Es ist eine der ältesten Börsenweisheiten, die es gibt. Sie ist zweifellos zynisch, aber eben auch eine der zuverlässigsten. Sie lautet: Kaufen, wenn die Kanonen donnern. Mustergültig funktioniert hatte sie im März 2003. Damals hatten die Märkte nach einem Crash über drei Jahre beinahe punktgenau zum Ausbruch des Irak-Kriegs ihren Tiefpunkt gefunden. Von da an ging es erst einmal jahrelang aufwärts.
Heute Morgen machte Russlands Präsident Wladimir Putin seine Drohung wahr und ließ seine Truppen in die Ukraine einmarschieren. Die Märkte reagierten sofort. Zurzeit liegt der deutsche Leitindex Dax im Vergleich zu gestern mit mehr als 5 Prozent im Minus (Stand: 24. Februar 2022, 14.15 Uhr).
Der Ölpreis für die Nordsee-Sorte Brent schießt um mehr als 8 Prozent nach oben auf über 105 US-Dollar je Fass (etwa 159 Liter). Ein klares Zeichen für die Furcht, dass der Nachschub an Erdöl und Erdgas durch den Krieg unterbrochen werden könnte.
Im gleichen Atemzug legen die klassischen Fluchtorte am Markt ebenfalls kräftig zu. Der Goldpreis steigt zur Minute um 3 Prozent auf fast 1.970 Dollar – ein Niveau, das er seit Sommer 2020 nicht mehr gesehen hat. Und der Kurs der zehnjährigen Bundesanleihe zieht um 0,7 Prozent an. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass Anleger in (hoffentlich) sichere Anlagen fliehen. Nur die Kryptowährung Nummer 1, der Bitcoin, versagt als sicherer Hafen völlig. Er bricht um mehr als 5 Prozent ein.
Leider trifft der Krieg die Märkte in einer ganz anderen Verfassung als etwa 2003. Sie haben einen jahrelangen Aufwärtstrend hinter sich, und von ihren Höchstständen noch nicht sehr viel verloren. Inflation und damit demnächst auch die Zinsen drehen gerade nach oben. Deshalb unterscheiden Marktteilnehmer zurzeit sehr fein zwischen defensiv bewerteten sogenannten Value-Aktien (Hui!) und hoch bewerteten Wachstumstiteln (Pfui!). Letztere leiden besonders unter steigenden Zinsen, weil ihre zukünftigen Gewinne in die Gegenwart abgezinst werden (vereinfacht ausgedrückt). Und wenn der Zinsfaktor steigt, sind die Gewinne heute weniger wert.
Seite 2: Den Zentralbanken sind die Hände gebunden
Entsprechend haben überteuerte Aktien gerade damit begonnen, Luft abzulassen. So hat der Technik-Aktienindex Nasdaq 100 von seinem Höchststand knapp 20 Prozent abgegeben. Beim Dax ging es von der Spitze hingegen „nur“ um 15 Prozent abwärts, und da ist der heutige Crash schon eingerechnet. 2003 hingegen hatte der Dax schon zwei Drittel seines Werts verloren, und die Nasdaq hatte einen kompletten Systemabsturz hinter sich. Und die Leitzinsen sanken weiter.
Gemeinsam ist allerdings, dass auch damals ein Ölförderland mit verstrickt war und sich der Ölpreis im Vorfeld des Kriegs bereits vervielfacht hatte. Was wiederum die Inflation anziehen ließ.
Und die dürfte heute das Hauptproblem sein. Denn verzeichneten Eurozone und USA zuletzt ohnehin schon Inflationsraten jenseits der Marke von 5 Prozent, verschärft der Krieg das jetzt noch. Der Ölpreis wirkt sich über Kettenreaktionen auf viele andere Preise aus. Und steigt er weiter, treibt er damit auch andere Preise. Das setzt die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank Fed noch stärker unter Druck, die Leitzinsen zu erhöhen.
Was sie hingegen nicht können, ist, die Märkte zu stützen. Konnten sie in früheren Crashs – auch im Corona-Frühling 2020 – mit gesenkten Zinsen und gekauften Anleihen reagieren, geht das jetzt nicht. Die hohe Inflation bindet ihnen die Hände. Eine Zentralbank, die jetzt die Zinsen senkt, setzt ihren letzten Rest an Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
Andersherum: Sollte Putin ganz plötzlich seine Vernunft wiederentdecken, dürfte das den Ölpreis einbrechen lassen und die Inflationssorgen eindämmen. Und die Zinsen könnten zumindest tief bleiben dürfen.
Rechnet man das alles zusammen, spricht einiges dafür, dass es mit Aktien noch ein Stück weiter abwärts gehen wird. Daran, dass Aktien langfristig aber eine starke Anlageklasse sind, besteht nach wie vor kein Zweifel.
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