben über 200.000 Bausparkassenvertreter die Riester-Rente in Form eines Riester-Bausparvertrages anbieten können.

Da ist es nachvollziehbar, dass bei dieser Zahl der Vertreter, die fast der Zahl aller Versicherungsvermittler – Vertreter, Mehrfachvertreter und Versicherungsmakler – entspricht, hier Wachstum festzustellen ist.

Manche Versicherer ziehen sich aus dem Markt zurück oder machen eine Riester-Pause, warum?

Für den Rückzug gibt es mehrere Gründe. Um den erhöhten Verwaltungsaufwand, der mit einer Riester-Rente verbunden ist, kostentechnisch sinnvoll darstellen zu können, bedarf es einer bestimmten kritischen Masse an Bestandsverträgen. Viele Anbieter konnten diese die vergangenen Jahre nicht erreichen.

Seit Einführung der Riester-Rente ist der garantierte Höchstrechnungszins mehrmals nach unten verändert worden. Von 3,25 Prozent im Jahr der Einführung auf aktuell 0,9 Prozent. Hat nun ein Anbieter viele Verträge aus der Anfangszeit im Bestand, ist es aufgrund der aktuellen Niedrigzinsphase für diesen nicht so leicht, die Garantien zu erwirtschaften. In Kombination mit den erhöhten finanziellen Anforderungen an Versicherungen durch Solvency II müssen solche Anbieter häufig viel Eigenkapital binden. Das kann oder will sich schlicht nicht jeder Anbieter leisten.

Vielen ist es aber auch vermutlich schlicht zu anstrengend, hier jahrelang gegen den medialen Shitstorm anzutreten.

Und wieso die Riester-Pausen?

Der Grund für eine Riester-Pause liegt zum einen daran, dass oft die notwendige Nach- oder Neuzertifizierung der Bedingungswerke durch die Senkung des Höchstrechnungszinses und der damit verbundenen Tarifneukalkulation nicht rechtzeitig zum 1. Januar 2017 abgeschlossen werden konnte.

Einige Anbieter haben auch bisherige klassische und fondsgebundene Angebote aus den oben bereits genannten Gründen vom Markt genommen und werden im Laufe des Jahres mit einer neuen Tarif-Art zurückkehren. Wir werden die nächsten Monate sicherlich einige neue Riester-Tarife in der Tarif-Art moderne oder kapitaleffiziente Klassik sehen.

Was entgegnen sie Kritikern, die behaupten, die Riester-Rente sei gescheitert und man solle sie abschaffen?

Meist kann man hier kurz mit „stimmt nicht“ antworten. Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung hat vor ein paar Monaten über 1.200 Riester-Verträge ausgewertet, die sich bereits in der Rentenphase befinden. Dabei ergab sich eine durchschnittliche Rendite von 3,64 Prozent nach Kosten pro Jahr.

Parallel hat die Bayerische einmal in ihren Bestand langjähriger Riester-Verträge geschaut und dabei feststellt, dass die bisherige Wertentwicklung bis zu 3,5 Prozent pro Jahr auf Basis des Gesamtbeitrages liegt, beziehungsweise bei bis zu 14,5 Prozent jährlich auf Basis der Eigenbeiträge der Kunden.

In der aktuellen Niedrigzinsphase respektable Werte, wie ich finde. Da sollen die Kritiker erst einmal Alternativen zeigen, die bei gleicher Sicherheit und Flexibilität auf vergleichbare Ergebnisse kommen.

Wieder andere halten das Produkt nach wie vor für sinnvoll und wollen sie weiterentwickeln. Wie würden Sie das Produkt verbessern, um es an die heutigen Gegebenheiten anzupassen?

Im Rahmen der Initiative pro Riester, eine gemeinschaftliche Gründung meines Softwareunternehmens der Softfin und der Bayerischen, haben wir im Herbst 2016 unsere Anregungen für die Optimierung der Riester-Rente im politischen Berlin vorgestellt.

Darunter waren Punkte wie die Herabsetzung oder Individualisierung der Bruttobeitragsgarantie, die Freistellung von der Anrechnung auf die Grundsicherung im Alter, die Dynamisierung der Zulagen und des geförderten Höchstbetrages und die Ausweitung der direkt förderberechtigten Personen auf alle Steuerzahler – also etwa auch auf Selbstständige. Einige dieser Punkte sind im Reformpaket der Regierung zumindest teilweise bereits enthalten und sollen 2018 in Kraft treten.

Für welche Kundengruppen ist die Riester-Rente nach wie vor geeignet und warum?

Wer sich damit beschäftigt, weshalb die Riester-Rente eingeführt wurde, nämlich um die Auswirkungen der vorangegangen Rentenreform 2000/2001 wieder ausgleichen zu können, der beantwortet diese Frage damit, dass die Riester-Rente für alle Verbraucher wichtig ist, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Die höchsten Förderquoten haben Personen mit zwei oder mehr Kindern und Berufstätige mit entsprechend hohem zu versteuernden Einkommen.

Glauben Sie, dass die neuen Produktinformationsblätter für Riester- und Rürup-Produkte die Transparenz und Vergleichbarkeit der Produkte erhöhen werden?

Die neuen Produktinformationsblätter, kurz PIB, sollten sowohl Verbrauchern, als auch Vermittlern die Vergleichbarkeit der Kosten unterschiedlicher Riester- und Rürup-Angebote erleichtern. Bereits vor fünf Jahren habe ich ausgeführt, weshalb das nicht der Fall sein wird, wenn die PIB so kommen, wie damals geplant. Dieser Fall ist nun eingetreten.

Die neuen PIB schaffen keine zusätzliche Transparenz, sondern eher eine babylonische Verwirrung. Währen Angebote von Versicherern beispielsweise bei der Ermittlung der Effektivkostenquote die biometrischen Kosten der Absicherung des Langlebigkeitsrisikos bereits in der Ansparphase einkalkulieren müssen, fehlen sie bei Riester-Sparplänen komplett. Grund dafür ist, dass diese erst beim Übertritt in die Rentenphase entstehenden. Die Berücksichtigung dieses Aspekts wurde bei den Vorgaben der PIB schlicht vergessen.

Die Folge: Riester-Sparpläne weisen fälschlicherweise systembedingt eine deutlich niedrigere Effektivkostenquote aus, als Riester-Rentenversicherungen. Der Verbraucher als Laie vertraut auf die Angaben und vergleicht die ausgewiesenen Werte. Wofür würden Sie sich als Laie, dem das nicht bewusst ist, entscheiden? Für ein Produkt, dass eine Effektivkostenquote von teilweise unter einem Prozent ausweist, oder für eine Versicherungslösung, die 2 Prozent und mehr ausweist, weil hier eben bereits die biometrischen Kosten enthalten sind?

Das Thema Altersvorsorge und Rente allgemein kristallisiert sich als ein Wahlkampfthema heraus. Was halten Sie davon?

Das Thema Altersvorsorge betrifft einen großen Teil der Bevölkerung und ist geeignet zu polarisieren. Verständlich, dass Politiker im Wahlkampf versucht sind, das für sich zu nutzen. Persönlich sehe ich es wie Walter Riester, der vergangenes Jahr bei einer von der Initiative pro Riester organisierten Podiumsdiskussion sagte: „Das Thema Altersvorsorge sollte aus dem Wahlkampf herausgehalten werden“.

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