Eigentlich wollte der Bundestag das Gesetz zur Verlagerung der Aufsicht von Finanzanlagenvermittler – weg von Gewerbeämtern und örtlichen IHK-Niederlassungen hin zur Bafin – bereits diese Woche abschließend beraten. Doch dieser Zeitplan gerät laut einem Medienbericht ins Wanken, denn die Regierungskoalition CDU/CSU und SPD sei sich in wichtigen Punkten weiter uneins.
Wie „Fonds Professionell“ am Montag berichtete, sollten der Finanzausschuss an diesem Mittwoch und der Bundestag am Freitag über das entsprechende Gesetz beraten, doch der entsprechende Tagesordnungspunkt sei abgesetzt worden. Das Fachmedium beruft sich auf eine Auskunft des Büros des Finanzpolitikers Carsten Brodesser (CDU), dem für das Gesetz zuständigen Berichterstatter des Ausschusses.
Der Dissens der Koalition darüber, ob Finanzanlagenvermittler mit Erlaubnis nach Paragraf 34f Gewerbeordnung (GewO) sowie Honorar-Finanzanlagenberater künftig einem anderen Aufsichtsregime unterliegen sollen, dürfte die Hoffnungen der Betroffenen schüren, dass die Pläne, wie sie vom SPD-geführten Bundesfinanzministerium (BMF) forciert werden, zumindest abgeschwächt werden.
Von den Vermittlern selbst sowie deren Interessenverbände wird das Projekt als sinnlos und zu teuer gebrandmarkt. So rief unlängst der Vermittlerverband AfW Betroffene dazu auf, ihrem Bundestagsabgeordneten anzuschreiben, um bei ihnen ein Umdenken „in letzter Minute“ zu erreichen (wir berichteten).
Am Ende „wieder nur die Banken oder Großvertriebe als Alternative in der Beratung“
Womöglich hat dieser Aufruf auch den Finanz- und Versicherungsmakler Carsten Keßler, Geschäftsführer der Exorior GmbH Makler aus Jena, dazu bewogen, sich mit einem offenen Brief an den Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, zu wenden.
Darin drückt Keßler seine Sorge aus, dass viele kleine Vermittlerbetriebe „diese weitere finanzielle Mehrbelastung nicht mehr aufbringen können oder wollen und aufgeben müssen“. Und dass die Kunden am Ende „wieder nur die Banken oder Großvertriebe als Alternative in der Beratung haben“ und die Bürger und Verbraucher wieder dort stünden, „wo wir vor 28 Jahren unsere Arbeit begonnen haben“. Und das habe aus seiner Sicht „mit Verbraucherschutz und Sozialdemokratie nun wirklich nichts zu tun“.
Pfefferminzia liegt der offene Brief vor. Im Folgenden wird dieser im Wortlaut widergegeben:
Offener Brief an die SPD-Bundestagsfraktion
geplanter Übertrag der Aufsicht zur Bafin zerstört den Mittelstand und Arbeitsplätze, stärkt Banken und Großvertriebe und senkt den Verbraucherschutz für alle Bürger und Verbraucher
Sehr geehrter Herr Schneider, Werte SPD-Abgeordnete,
mitten in der Coronazeit, wo sowieso schon sehr viele Probleme täglich zu bewältigen sind, habe ich mich als Unternehmer jetzt dazu entschieden, Ihnen persönlich meine Meinung zur geplanten Übertragung der Aufsicht von Finanzanlagenvermittlern auf die Bafin mitzuteilen.
Ich arbeite seit über 28 Jahren sehr gerne als Versicherungsmakler und Finanzanlagenberater in unserem eigenen Unternehmen und wir betreuen unsere Kunden langfristig und ganzheitlich.
Nach diversen gesetzlichen Änderungen in den letzten 15 bis 20 Jahren, welche bereits mit hohem personellen und finanziellen Aufwand verbunden waren, sehen wir nun einer erneuten und völlig unnötigen weiteren Regulierung gegenüber.
Die Entscheidung, welche Sie jetzt gerade im Eiltempo vor der Sommerpause mitten in dieser schweren Zeit, voran die SPD, forcieren, ist aus meiner Sicht höchst kunden- und verbraucherschädlich und wird kurz bis mittelfristig viele Arbeitsplätze in unserer Branche kosten. Hier möchte ich Ihnen meine Sichtweise und Hintergründe aufzeigen:
Vorab dazu schon mal: Selbst der Finanzausschuss und der Wirtschaftsausschuss lehnen den Gesetzentwurf ab und empfehlen dies auch dem Bundesrat. Ebenso der Nationale Normenkontrollrat, der kurioserweise ja dem federführenden Finanzministerium unterstellt ist. Selbst in der eigenen Behörde werden also die Gründe für den Wechsel und die Berechnung der damit einhergehenden Kosten für die Betroffenen deutlich angezweifelt.
