Guntram Overbeck: Wenn sich die Zinssituation nicht ändert, funktioniert die Beitragsgarantie nicht mehr. Schon jetzt sind 100-prozentige Beitragsgarantien nur noch umsetzbar für Verträge mit sehr langen Laufzeiten, etwa von 30 Jahren oder mehr. Aber gerade bei solch langlaufenden Verträgen sind Garantien ohnehin überflüssig.
Experten sind sich weitgehend einig, dass statt mit steigenden Zinsen in den nächsten 10 bis 15 Jahre eher weiterhin mit niedrigen Zinsen zu rechnen ist. Wenn das eintritt, werden Beitragsgarantien vom Markt verschwinden. Die Branche erwartet, dass die 100-prozentige Beitragsgarantie auch bei Riester-Verträgen und in der bAV irgendwann gekippt wird.
Die sind noch sinnloser, geradezu abstrus. Sie geben nur die Sicherheit, am Laufzeitende einen Teil der Beiträge wiederzubekommen. Und diese Garantie kostet trotzdem sehr viel. Die Renditeerwartung solcher Tarife ist nicht sonderlich hoch. Bei den heutigen Zinsen und Kostensätzen ist eine 80- bis 90-Prozent-Garantie gerade eben darstellbar. Dazu müssen aber fast die gesamten Beiträge in den Deckungsstock des Versicherers fließen. Dann kann man das Geld auch unters Kopfkissen legen, da hat man zumindest 100 Prozent des Beitrages garantiert.
Abgesehen von der Produktgattung der Variable Annuities basieren die heute verwendeten Garantieverfahren auf einem Zero-Bond-Ansatz, sind also von der Zinshöhe abhängig. Beispiel: Ich investiere 1.000 Euro, davon gehen 70 Euro Kosten ab. Dann kann ich anhand des sicheren Zinses errechnen, wie viel der verbleibenden 930 Euro in sichere Anlagen fließen muss, um innerhalb der Laufzeit die 1.000 Euro auf jeden Fall wieder zu bekommen. Eine Beitragsgarantie ist letztlich nichts anderes, als mit dem sicheren Zins die Kosten wieder zu erwirtschaften.
Bei einem sicheren Zins von 0 Prozent funktioniert das nicht. Daher nutzen Versicherungsgesellschaften dafür ihren Deckungsstock. Dieser bietet eine sichere Verzinsung, die jedoch stark von zehnjährigen Bundesanleihen abhängig ist und immer weiter in die Knie geht. Deswegen wird bei Produkten mit Beitragsgarantien rund 90 bis 95 Prozent des Kundenvermögens in den Deckungsstock investiert, und nur was übrigbleibt, kann irgendwo anders investiert werden.
Auch hier wird die Garantie über den Deckungsstock dargestellt. Bei CPPI oder ICPPI rechnet die Gesellschaft stetig das jeweilige Risiko aus und investiert entsprechend in Fonds. Bei Indexpolicen fließt der nicht für die Garantie benötigte Beitrag in gehebelte Indexprodukte, sodass dieses Kapital überproportional am Markt teilnehmen kann. Da dort aber nur sehr wenig hinfließt, können auch Hebelprodukte kaum etwas ausrichten.
Berater sind verpflichtet, sowohl die Risikobereitschaft als auch das Anlageziel des Kunden zu berücksichtigen. Daher müssen sie ihm aufzeigen, dass er mit einer Garantiepolice sein Anlageziel in der Regel nicht erreichen wird. Mit solchen Policen lassen sich heute maximal ein bis 2 bis 3 Prozent pro Jahr erwirtschaften – und vielmehr dürfte auch in Zukunft nicht rauskommen. Berater sollten dem Kunden erklären, dass mit volatilen Anlagen wie Aktien langfristig weniger Risiko verbunden ist, als oft gedacht.
Genaugenommen ist die Beratung heute sogar einfacher als früher. Denn letztlich sind die einzigen noch vertretbaren langfristigen Anlagen Aktienfonds und Fondspolicen. Alles andere ist durch die Inflation Kapitalverzehr. Früher gab es eine viel größere Bandbreite an Produkten, die Rendite versprachen.
In Krisen bekommen viele Bauchschmerzen. Für diese Fälle sollten Sicherungsoptionen im Angebot sein, sodass das Geld kurzfristig in sichere Bausteine umgeschichtet werden kann, bei denen Rendite keine Rolle spielt. Danach kann man zurück in spekulativere Anlagen gehen. Der Trend geht also weg von festen Garantien hin zu Sicherungssystemen.
