DAK-Pflegereport

Mehrheit der jungen Menschen würde Angehörige pflegen

Unter den jungen Deutschen im Alter zwischen 16 und 39 Jahren ist die Bereitschaft groß, im Ernstfall Angehörige zu pflegen. Zwei von drei können sich das vorstellen – Frauen dabei etwas häufiger als Männer. Das und mehr hat der aktuelle Pflegereport der DAK Gesundheit ergeben.
© picture alliance / photothek | Ute Grabowsky
Eine junge Frau sitzt bei ihrer Großmutter an der Bettkante: Die Mehrheit der jungen Menschen hierzulande würde Angehörige zuhause pflegen.

In etwa zwei Drittel (68 Prozent) der jungen Deutschen im Alter zwischen 16 und 39 Jahren könnten es sich vorstellen, eigene Angehörige im Ernstfall selbst zu pflegen. Zum Vergleich: Bei den Menschen über 40 sagen dies nur 12 Prozent. Das sind zentrale Ergebnisse des aktuellen Pflegereports des Krankenversicherers DAK Gesundheit.

Eine moralische Verpflichtung zur Pflege von Angehörigen sehen jedoch weniger als die Hälfte der unter 40-Jährigen (41 Prozent). 29 Prozent sind der Ansicht, es gebe keine Verpflichtung zur Pflege der eigenen Eltern. 30 Prozent sind in dieser Frage unentschieden.

Und rund ein Drittel der jungen Menschen kann es sich gar nicht vorstellen, Angehörige zu pflegen. Sie geben dafür verschiedene Gründe an: Ein Großteil traut sich Pflegetätigkeiten nicht zu (63 Prozent). Für die Hälfte ist die Pflege nicht mit dem Beruf vereinbar (49 Prozent) und 44 Prozent befürchten seelische Belastungen. 29 Prozent wäre die Pflege eines Angehörigen unangenehm, 26 Prozent wohnen zu weit entfernt und 22 Prozent haben Sorge vor einer zu starken finanziellen Belastung.

Mehr positive als negative Erfahrungen

Diejenigen jungen Bundesbürger, die bereits Angehörige pflegen, haben laut der Umfrage zu 83 Prozent positive, aber zu 73 Prozent auch negative Erfahrungen damit gemacht. Zu den positiven Erfahrungen der jungen Pflegenden zählt, dass ihr Verhältnis zu den Gepflegten in dieser Phase noch enger geworden ist (43 Prozent) und dass sie trotz der schwierigen Situation auch schöne Momente zusammen erleben (43 Prozent). Sorgen haben ihnen laut der Umfrage indes eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustands der zu pflegenden Person (42 Prozent) gemacht.

Interessant ist jedoch: Nur ein Viertel der Studienteilnehmer fühlt sich von der Pflegesituation überfordert (24 Prozent). Für ebenfalls ein Viertel (24 Prozent) hat sich ihre Sicht auf die Welt verändert. Sie geben an, durch die Pflege gelernt zu haben, was im Leben wichtig sei.

Wenn es um das Thema Pflegewissen geht, so zeigt sich: Zwei Drittel der jungen Pflegenden hierzulande haben sich das nötige Know-how selbst beigebracht (64 Prozent) – davon 21 Prozent durch Recherchen im Internet. Nur wenige haben sich durch spezielle Pflegekurse (12 Prozent), das Lesen von Fachbüchern (9 Prozent) oder die Lektüre von Fachzeitschriften (6 Prozent) weitergebildet. Nur gut ein Drittel der jungen Pflegenden nimmt Beratungsangebote und Unterstützung in Anspruch (38 Prozent). In Familien mit niedrigem sozialem Status sind es sogar nur 21 Prozent.

Pflege ist zeitintensiv, aber Berufsleben leidet nur selten stark

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Junge Pflegende investieren viel Zeit, damit es ihren Angehörigen gut geht. So gaben 35 Prozent von ihnen im Rahmen der Befragung an, mehrmals wöchentlich Pflegeaufgaben zu übernehmen. 40 Prozent sind sogar jeden Tag aktiv; 18 Prozent von ihnen täglich drei Stunden oder mehr.

Und obwohl junge Pflegende meist noch mitten in einer Ausbildung oder einem Studium stecken, mussten nur 18 Prozent von ihnen ihre Berufstätigkeit reduzieren oder aufgeben. Dabei verringerten sie häufiger ihr Stundenvolumen (13 Prozent) als ihren Beruf zu unterbrechen (5 Prozent).

„Bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf schaffen“

„Viele junge Menschen sind heute bereit, ihre Angehörigen zu pflegen“, kommentiert DAK-Vorstandschef Andreas Storm die Studienergebnisse. Doch es ist nicht selbstverständlich, dass sie dadurch berufliche und finanzielle Nachteile in Kauf nehmen. Wir müssen einen festen Rahmen schaffen, in dem es kein ‚Entweder-Oder‘ gibt.“ Eine stärkere Unterstützung bei der Weiterführung des Haushalts und der Kinderbetreuung für jüngere Pflegende könnte ein Ansatzpunkt sein; ebenso ein gesetzlicher Anspruch auf Zuschüsse zu Weiterbildungskosten und unterstützende Angebote, um einen Pflegemix von Angehörigen- und Fachkraftpflege zu ermöglichen.

„Es ist Aufgabe der kommenden Bundesregierung, eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu schaffen“, findet Storm. „Sonst wird es in Zukunft immer weniger Menschen geben, die Angehörige zu Hause pflegen wollen und auch können.“ Mit dieser Forderung trifft er bei den jungen Pflegenden ins Schwarze, wie die Umfrage weiter zeigt. 83 Prozent sind der Meinung, dass das Thema Pflege nicht den Stellenwert habe, den es verdiene, und die Politik mehr tun müsse.

„Wir brauchen eine Stärkung der Pflege zu Hause“, sagt auch Thomas Klie, Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg. „Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels werden wir bald an die Kapazitätsgrenzen in Pflegeheimen stoßen. Wir müssen sicherstellen, dass pflegende Angehörige umfassend unterstützt werden, um ihren wichtigen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen zu können. Wenn wir jetzt nicht aktiv werden, wird die Situation der Pflege weiter eskalieren.“

Pflegekosten als Belastung

Auch das Thema Kosten spielte bei der Umfrage eine Rolle. Es zeigt sich: Jeder zweite junge Pflegende erlebt aktuell, dass die Gepflegten durch die Pflegekosten finanziell stark oder sehr stark belastet werden (50 Prozent). In rund 40 Prozent der Haushalte hat sich die finanzielle Situation verschlechtert.

„Pflege darf kein Armutsrisiko in unserer Gesellschaft werden“, sagt DAK-Chef Storm dazu. „Pflegende Angehörige müssen kurzfristig finanziell entlastet werden, um damit auch ihren Einsatz für das Allgemeinwohl anzuerkennen. Die Erhöhung des Pflegegeldes um 5 Prozent und die Dynamisierung des Pflegegeldes wären richtige Schritte.“

Eine „grundlegende Reform der Pflegeversicherung“ müsse her, so Storm weiter. „Das ist eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Bundesregierung. Wir fordern die Einberufung eines Pflegegipfels – als eine der ersten Amtshandlungen nach der Unterschrift unter dem kommenden Koalitionsvertrag.“

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Autorin

Juliana Demski gehörte dem Pfeffi-Team seit 2016 an. Sie war Redakteurin und Social-Media-Managerin bei Pfefferminzia. Das Unternehmen hat sie im Januar 2024 verlassen.

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