Trendthema mit Potenzial

Versicherer und Makler müssen beim Thema Nachhaltigkeit Gas geben

Kapitalanlage und Altersvorsorgeprodukte der Versicherer müssen auf das grüne und soziale Gewissen der Kunden reagieren. Und auch Vermittler sollten sich darauf einstellen, nachhaltige Versicherungsprodukte beim Kunden anzusprechen.
© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner
Monteure verankern für Testreihen das Modell einer Anlage mit schwimmende Windräder im Greifswalder Bodden.

Jeder möchte alt werden, aber keiner möchte es sein – beim Thema Nachhaltigkeit ist es umgekehrt: Jeder möchte nachhaltig sein, aber keiner möchte es werden. Das ist jetzt eine etwas bösartige Zuspitzung. Klar ist aber, dass es viel Mühe kostet, das eigene Leben so auszurichten, dass der persönliche Konsum möglichst geringe soziale, ökologische und ökonomische Schäden in Umwelt und Gesellschaft hinterlässt.

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„Eigenes nachhaltiges Handeln verschafft einerseits ein gutes Gefühl, andererseits werden damit teils auch verbundene Aufwände, Verzichte und Kosten oft noch gescheut“, fasst es das Autorenteam des Marktforschungsunternehmens Heute und Morgen zusammen. Die Grundhaltung der deutschen Verbraucher zur Nachhaltigkeit erscheine insgesamt „noch ambivalent und widersprüchlich“. Diese Einschätzung basiert auf einer Studie, für die 1.000 erwachsene Bundesbürger im Februar 2020 repräsentativ befragt wurden – speziell mit Blick auf ihr nachhaltiges Verhalten in Finanz- und Versicherungsangelegenheiten.

Die „Aufpreisbereitschaft“ sei hier zwar in der Regel gering, sagt Michaela Brocke, Geschäftsführerin bei Heute und Morgen, zugleich sei aber die Wechselbereitschaft bei vergleichbaren Kosten sehr hoch – insbesondere in der strategisch wichtigen Gruppe der jüngeren Generation, so Brocke. Das könnten sich auch Versicherer und Versicherungsmakler zunutze machen. Allerdings ist das nicht ganz einfach. Denn speziell bei der Auswahl von Anbietern oder dem Abschluss einzelner Produkte im Finanzdienstleistungsbereich achteten bisher nur rund 3 Prozent der Verbraucher aktiv auf deren Nachhaltigkeit. Zum Vergleich: Bei Lebensmitteln liegt der Anteil bei 60 Prozent.

Von dieser Bonsai-Zahl sollten sich Versicherer, Banken und Krankenkassen aber nicht entmutigen lassen, findet Marktforscherin Brocke. Vielmehr sollten alle dazu beitragen, dass die Zahl beständig wächst – zumal schon jetzt der Anteil der Zielgruppe der „Nachhaltigen“ in Deutschland bei immerhin 34 Prozent liegt, wie die Heute-und-Morgen-Studie ermittelte. Daher sei es für die Anbieter wichtig, den Trend zu mehr Nachhaltigkeit „aktiv aufzunehmen, zu gestalten und sich entsprechend zu positionieren“, sagt Brocke – und zwar auch jenseits des Drucks von Politik oder Investoren. „Nur passiv hinterherzulaufen oder sich gegenüber Kunden in nur kurzfristigen symbolischen Handlungen zu verlieren“ sei grundfalsch.

Jawed Barna, Vertriebsvorstand der Zurich Gruppe Deutschland, dürfte dem zustimmen. Zurich habe schon 2012 damit begonnen, ökologische, soziale und sogenannte Governance-Faktoren – kurz ESG-Faktoren – im Kerngeschäft zu berücksichtigen, sagt Barna. Zudem habe Zurich als erster Versicherer den „Business Ambition for 1,5 ° C Pledge“ der Vereinten Nationen (UN) unterzeichnet. Barna begrüßt es, dass nun auch die Europäische Union (EU) fordert, „dass alle Finanzmarktteilnehmer zu einer CO2-armen, nachhaltigeren, ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft beitragen, um unter anderem dafür Sorge zu leisten, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen“.

Die rechtliche Grundlage für diese Forderung bietet die bereits in Kraft getretene Verordnung der EU (2019/2088) vom 9. Dezember 2019. Darin werden umfangreiche Offenlegungspflichten in Bezug auf das Thema der Nachhaltigkeit im Finanzdienstleistungssektor angeordnet.

Nachhaltigkeit wird spätestens 2021 auch für Vermittler relevant

Und auch für den Versicherungsvertrieb ist das Papier relevant. So heißt es dort unter anderem: „Finanzmarktteilnehmer und Finanzberater, die Anlageberatung oder Versicherungsberatung für Versicherungsanlageprodukte (insurance-based investment products) anbieten, werden mit dieser Verordnung, ungeachtet der Gestaltung des Finanzprodukts und des Zielmarktes, verpflichtet, schriftliche Strategien zur Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken zu veröffentlichen und für die Transparenz dieser Einbeziehung zu sorgen.“ Die Verordnung soll ab dem 10. März 2021 national gelten.

Zurich-Vertriebsvorstand Barna betont, dass Vermittler die EU-Verordnung „für sich persönlich nicht als Druck empfinden, sondern bereits heute damit beginnen“ sollten, die Frage, „ob der Kunde an nachhaltigen Produkten interessiert sei, in ihren Beratungsalltag einzubauen“.