Nicht nur Kunden, auch Berater müssen lernen. Im Rahmen unserer Ruhestandsplanungsseminare bekommen wir sehr viel Feedback, dass es Berater gibt, die jetzt massive Probleme haben, da früher nur mit Garantie beraten wurde. Diese Berater müssen sich wandeln und sich Investmentwissen aneignen, sonst sind sie weg vom Markt. Hier gibt es noch viel Ausbildungspotenzial. Bei den Endkunden zeigt sich vor allem die jüngere Generation etwas offener. Grundvoraussetzung ist, dass die Fakten verständlich erklärt werden, dann sind Kunden auch eher bereit, ohne Garantien in renditestärkere Anlagen wie Aktienfonds zu gehen.
Wenn eine Situation lange genug anhält, kennt man es irgendwann nicht mehr anders. Nach weiteren Jahren mit Niedrigzins werden auch die Deutschen verstehen, dass sie auf Garantien verzichten müssen. Sicherheitsorientiert wird der deutsche Anleger immer bleiben, aber die Garantiefanatik wird abflauen.
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Eine Antwort
Diese „Garantiefanatik“ haben die Banken- und Versicherungsbranche den Kunden anerzogen! Als ich 1985 in die Vermittlung von Versicherungen eingestiegen bin, galten Aktien als hochriskantes Teufelszeug, ungeeignet für die Altersvorsorge, bei der zu einem festgelegten Zeitpunkt eine Auszahlung erwartet wird die über der Summe der eingezahlten Beiträge liegt. Auch heute würde ich mal gerne den Kunden mit einer Fondspolice ohne Garantien hören dessen Vertragsfälligkeit zufällig der 01.04.2020 war.
Sobald ich dem Kunden aufzeige, dass es für das Ergebnis seiner Rentenversicherung keine Garantien gibt, ich ihn also auch haftungsrechtlich darüber informieren muss, dass Verluste eben nicht unmöglich sind, kann ich mir in der Regel schon sparen ihm erzählen zu wollen, dass eine Garantie „bei langfristigen Anlagen ohnehin überflüssig“ wäre. Einen solchen Satz schreibe ich in jedem Fall nicht ins Beratungsprotokoll, wenn ich am Ende nicht für den Verlust geradestehen will. Oder gab es etwa tatschlich noch nie Verluste mit Aktien? Kämpft nicht aktuell die Allianz Global Invest um Ihre Reputation aufgrund der herben Verluste im März/April diesen Jahres? Welches Sicherheitssystem kann denn bitteschön hellsehen und immer den richtigen Zeitpunkt der Umschichtung voraussagen? Wie haben diese Systeme denn in der aktuellen Krise abgeschnitten?
Es stellt sich mir bei diesen Diskussionen immer wieder auf’s Neue die Frage, weshalb eine Garantie so teuer sein soll, wenn es doch angeblich gar kein Verlustrisiko mit Aktien gibt?! Weshalb setzt der Gesetzgeber den Versicherern bei diesen völlig risikolosen Anlageformen trotzdem so hohe Hürden in Form von Sicherheitenhinterlegungen?!
Mein Gefühl ist, es wird immer gerade das propagiert was dem Umsatz dient. Viele Jahrzehnte waren das eben die guten alten klassischen Tarife. Damals hatte man den Menschen schon verschwiegen, dass auch das nicht gänzlich ohne Risiko ist. Heute erzählt man den Menschen Aktien seien das Beste und praktisch risikolos – man muss Verluste im Ernstfall halt nur lange genug aussitzen können.
Dieses manipulative, sich nach dem Wind richtende Geschwätz nervt einfach! Müsste man dafür haften, wäre der eine oder andere sicher sehr viel vorsichtiger in seinen Aussagen. Statt dessen wäre eine ehrliche und umfassende Aufklärung angebracht. Das alte Modell ist gescheitert. Das neue Modell „alternativlos“ aber eben auch riskanter. Der Staat, der an dem Scheitern maßgeblich beteiligt war und ist, müsste bei allen Anlageformen der privaten Altersvorsorge für die Beitragsgarantie haften. Das wäre ein fairer „Schadenersatz“ und eine Möglichkeit recht günstig den Wandel des privaten Rentensystems hin zu mehr Aktienkultur zu begleiten, ohne dem Kunden mit diversen Tabellen und Hochrechnungen suggerieren zu müssen, dass Aktien risikolos seien.