Nach vielen sehr, sehr ruhigen Monaten kommt Bewegung in Anleihen und Zinsen. „Die Zinswende naht!“, oder so ähnlich tönt es derzeit laut aus den einschlägigen Überschriften. Und ja, inzwischen hat sich die Inflation dies- und jenseits des Atlantik ziemlich hartnäckig über 5 Prozent festgebissen. Das setzt selbst die sonst so stoische Europäische Zentralbank (EZB) einigermaßen kräftig unter Druck, vielleicht doch mal weniger Anleihen zu kaufen oder gar den Leitzins zu erhöhen. Die US-Kollegen von der Federal Reserve sind sogar schon einige Schritte weiter. Manche Marktbeobachter erwarten bereits, dass sie in diesem Jahr viermal die Leitzinsen höher ziehen.
Das hinterlässt Spuren am Markt für Anleihen. In den USA stieg die Rendite für zehnjährige Staatspapiere von 1,30 Prozent vor einem halben Jahr auf heute 1,79 Prozent (Stand: 17. Januar 2022). Klingt wenig, ist aber für einen solch sicheren Hafen eine ganze Menge. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert heute bei minus 0,03 Prozent und kratzt damit nach Jahren mal wieder an der Nullgrenze, vor sechs Monaten waren es noch minus 0,35 Prozent. Finanzprofis wie der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, gehen sogar davon aus, dass die Rendite in diesem Jahr noch auf 0,3 Prozent steigt. Mindestens.
Wer keine Anleihen hat, der hat auch gar kein Problem. Allerdings haben eine ganze Menge Menschen Anleihen. Zum Beispiel jeder, der irgendwie versichert ist. So meldete der Versicherungsverband GDV, dass die Geldanlagen aller Erstversicherer Ende 2020 im Durchschnitt zu 81,5 Prozent aus Anleihen bestanden. Das macht die aktuelle Entwicklung für die Unternehmen höchst brisant, sie könnte sich auf die Jahresergebnisse auswirken. Denn Anleihekurse fallen, wenn die Renditen steigen. Oder andersherum ausgedrückt: Die Rendite einer Anleihe ist höher, je niedriger der Kurs liegt. Der Gewinn liegt eben im Einkauf.
Dabei lässt sich nur schwer sagen, welcher Impuls den Ausschlag gibt: Verkaufen Anleger, weil sie höhere Renditen wollen? Oder steigen die Renditen, weil Anleger einfach raus wollen? Meistens geht jedoch beides Hand in Hand.
Der Begriff „Renditen steigen“ bezieht sich dabei immer auf die Frage: „Welche Rendite bekomme ich bis zum Laufzeitende der Anleihe, wenn ich jetzt kaufe?“ Also welchen Kursgewinn oder -verlust erziele ich bis Laufzeitende, und welche Zinsen bekomme ich bis dahin zusätzlich über den Zinskupon. Das rechnet man über eine nicht ganz einfache Renditeformel zusammen und erhält so die erwähnte ausschlaggebende Rendite. Immer unter der Voraussetzung, dass der Schuldner am Ende die Anleihe zu 100 Prozent zurückzahlen kann.
Mit zurückliegenden Kursverläufen haben diese Renditeangaben hingegen rein gar nichts zu tun. Die betreffen nur alle Anleger, die schon gekauft haben und somit investiert sind. Aber auch bei ihnen ist das Leid zeitlich begrenzt. Denn selbst wenn Anleihekurse zwischenzeitlich regelrecht absaufen, zahlt der Schuldner am Ende zu 100 Prozent zurück (wenn er denn zahlen kann). Das macht Anleihen dann doch ziemlich berechenbar, weshalb Versicherer Restlaufzeiten immer auch auf ihre Fälligkeitskalender abstimmen.
Des einen Freud ist somit des anderen Leid. Können sich jene, die noch Geld an der Seitenlinie haben, jetzt höhere Renditen einkaufen, sitzen andere erst einmal im Minus.
Um das Ausmaß der Kursverluste zu messen, hat der Finanzwissenschaftler Frederick R. Macaulay einst die gleichnamige Duration erfunden. Die sehr theoretische Größe errechnet sich aus Zinskupons und Rückzahlung und deren Zeitpunkten. Sie gibt in Jahren gemessen an, wann Anleger im Durchschnitt ihr Geld zurückbekommen. Frei übersetzt heißt das in etwa: Wenn man ein Papier länger besitzt als die Macaulay-Duration, hat man kein Zinsrisiko mehr. Theoretisch.
Seite 2: Die bessere Duration für die Praxis
Davon abgewandelt erfand man später die praktisch etwas nützlichere modifizierte Duration (modified Duration). Sie gibt an, um wie viel Prozent der Anleihekurs steigt (oder fällt), wenn das Renditeniveau um einen Prozentpunkt fällt (oder steigt). Und zwar über Nacht, so viel Theorie muss sein.
Dazu ein Beispiel:
Die Bundesanleihe mit der Kennnummer (ISIN) DE0001135044 stammt noch aus dem Jahr 1997. Deshalb hat sie noch einen Zinskupon von 6,5 Prozent. Der aktuelle Kurs liegt bei etwa 138,1 Prozent (Stand: 17. Januar 2022), und sie läuft noch bis zum 4. Juli 2027. Wer das Papier heute kauft, erleidet bis dahin eine Rendite von minus 0,41 Prozent im Jahr, sprich: einen garantierten Verlust.
Die modifizierte Duration beträgt 4,78 Prozent. Sollte also die Rendite (durch den Markt getrieben) auf 0,59 Prozent steigen, würde der Anleihekurs um 4,78 Prozent sinken. Also auf 131,5 Prozent. Und zwar über Nacht, denn die doch sehr theoretische modified Duration unterstellt nun mal genau das.
Für beide Durationsversionen gilt: Je niedriger der Wert, desto geringer schwanken die Kurse bei sich ändernden Renditen. Wobei sich die Gesamtduration eines Anleiheportfolios immer aus den gewichteten Durationen der einzelnen Positionen ergibt.
Das bringt Portfoliomanagern einen Vorteil: Wenn sie die Duration ihres Portfolios senken wollen, brauchen sie nicht groß zu kaufen und zu verkaufen. Es ist überhaupt nicht nötig, langlaufende in kurzlaufende Papiere umzuschichten. Stattdessen gehen sie am Terminmarkt einfach eine zusätzliche Position mit sehr kurzer Duration ein, meistens sogar unter null. Das senkt die Duration des gesamten Portfolios. Die wohl bekanntesten derartigen Kontrakte sind der Bund Future auf langlaufende Bundesanleihen und der Bobl Future auf mittelfristige Bundesanleihen.
Wer auf diese Art die Duration bereits in Richtung null gedrückt hat, kann dem ganzen Treiben recht gelassen zusehen. Wer nicht, sollte noch etwas Bargeld vorgehalten haben. Denn es könnte demnächst tatsächlich wieder etwas Schönes zu kaufen geben: Anleihen mit Renditen.
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