Dem pflichtet Uwe Mahrt, Geschäftsführer von Pangaea Life, bei. Sein Unternehmen ist eine auf nachhaltige Finanzberatung ausgerichtete Marke der Versicherungsgruppe die Bayerische. „Viele Vermittler berücksichtigen das Thema Nachhaltigkeit bereits. Verbindlich werden diese Themen im Jahr 2021, insofern ist man gut beraten, die Konzepte bereits jetzt anzupassen“, sagt Mahrt.

Doch wie geht er damit um, dass zwar viele Menschen in Umfragen bereitwillig erklären, nachhaltig zu konsumieren und zu investieren – ihren Worten aber noch zu selten Taten folgen lassen? Das Problem bestehe eher darin, „dass die meisten Kunden schlichtweg gar nicht wissen, dass es grüne und nachhaltige Vorsorge- und Finanzprodukte gibt“, sagt Mahrt. „Hier besteht noch viel Aufklärungs- und Kommunikationsbedarf, um das in den Köpfen der Kunden zu verankern.“

So gibt sich der Pangaea-Life-Chef auch überzeugt davon, „dass nahezu jeder Kunde einen Beitrag zur Rettung des Klimas leisten möchte“. Nur sei eben nicht allen klar, dass das auch über Versicherungs- und Vorsorgebeiträge gehe. „Hier findet gerade ein großes Umdenken bei den Kunden und auch bei den Vermittlern statt.“

Aber wie könnte ein „grüner Leitfaden“ für Versicherungsvermittler, die ihre Kunden beraten, konkret aussehen? Maximilian Kleyboldt, Vorstand des Financial Planning Standards Board (FPSB) Deutschland und Stellvertretender Direktor der Bethmann Bank, weiß Rat: „Grundsätzlich beinhaltet die Kundenberatung im ersten Schritt immer die saubere und umfassende Evaluation der Kundensituation, die Ausarbeitung der persönlichen Anlageziele, Wünsche und Präferenzen. Darauf aufbauend kann eine aktive Nachfrage vonseiten des Beraters oder Maklers für nachhaltige Aspekte erfolgen.“ An diesem Punkt könnte es allerdings heikel werden – so verweist Kleyboldt auf Umfragen und die Erfahrungen des FPSB Deutschland, wonach „das Wissen der Anleger zum Thema Nachhaltigkeit nicht stark ausgeprägt“ sei.

Entscheidend sei deshalb, wie qualifiziert ein Berater sei. Dieser müsse „eine tiefe und umfassende Kenntnis über das Angebot an nachhaltigen Mandaten und Produkten“ haben, sagt Kleyboldt. Ferner sollte ein Berater in der Lage sein, Nachhaltigkeitsklassifizierungen zu nutzen. „Er muss erläutern können, wie nachhaltig ein Unternehmen auf Basis der Nachhaltigkeitsanalysen von gängigen Rating-Agenturen wie Oekom ­Research, Systainalytics oder MSCI ist“, so Kleyboldt.

Mehr Infos für die Kunden

Auch Zurich-Vorstand Barna sieht hier noch großen Nachholbedarf. „Über die Möglichkeit, auch bei fondsgebundenen Produkten nachhaltig vorzusorgen, müssen wir unsere Kunden verstärkt informieren“, sagt er. „Hierzu haben unsere Vertriebspartner spezielle Schulungen und umfassende Informationen für die Kundenberatung erhalten.“ Die Ansatzpunkte sind jedenfalls da. Denn mit Nachhaltigkeit würden die meisten Kunden immer noch hauptsächlich Themen wie Umwelt- beziehungsweise Klimaschutz verbinden.

Und gerade diese Themen seien bei der fondsgebundenen Altersvorsorge relevant, sagt Barna. Die Auswahl der Aktien in den nachhaltigen Fonds erfolgt laut Zurich in der Regel anhand eingangs erwähnter ESG-Kriterien. Dabei werden Unternehmen aufgenommen, die Umweltschutz (Environmental), soziale Aspekte (Social) und eine ethische Unternehmensführung (Governance) nachweislich in ihrem Geschäftsmodell und in der täglichen Arbeit befolgen. So werden gewisse Hersteller, die den Kriterien nicht entsprechen, aussortiert.

Keine Renditenachteile

Und auch das ist wichtig: „ESG-Investmentfonds stellen keinen Nachteil gegenüber den konventionellen Anlagemöglichkeiten dar. Im Gegenteil: Man kann nachhaltig investieren, ohne auf Performance verzichten zu müssen“, betont Barna, der damit einem häufigen Vorwurf entgegentritt. Maximilian Kleyboldt von FPSB Deutschland stimmt dem zu: Es gebe „etliche Untersuchungen, die zeigen, dass nachhaltig ausgerichtete Portfolios in den vergangenen 18 Monaten und auch zuletzt in der Corona-Krise, eine bessere Performance erzielt haben als deren klassisch aufgestellte Pendants“.

Dass dem so sei, dürfte auch daran liegen, dass Nachhaltigkeit zugleich Innovations- und Zukunftsfähigkeit bedeute. „Unternehmen, die in einem nachhaltigen Sinne vorausschauend agieren, sind auf künftige Entwicklungen besser vorbereitet“, schlussfolgert Kleyboldt. Und was ist mit dem Vorwurf, wonach es derzeit noch an der Überprüfbarkeit und Transparenz der Nachhaltigkeitskriterien mangele? Hier sehe er Fortschritte, sagt Kleyboldt. „So gibt es zahlreiche Studien, die nachweisen, dass an nachhaltigen Kriterien ausgerichtete Investments neben der klassischen Fundamentalanalyse zusätzlichen Risikoschutz bieten.“

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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