Die Menschen in Simbach an der Grenze zu Österreich werden Elvira sicher niemals vergessen: Am 1. Juni 2016 zieht das gleichnamige Tiefdruckgebiet mit sintflutartigem Starkregen über den Ort hinweg und löst eine Jahrhundert-Sturzflut aus. Der Simbach, sonst eher ein Rinnsal, wird binnen Sekunden zu einem alles mitreißenden Strom. Sein Wasserstand steigt um fünf Meter. Kaum ein Haus in der Kleinstadt bleibt von den plötzlich hereinbrechenden Schlamm- und Wassermassen verschont. Elvira hinterlässt eine beispiellose Spur der Verwüstung. Bilanz der Katastrophe: 70.000 Euro Sachschaden im Schnitt – pro Gebäude!
Doppelt bitter für die Geschädigten: Nur jeder Vierte im Ort war zusätzlich zur normalen Wohngebäudeversicherung auch gegen Elementarschäden abgesichert. Doch genau dieser Zusatzbaustein wäre notwendig gewesen, um finanzielle Hilfe von der Versicherung für die Unwetterschäden zu bekommen.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) warnt eindringlich vor zunehmenden Unwetterereignissen wie in Simbach. Viele Hauseigentümer unterschätzten die Gefahr für ihre Immobilie durch Naturgewalten wie Starkregen oder Flutwellen.
Elementarschutz fehlt oft
Diese Sorglosigkeit spiegelt sich deutlich in der Versicherungsdichte wider: Während im Bundesdurchschnitt mehr als 90 Prozent aller Wohnhäuser durch eine Wohngebäude-Police gegen Leitungswasserschäden, Feuer, Sturm und Hagel versichert sind, hat nicht einmal die Hälfte der Hauseigentümer ihr Betongold finanziell gegen besondere Naturgefahren wie Starkregen, Überschwemmungen, Schlammlawinen oder Erdrutsch abgesichert.
Durchschnittlich haben sich nur 45 Prozent für eine Elementarversicherung entschieden, im Norden liegt die Versicherungsdichte laut GDV sogar deutlich unter 30 Prozent. In Bremen, Schlusslicht der Statistik, sind 78 Prozent der Wohngebäude nicht gegen Naturgewalten versichert. Insgesamt stehen bundesweit gut 10 Millionen Wohngebäude ohne Schutz da.
Unwetter könnten überall auftreten
„Es ist sehr gefährlich, auf den Elementarschutz fürs Haus zu verzichten“, sagt Rainer Brand, Vorstand Produkte und Vertrieb bei der Domcura in Kiel. „Denn mittlerweile können praktisch überall in Deutschland schwere Unwetter auftreten.“ Es gebe infolge des Klimawandels keine Region mehr, die vor Naturgefahren sicher sei. „Früher waren meist nur Immobilien in Flussnähe von Hochwasser bedroht. Heute kann es auch Häuser und ganze Orte in vermeintlich sicherer Lage treffen.“
Im schlimmsten Fall droht nicht versicherten Hauseigentümern ein finanzielles Desaster. Schnell gehen die Schäden in die Zehntausende Euro, manche Gebäude sind nicht mehr zu retten. So wie in Simbach. Hier standen Dutzende Immobilien auf vermeintlich sicherem Terrain und fielen versicherungstechnisch in die niedrigste von vier Gefährdungsklassen – wie bundesweit 90 Prozent aller Wohngebäude. Demzufolge ist ein Hochwasser in diesem Gebiet statistisch gesehen nicht einmal alle 200 Jahre zu erwarten. Ein Grund dafür, warum sich viele Simbacher sicher vor Naturgewalten wähnten und auf den Zusatzbaustein Elementarschadenversicherung für ihr Haus verzichteten, obwohl der Schutz wegen der niedrigen Gefährdungsklasse relativ günstig zu haben gewesen wäre. Ein teurer, existenzbedrohlicher Irrtum.
Die zunehmende Gefahr durch Naturgewalten wird bei einem Blick auf die Immobilienschadenbilanz der vergangenen Jahre offensichtlich. Im Jahr 2015 regulierten die deutschen Versicherer rund 30.000 Elementarschäden und wendeten dafür 80 Millionen Euro auf. Im Unwetterjahr 2016 stieg die Zahl der Versicherungsfälle auf 100.000, die Leistungen versechsfachten sich nach Angaben des GDV auf knapp eine halbe Milliarde Euro. Auch das Jahr 2018 sticht mit einem regulierten Schaden von 350 Millionen Euro negativ hervor. In den vergangenen Jahren musste der Deutsche Wetterdienst immer häufiger vor gefährlichen Wetterlagen warnen.
Der traurige Trend hin zu mehr lokalen Unwettern und höheren Gebäudeschäden stellt Versicherungsmakler vor eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe. „Sie sind gefordert, aktiv zu werden, ihre Kunden über die zunehmenden Naturgefahren aufzuklären und ihnen den dringend notwendigen Versicherungsschutz gegen Elementarschäden anzubieten“, so Brand. Es sei allemal besser, einige Hundert Euro mehr pro Jahr für den richtigen Schutz der Immobilie aufzuwenden, als im Ernstfall keine Versicherungsleistungen zu erhalten und buchstäblich im Regen zu stehen.
