Bafin-Chef über Zinsen, Immobilien und Kurse

Welche Risiken die Finanzaufsicht derzeit bei Versicherern sieht

In seiner Rede spricht Bafin-Chef Mark Branson darüber, welche Risiken ihn und seine Behörde derzeit umtreiben. Einige davon betreffen ganz konkret auch Versicherer. Ein anderes Projekt hat die Bafin hingegen erst einmal verschoben.
Bafin-Chef Mark Branson
© Maurice Kohl / Bafin
Bafin-Chef Mark Branson: „Schadenaufwendungen und Kosten dürften steigen“

Natürlich muss er von Risiken reden. Risiken zu ermitteln, einzudämmen oder gar zu beseitigen ist nun mal die Hauptaufgabe seines Hauses, der Finanzaufsicht Bafin. Und so redet Bafin-Chef Mark Branson auf der Jahrespressekonferenz von einigen Risiken, die sich gerade in der Finanzbranche aufgetan haben. Manche neu, manche nicht.

Wobei Branson gleich eine Beruhigungspille verteilt: „Um es vorwegzunehmen: Das deutsche Finanzsystem ist stabil.“

Doch das könnte sich eben auch ändern, wegen der bereits angedeuteten Risiken. So hält derzeit das Zinsumfeld die Finanzwächter offenbar gehörig auf Trab. Derzeit beobachten sie rund 30 Lebensversicherer und 30 Pensionskassen besonders intensiv, wie Branson mitteilte. So sagte er wörtlich:

Auch wenn die Marktzinsen in den vergangenen Monaten gestiegen sind: Das seit langem niedrige Zinsniveau ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen für die deutsche Finanzbranche. Vor allem Lebensversicherer und Pensionskassen stellt es weiterhin auf eine harte Probe.

Selbst wenn die Europäische Zentralbank (EZB) demnächst die Zinsen anheben sollte, wäre das erst auf mittelfristige Sicht eine gute Nachricht. Zunächst sieht Branson nämlich die Inflation als Problem für die Branche: „Schadenaufwendungen und Kosten dürften steigen, und in der Lebensversicherung dürfte das Neugeschäft zumindest vorübergehend zurückgehen, da die Kaufkraft der privaten Haushalte leidet.“

Steigende Zinsen lassen Nachfrage sinken

Auch den Immobilienmarkt sieht Branson offenbar mit Sorge. Risiken hätten sich dort aufgetürmt, so der Bafin-Chef. Die Nachfrage nach Krediten sei hauptsächlich wegen der niedrigen Zinsen „immer weiter gestiegen“. Steigende Zinsen könnten die Nachfrage nach Wohnobjekten aber sinken lassen und damit auch deren Preise und den Wert der Sicherheiten.

Hintergrund: Vor allem wegen der Risiken bei Wohnimmobilien verlangt die Bafin ab Februar 2023, dass Banken ausgegebene Baukredite mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen. Damit soll das deutsche Bankensystem widerstandsfähiger werden. Branson dazu: „Erwartungsgemäß gab es für diese Maßnahmen nicht nur Applaus. Aber wir sind von ihrem Sinn überzeugt.“

 

Ob mehr Maßnahmen in dieser Richtung folgen, ließ Branson offen. Das würden die Analysen erst noch zeigen. Die Bafin betrachte fortlaufend, nach welchen Standards Banken und Versicherer Kredite vergeben. „Und wir kontrollieren bei Versicherern anhand von Szenarioanalysen, wie sich Preisrückgänge bei Immobilien auf ihre Risikotragfähigkeit auswirken“, so Branson.

Seite 2: Kursgefahr am Kapitalmarkt – auch für Versicherer

Doch nicht nur Immobilien, auch die Kapitalmärkte mahnen zur Wachsamkeit. Branson sieht in der aktuellen Lage einige Risiken, dass die Kurse sinken. Bei Versicherern wolle die Aufsicht deshalb prüfen, wie es sich auf die Risikotragfähigkeit auswirkt, wenn Anleiheschuldner herabgestuft werden.

Genau das droht in der Tat, wenn die Wirtschaft schwächeln sollte. Und wenn Rating-Agenturen ihre Noten für Anleiheschuldner herabsetzen (Fachenglisch: Downgrade), steigen die Risikoaufschläge auf die Renditen dieser Anleihen. In Zeiten ohnehin schon steigender Renditen drückt das deren Kurse zusätzlich.

Bafin hat keine umweltpolitischen Ziele

Und dann kommt Branson zum Thema Nachhaltigkeit, das die Finanzbranche inzwischen unter den Buchstaben ESG (für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) zusammenfasst. Doch eines stellt der Bafin-Chef schon mal klar: „Es gehört nicht zu unserem gesetzlichen Auftrag, umweltpolitische Ziele zu verfolgen. Das ist Sache der Politik.“

Stattdessen müsse die Bafin sicherstellen, dass die Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsrisiken im Griff haben. Als Beispiel nennt er sogenannte Stranded Assets in den Portfolios der Versicherer. Das sind Vermögenswerte, die durch bestimmte Umstände stark an Wert verloren haben oder gar wertlos geworden sind. Ein ähnlicher, eher makaberer Begriff dafür ist übrigens „Depotleiche“ – ein Wertpapier, das man irgendwann wertlos ausbucht. Stranded Assets können derzeit entstehen, indem plötzlich auftauchende Nachhaltigkeitsrisiken ihren Kurs einbrechen lassen. Zum Beispiel ein Umweltskandal.

Aber weil die aktuelle Lage die Bafin so in Atem hält, hat sie ein anderes Projekt nun erst einmal auf Eis gelegt: die geplante Richtlinie für nachhaltige Investmentfonds. Geht es nach Bransons Worten, kann der Trend aber erst einmal weitergehen:

Kapitalverwaltungsgesellschaften können selbstverständlich weiterhin nachhaltige Investmentvermögen auflegen und vermarkten. Wir werden in unserer Praxis bestimmte Grundsätze anwenden, die wir bereits zur Konsultation gestellt hatten. So müssen, zum Beispiel, nachhaltige Fonds mindestens 75 Prozent in nachhaltige Anlagen investieren, mit mindestens 75 Prozent des Investmentvermögens eine nachhaltige Anlagestrategie verfolgen oder einen nachhaltigen Index abbilden.

Wann es so richtig konkret wird, muss sich aber noch zeigen.

Mehr zum Thema

Bafin droht Lebensversicherern mit Lizenzentzug

Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin droht Lebensversicherern mit dem Entzug der Lizenz für das Neugeschäft, sollte sich…

Bafin warnt vor Niedrigzins und Cyber-Gefahren

Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat sich entschieden, welche sechs Hauptrisiken die Finanzwirtschaft bedrohen. Sie betreffen…

Startschuss für Mark Branson als neuer Bafin-Chef

Bereits im März wurde bekannt: Der gebürtige Brite Mark Branson, der auch die Schweizer Staatsbürgerschaft…

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia