Pionierarbeit im Vertrieb

So gelingt moderne Finanzberatung für Frauen

Frauen vor Altersarmut schützen – das ist eine große Aufgabe für den Versicherungsvertrieb. Oft nehmen Kundinnen die Beratung aber als unpassend und belehrend wahr. Wie Maklerinnen und Makler hier zu Pionieren moderner Beratung werden können, beschreiben Samira Harkat und Susanne Bartels vom Maklerinnenkollektiv Feminin Finance.
Papierarbeiten und Kinderbetreuung im Home Office, multitasking mit Laptop und Kind zu Hause.
© Drazen Zigic / Freepik.com
Arbeitende Mutter mit Kind: Die Kinderbetreuung inklusive Teilzeitarbeit sorgt unter anderem für geringere Rentenansprüche von Frauen.

Altersarmut ist weiblich. Denn obwohl sich die Gesellschaft im Wandel befindet, sind die Bedingungen für ökonomische Gleichstellung weiterhin ungleich. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei Care-Arbeit, Elternzeit und Einkommen werden von Jahr zu Jahr kleiner.

Doch von gleichen Voraussetzungen kann keine Rede sein: Die Strukturen verändern sich – jedoch schleppend. Die statistische Faktenlage verdeutlicht die prekäre finanzielle Situation vieler Frauen. Doch Altersarmut ist kein privates Problem. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen auf drei Ebenen:

  • Strukturell: Etwa durch steuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting oder fehlende Kinderbetreuungsplätze.
  • Institutionell: Durch eine Finanzbranche, deren Produkte und Kommunikation oft an männlichen Lebensläufen orientiert sind.
  • Individuell: Durch persönliche Prioritäten, Wissenslücken oder ungleiche Rollenverteilungen in Partnerschaften.

 

„Frauen müssen sich eben mehr kümmern“: Gerade, weil die Verantwortung in der Praxis oft auf die individuelle Ebene verschoben wird, kommt der Beratung eine Schlüsselrolle zu. Maklerinnen und Makler bewegen sich an der Schnittstelle zwischen privaten Lebensentscheidungen und institutionellen Rahmenbedingungen. Ihre Arbeit allein kann strukturelle Schieflagen nicht beheben, doch sie schützt längst nicht nur Einzelne vor Altersarmut – sondern stärkt das Fundament sozialer Gerechtigkeit.

Vertrauen: Die Währung der Kundinnenbeziehung

Die Versicherungs- und Finanzdienstleistungsbranche hat ein Imageproblem. Zu lange war die Branche vom Provisionsverkauf geprägt, nicht vom echten Interesse an den Lebensrealitäten der Kundschaft. Frauen spüren das besonders deutlich. Viele erleben Beratungsgespräche als unpersönlich, belehrend oder schlicht unpassend für ihre individuelle Situation. Wenn auf konkrete Fragen zu Vereinbarkeit, Elternzeit oder Teilzeit nur Standardprodukte folgen, entsteht kein Vertrauen – sondern Distanz.

Dabei wünschen sich gerade Frauen, die finanzielle Verantwortung übernehmen wollen, etwas anderes: Ehrlichkeit, Transparenz und individuelle Begleitung. Das bestätigen Studien ebenso wie die Praxiserfahrung aus der Frauenfinanzberatung. Eine marketingorientierte Ansprache der Zielgruppe Frau ohne entsprechende Spezifizierung des Angebots führt nicht zur Verbesserung der eigentlichen Schieflage. Es geht um Kommunikation auf Augenhöhe, die biografische Unterschiede und strukturelle Nachteile anerkennt. Ist eine Vollzeitkarriere der Maßstab einer Beratung, werden viele Lebensrealitäten zur Abweichung – vor allem jedoch die von Frauen.

Die gute Nachricht: Vertrauen lässt sich zurückgewinnen. Wer Beratung als partnerschaftlichen Prozess versteht, wer zuhört statt zu überzeugen, wer aufklärt statt verkauft, schafft Nähe und Glaubwürdigkeit. Gerade Maklerinnen und Makler haben die Chance, hier neue Standards zu setzen: weg vom reinen Produktverkauf, hin zu echter Finanzberatung, die das Leben ihrer Kundinnen versteht – und ernst nimmt.