Staat springt nur noch sehr begrenzt als Helfer ein
Das gilt ganz besonders, weil sich der Staat als Helfer in der Not weitgehend zurückgezogen hat. Nach schweren Unwettern oder Überschwemmungen unterstützt er Eigentümer lediglich bei ersten Notfallmaßnahmen. Seit 2017 zahlen die Bundesländer Hilfsgelder nur noch an solche geschädigten Hauseigentümer aus, die aufgrund der Immobilienlage in einem besonders von Hochwasser bedrohten Gebiet keinen Versicherungsschutz erhalten.
Das betrifft nur etwa ein Prozent aller Wohngebäude. 99 Prozent aller Häuser in Deutschland sind problemlos gegen Naturgewalten versicherbar. Brand: „Eine Elementarversicherung als Zusatz zur Wohngebäudeversicherung sollte deshalb für Hauseigentümer Standard sein. Denn schon ein kurzes, heftiges Gewitter kann die wirtschaftliche Existenz zerstören.“
Beim Wohngebäudeschutz nachbessern
Während es beim Elementarschutz für die meisten zunächst darum geht, eine Versicherung abzuschließen, sind beim Wohngebäude-Basisschutz vielfach Nachbesserungen notwendig. Der Vertrag muss auch nach Umbaumaßnahmen und Modernisierungen zur Immobilie passen, die Prämie soll möglichst konstant bleiben. In den vergangenen Jahren haben die meisten Versicherer die Beiträge jedoch stetig erhöht, was zunehmend zu einer Belastung für viele Hauseigentümer geworden ist.
Der Grund: Die Wohngebäudeversicherer stehen angesichts kräftig steigender Handwerkerkosten unter erheblichem Kostendruck. „Zudem wurden die meisten Gebäude in Deutschland zwischen 1949 und 1978 gebaut. Sie haben die Verschleißgrenze erreicht“, sagt Marcus Stephan, Vorstand Marketing und Vertrieb bei der Interrisk. Die Schadenhäufigkeit nehme zu, die Kosten für die Versicherer stiegen laufend, so Stephan. Größter Kostentreiber seien Defekte von Wasser- und Abwasserleitungen.
Tatsächlich entfallen die meisten Schäden genau auf diesen Bereich. So gingen 2019 mehr als die Hälfte der insgesamt gut 2 Millionen Wohngebäude-Schadenfälle auf das Konto von Leitungswasser. Kosten für die Wohngebäudeversicherer: rund 3,1 Milliarden Euro. Und die Aufwendungen für die Ortung von Leckagen, Leitungsreparaturen, Schimmelbeseitigung, Trocknung von Beton und Mauerwerk sowie die Wiederherstellung von Böden und Wänden werden weiter steigen.
Schuld ist der oft schlechte bauliche Zustand von Millionen älterer Wohngebäude, der sich auch auf die Versicherungsprämien auswirkt. Sie werden tendenziell weiter steigen, und zwar auch für Hauseigentümer, die schon seit Jahren keinen Schaden mehr an die Gebäudeversicherung gemeldet haben.
Selbstbehalte vereinbaren
Dennoch haben Versicherte eine ganze Reihe von Möglichkeiten, drohenden Beitragserhöhungen zumindest teilweise zu entgehen, ohne am Versicherungsschutz sparen zu müssen. Eine Möglichkeit sind Selbstbehalte. So belohnt beispielsweise die Interrisk einen Eigenanteil von 500 Euro pro Schadenfall mit einem 30-prozentigen Nachlass auf die Prämie.
Hauseigentümer können sich weitere Vorteile regelrecht erarbeiten, indem sie ihre Immobilie pflegen und von Verschleiß bedrohte Gebäudeteile warten lassen. Am meisten zahlt sich jedoch eine Komplettsanierung aus. „Im Falle einer Kernsanierung stufen wir das Gebäude wie einen Neubau ein“, so Interrisk-Vorstandsmitglied Stephan. Auch die Domcura orientiert sich bei der Risikobewertung nicht am Baujahr, sondern am „biologischen Alter“ des Hauses. Brand: „Wer sein Gebäude in Schuss hält, zahlt deutlich weniger.“
Größere, bauliche Änderungen melden
Wichtig für Versicherungsmakler: Auch bei Wohngebäude-Policen besteht die Gefahr der Unterversicherung. Die neue, hochwertige Fassade, eine moderne Heizung oder die Solaranlage auf dem Dach steigern den Wert des Hauses. Werden dem Versicherer größere bauliche Veränderungen nicht gemeldet, besteht darum die Gefahr, dass die Versicherungssumme zu gering bemessen ist.
In Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen sehen einige Versicherungen außerdem eine erhöhte Feuergefahr und Risiken für Wasserleitungen, was sich auf die Versicherungsprämie auswirken kann. Vermittler sollten diese Punkte bei ihren Kunden ansprechen, damit die Gebäudeversicherung günstig bleibt und den bestmöglichen Schutz bietet.