Übergang in die Rentenphase

„Geben Sie den Kunden keine Verhaltenstipps für den Ruhestand“

Die plötzliche Leere nach dem Abschied aus dem Berufsleben ist auch ein Thema für Psychologen. Birgitta Thiel bietet Rentencoaching für Menschen an, die darauf gut vorbereitet sein möchten. Pfefferminzia hat die Expertin nach den psychologischen Hintergründen zum Renteneintritt befragt.
Birgitta Thiel ist Diplom-Psychologin in Hamburg.
© Privat
Birgitta Thiel ist Diplom-Psychologin und bietet Coaching zur Vorbereitung auf den Ruhestand an.

Pfefferminzia: Warum unterschätzen viele Menschen, was der Abschied vom Berufsleben mit ihnen macht? 

Birgitta Thiel: Wir haben zwei Abteilungen im Gehirn. Die Sicherheitsabteilung ist evolutionär für Sicherheit und Struktur zuständig. Hier gilt immer Safety first. Die  Planungsabteilung ist erst im Erwachsenenleben richtig ausgereift. Unser Gehirn ist ein Vorhersageorgan und will wissen, was morgen passiert. Und das ist bei einem anstehenden Ruhestand eben nicht klar, zumal sich viele zu hohe und absolute Ziele setzen. Dann kommen natürlich noch Persönlichkeitseigenschaften dazu. Bin ich eher ein gewissenhafter Typ, der viel Planung und Sicherheit braucht, oder ein spontaner Mensch? Viele Menschen, deutlich mehr Männer als Frauen, identifizieren sich stark mit ihrer Arbeit und brauchen Struktur.

Wer ist besonders gefährdet, mit dem Ende des Berufs Kontakte und Lebensinhalt zu verlieren?  

Thiel: Viele High Performer im Job. Wenn ich mit Ingenieuren oder Physikern, also sehr analytischen Berufen, eine Bucketlist erstelle, passiert es schon mal, dass sie nach einer halben Stunde keinen Einfall haben. Wer keine Hobbys hat, ist auch eher gefährdet. Bei Verheirateten ist oft ein Thema, dass beide Partner im Ruhestand rund um die Uhr zu Hause sind und sich mit dieser Form von Alltag schwertun. Da geht es um Fragen wie: Was wollen wir zusammen und wie viel wollen wir getrennt machen? Wie wollen wir unsere Tage gestalten? Bei Familien kommen dann oft auch noch Erwartungen anderer dazu, zum Beispiel der eigenen Kinder, die erwarten, dass die Großeltern nun viel Zeit für die Enkelkinder haben.

Wie kann ein drohender Identitätsverlust am besten aufgefangen werden? 

Thiel: Es hilft, wenn sich Menschen bereits zwei Jahre vor dem Renteneintritt darüber klar werden, welche Bedeutung die Arbeit wirklich hat. Und sich vorstellen, womit sie dann Zeit verbringen möchte. Ich höre oft: Wenn ich in Rente bin, dann treibe ich mehr Sport, gehe in Museen, lerne eine Fremdsprache etc. Dann sage ich immer, warum machen sie das nicht jetzt schon? Dann gewöhnt sich nämlich das Gehirn daran. Es kann nicht einfach ein Schalter umgelegt werden; die Sicherheitsabteilung braucht mindestens ein halbes Jahr zur Konsolidierung in einem Veränderungsprozess. Und das nur, wenn dieser Prozess reibungslos verläuft. Dazu kommt, dass wir unser Selbstbild verändern müssen.

Wie sieht eine gesunde Balance zwischen Struktur und Freiheit in der ersten Zeit aus? 

Thiel: Keine zu absoluten und zu hohen Ziele setzen und für einen Übergang sorgen. Das kann zum Beispiel für reiseaffine Menschen eine mehrmonatige Kreuzfahrt sein. Das verlängert zwar die Phase, bis der Alltag als Rentner beginnt, aber für das Gehirn ist das ein Übergang. Es empfiehlt sich auch, mögliche Teilschritte und Ehrenrunden einzuplanen – ich nenne das einen inneren Kontoauszug ziehen. Eine gute Idee ist, einem nahen Verwandten oder guten Freund den Auftrag zu geben, zu sagen, wie er einen von außen wahrnimmt. Hilfreich ist auch der Kontakt zu Menschen, die in der gleichen Situation sind. Viele Firmen haben Seniorengruppen, die gemeinsam wandern und Rad fahren. Ein Ehrenamt ist auch eine gute Idee. Das sind alles neue Strukturen, die dem Gehirn helfen, mit dem erlittenen Strukturverlust gut umzugehen.

Was können Makler tun, wenn sie glauben, dass ihre Kunden Unterstützung für den Übergang in den Ruhestand brauchen, ohne unprofessionell zu werden? 

Thiel: Keine konkreten Tipps geben, denn das erzeugt meist Widerstand! Es ist besser, das Thema allgemeiner, aber mit anschaulichen Beispielen anzusprechen, die zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel: Das Thema ist derzeit in aller Munde und mein Nachbar beschäftigt sich gerade damit. Oder: Ein Bekannter geht kommendes Jahr in Rente und hat gerade ein Rentencoachingseminar bei seiner Firma mitgemacht und war total begeistert. Danach kann der Makler sagen: Haben Sie sich auch schon dazu Gedanken gemacht? Dann kommt die Botschaft viel besser an. Es ist auch legitim, dem Kunden ein Coaching vorzuschlagen.

Wann brauchen Menschen bei diesem Thema professionelle Hilfe?  

Thiel: Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Freudlosigkeit können auf eine Depression hinweisen – müssen es aber nicht. Gerade nach Jahren hoher beruflicher Anspannung erleben manche Menschen im Ruhestand zunächst eine Entlastungsreaktion: Der Druck fällt weg, das Nervensystem fährt herunter und die Erschöpfung wird überhaupt erst spürbar. Das gibt sich in der Regel wieder. Davon zu unterscheiden ist die Anpassungsstörung. Hier steht weniger die Erschöpfung im Vordergrund als die Schwierigkeit, mit der neuen Lebenssituation zurechtzukommen: Die berufliche Rolle, die gewohnte Struktur und vielleicht auch ein Stück Identität fehlen plötzlich. Deshalb ist der Verlauf entscheidend: Kommen Energie, Interesse und Freude zurück – oder bleibt das Tief bestehen? Bei Unsicherheit oder länger anhaltenden Beschwerden ist der Hausarzt eine gute erste Anlaufstelle.

Die Interviewpartnerin: Birgitta Thiel ist Diplom-Psychologin, Mediatorin und Paartherapeutin und führt eine psychotherapeutische Praxis für Beratung, Coaching und Supervision in Hamburg. Eines ihrer Schwerpunktthemen ist die Vorbereitung auf den Ruhestand, wofür sie ein individuelles Coaching anbietet.  

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Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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