Praxis: Von prekären Zahlen zu soliden Lösungen

Finanzplanung muss also auch vielfältige Lebensrealitäten abbilden – und zwar durch Lebensphasenorientierung. Ob verheiratete Angestellte, alleinerziehende Unternehmerin oder pflegende Angehörige. Entscheidende Einflüsse auf die Altersvorsorge berücksichtigen klassische Rentenlückenrechner nicht. Darum ist das Stichwort Individualisierung relevant – nicht nur in der Beratung von Frauen, doch hier eben ganz besonders. Flexible Beitrags­optionen, Nachversicherbarkeit und temporäre Unterbrechungen sind essenziell, während Fondssparpläne oder ETF-basierte Rentenlösungen mehr Anpassungs­fähigkeit und Handlungsspielraum bieten.

Ein beispielhafter Leitfaden verdeutlicht die strategischen Handlungsfelder:

#1 Erwerbs- und Einkommensbiografie antizipieren

In der Beratungspraxis sollten Teilzeitphasen, Elternzeiten und Pflegeverantwortung als feste Bestandteile der Lebensplanung modelliert werden. Schon wenige Jahre reduzierter Erwerbstätigkeit können Rentenanwartschaften und Sparfähigkeit spürbar mindern. Der Hinweis auf die Kontenklärung bei der gesetzlichen Rentenversicherung ist ein unterschätzter erster Schritt.

#2 Kapitalstock und Sparrate anpassen

Frauen leben im Durchschnitt länger, verfügen aber statistisch gesehen über geringere Einkommen. Ein längerer Ruhestand erfordert daher einen höheren Kapitalstock. Flexibel gestaltete Sparmodelle – etwa Fondssparpläne mit anpassbaren Beiträgen – erlauben eine proportionale, aber machbare Sparquote, die sich an Einkommensphasen orientiert.

#3 Vorsorgeprodukte differenzierter wählen

Da die gesetzliche Rente selten ausreicht und die betriebliche Altersvorsorge bei Frauen seltener genutzt wird, gewinnen private Lösungen an Bedeutung. Produkte mit Beitragspausen, Nachzahlungsmöglichkeiten oder steuerlicher Förderung sollten auf Lebensphasen und Einkommensverläufe abgestimmt werden. Risiko- und Einkommensschutz – etwa über Berufsunfähigkeits- oder Hinterbliebenenabsicherungen – ergänzt diese Strategien. Entscheidend ist die Langfristperspektive: Altersvorsorge muss mit dem Leben mitwachsen.

#4 Lebensumstände berücksichtigen, Szenarien aufzeigen

Trennung, Pflege oder Alleinleben im Alter verändern finanzielle Risiken erheblich. Eine Beratung, die Altersvorsorge und Einkommenssicherung gemeinsam denkt, stabilisiert den Vorsorgeplan und senkt langfristig den offenen Kapitalbedarf. Der Vergleich verschiedener Erwerbsmodelle – etwa Vollzeit versus Teilzeit mit Elternzeit – verdeutlicht Renten- und Kapitalunterschiede anschaulich. Solche Simulationen erhöhen Transparenz und Entscheidungsbereitschaft – und fördern finanzielle Eigenverantwortung.

Geldfragen sind Beziehungsfragen

Gerade in Partnerschaften entstehen finanzielle Ungleichgewichte häufig unbemerkt. Wenn eine Partnerin familiäre Aufgaben übernimmt und der andere den Großteil des Einkommens erwirtschaftet, ist das zunächst eine gemeinsame Entscheidung – aber auch eine gemeinsame Verantwortung. Wer ökonomisch profitiert, sollte die Vorsorgelücken des anderen aktiv mit ausgleichen. Das kann über Eheverträge, private Rentenverträge oder regelmäßige Sparbeiträge geschehen. Eine faire Partnerschaft zeigt sich nicht zuletzt an geteilter finanzieller Weitsicht.

Beratung kann hier vermitteln, bevor Abhängigkeiten entstehen. Gemeinsame Haushaltsplanung, getrennte Rücklagen, Risikolebensversicherungen bei gemeinsamen Krediten, Hinterbliebenenversicherungen, klare Regelungen für Eltern-/Pflegezeiten – schützen beide Seiten. Die ersten Schritte sind dabei niedrigschwellig, wie beispielsweise die Frage nach Bezugsberechtigungen in bestehenden Vorsorgeverträgen. Eine gemeinsame Finanzplanung entlastet Männer von der alleinigen Verantwortung und stärkt Frauen in ihrer finanziellen Eigenständigkeit.

Nachhaltige Beratung als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor

Gute Beratung kostet Zeit – und zahlt sich mehrfach aus. Maklerinnen und Makler, die Altersvorsorge nicht als Produkt, sondern als Prozess verstehen, arbeiten nachhaltiger und wirtschaftlich klüger. Frauen bilden eine der größten und zugleich am wenigsten erschlossenen Zielgruppen im Markt. Viele von ihnen verfügen über Einkommen, Vermögen oder Erbschaften, suchen aber eine Beratung, die ihre Lebensrealität abbildet. Wer sich hier positioniert, gewinnt Kundinnen, die bleiben – weil sie sich verstanden fühlen. Das spiegelt sich in geringeren Stornoquoten, stabileren Beständen und Weiterempfehlung wider.

Der wirtschaftliche Konflikt zwischen Zeitaufwand und Ertrag lässt sich auflösen, wenn Beratungsprozesse effizienter gestaltet werden. Digitale Tools, modulare Betreuung und flexible Kommunikationsformate ermöglichen mehr Nähe bei geringerem Aufwand. Es geht nicht darum, mehr Gespräche zu führen, sondern die richtigen – solche, die Vertrauen aufbauen und individuelle Verantwortung fördern. In einer Branche, die zunehmend von Automatisierung geprägt ist, wird Empathie zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

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Die Branche im Wandel: Veränderungstreiber und Vorbilder

Eine veränderte Herangehensweise von Maklerinnen und Maklern kann Bewegung im gesamten System auslösen. Wenn sie den unzureichenden Fokus vieler Versicherer auf Frauen offen ansprechen, entsteht Handlungsdruck. Denn wo der individuelle Bedarf der Kundin sichtbar wird, wächst der Anspruch, ihn zu decken.

Gleichzeitig gibt es in der Branche bereits viele positive Beispiele und Vorreiter. Zahlreiche Versicherer bieten schon heute Produkte, die die realen Lebensphasen von Frauen erkennen. Kritisiert wird oft, dass geschlechterspezifische Produkte weder gesetzeskonform noch wirtschaftlich darstellbar seien – das entspricht einer argumentativen Abkürzung, die den Status quo zementiert. Doch es sind keine tatsächlichen Frauen-Produkte notwendig, sondern ein Mitdenken vielfältiger Lebensentwürfe. Unisex-Tarife zeigen durch Bausteine wie flexible Beitrags­modelle oder anpassbare Leistungskomponenten, dass faire Vorsorge möglich ist. Diese Lösungen verdienen Anerkennung und Sichtbarkeit. Denn sie beweisen, dass Gleichstellung keine Utopie bleibt, sondern sich rechnen kann.

Diese Ansätze können Vorbild sein. Sie zeigen, wie Produktentwicklung und Beratung gemeinsam wirken können: Wenn Versicherer, Maklerinnen und Makler am selben Strang ziehen, entsteht echte Innovation. Gemeinsam werden sie Teil eines sozialen Fortschritts – als Profession, die das Leben von Kundinnen und Kunden langfristig begleitet. Wenn Frauen nicht mehr als Sonderfall gelten, weil es flächendeckend kompetente, faire Lösungen gibt, verändert das auch den Maßstab: Gleichberechtigte Beratung wird zur Norm, alles andere zum Ausreißer.

Die Zeit des Marketings ohne Substanz ist vorbei. „Female Finance“ darf kein Label sein, sondern Haltung – getragen von Fachwissen, Integrität und ehrlichem Interesse. Das ist kein moralischer Appell, sondern eine betriebswirtschaftliche Chance. Die Versicherungsbranche hat damit die Möglichkeit, ihren ursprünglichen Anspruch neu zu beleben: Menschen – sowohl Frauen als auch Männer – durch alle Lebensphasen hindurch finanziell zu stärken.

Über die Autorinnen

Susanne Bartels und Samira Harkat gründeten gemeinsam das Maklerinnenkollektiv Feminin Finance. Samira Harkat gründete gemeinsam mit Susanne Bartels das Maklerinnenkollektiv Feminin Finance. Ihre Vision ist es, einen Standard zur Finanzberatung für Frauen zu etablieren. Dabei machen sie nicht nur ihre Kundinnen unabhängig. Sondern auch Maklerinnen: Durch eine Infrastruktur, die jeden Arbeitsschritt begleitet und ein Beratungstool, das Frauen ins Zentrum stellt.

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