Unter anderem werden hier genauso wie aus den Kreisen der Betroffenen folgende Gründe gegen den Aufsichtswechsel genannt:
Falls Sie und die SPD dieses Entwurf umsetzen wird dies aus meiner Sicht zur Folge haben, dass viele kleinere Berater und Unternehmen, welche bereits viele Änderungen der letzten Jahre mit viel Fleiß, Schaffenskraft und hohem finanziellen Aufwand umgesetzt haben, nun daran scheitern werden.
In der aktuellen Coronazeit, wo sowieso schon viele Menschen in allen Berufsgruppen um ihr Überleben kämpfen, wir selbst in den letzten Wochen viel im Homeoffice arbeiten und nur begrenzt Kundentermine wahrnehmen konnten, wollen Sie und die SPD dieses unheilige Vorhaben nun im Eiltempo verabschieden!!!
Die Berechnungen zu den Vermittlern, welche nach Ansicht des BMF zur Bafin wechseln werden, ist völlig unrealistisch. Denn diese basieren auf Annahmen, welche mir wieder beweisen, dass aktuelle Politik total weltfremd und nicht mehr am Puls der Menschen ist. Unsere tatsächliche Arbeit ist ihnen weder bekannt noch interessiert sich seitens der Politik wirklich jemand dafür. Ohne Intensiv in unsere praktische Arbeit zu schauen, werden Gesetzesvorhaben eingebracht, die in der Theorie ganz nett klingen an der Wirklichkeit aber völlig vorbei gehen und im Ergebnis das Gegenteil von dem erreichen, was sie eigentlich erreichen sollen.
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen in Einzel – oder Kleinunternehmen, werden diese weitere finanzielle Mehrbelastung nicht mehr aufbringen können oder wollen und aufgeben müssen.
Das wird bedeuten, dass die angenommenen Zahlen von Vermittlern, unter der Bafin-Aufsicht deutlich unter den Zahlen der Gesetzesbegründung liegen werden. Zusätzlich haben wir eine hohe Anzahl von Paragraf 34f-Vermittlern die für Großvertriebe wie zum Beispiel DVAG, MLP oder Swiss-Life-Select oder unter anderen Haftungsdächern arbeiten. Wir reden hier sicher über ca. 15.000 Vermittler, nur bei diesen drei großen Vertrieben. Diese Vertriebe werden Vertriebsgesellschaften gründen und Ihre Vermittler darunter führen. Diese Vertriebsgesellschaften werden dann seitens der Bafin quasi als eine Einheit geprüft.
Gebühren werden hier seitens der Bafin nicht pro Vermittler, sondern pro Vertriebsgesellschaft berechnet. Die Zahl der kleinen freien und unabhängigen Paragraf-34f-Vermittler, auf die die Gebühren für die Bafin Aufsicht dann verteilt werden, werden also deutlich unter denen in der Gesetzesbegründung liegen.
Die Gebühren für die verbleibenden kleinen und unabhängigen Vermittler werden dann real eher bei 4.000 bis 10.000 Euro pro Jahr und Vermittler liegen. Das werden sehr, sehr viele definitiv nicht schultern können oder wollen, was die Gebührendynamik dann nochmals erhöht. Eine klare Benachteiligung der kleinen und unabhängigen Paragraf-34f-Vermittler und damit eine deutliche Verschlechterung des Verbraucherschutzes. Die kleinen und von Banken und Großvertrieben unabhängigen und ausschließlich im Kundeninteresse arbeitenden Paragraf-34f-Vermittler werden so aus dem Markt gedrängt. Zum Nachteil aller Verbraucher in Deutschland.
Letztendlich wird damit das Gegenteil vom dem erreicht was angeblich der Wechsel der Aufsicht zur Bafin ja laut Gesetzesbegründung als Ziel hat. Stärkung des Verbraucherschutzes. Mit der Vernichtung vieler Existenzen im Bereich der kleinen und von Banken und Großvertrieben unabhängigen Paragraf-34f-Vermittler wird dieses Ziel sicher nicht erreicht.
Sollte dieser völlig unnötige Aufsichtswechsels passieren, werden wir die erheblich gestiegenen Kosten an unsere Kunden in Form von steigenden Gebühren weitergeben müssen.
Wir werden dann unseren knapp 6.000 Kunden, wie immer sehr offen und transparent kommunizieren, warum es zu den steigenden Kosten kommt und wer diese zu verantworten hat.
Dieser Aufsichtswechsel, völlig ohne Not und Begründung geboren, in ohnehin schon schwierigen Zeiten, ist die komplett falsche Politik. Am Ende werden die Kunden wieder nur die Banken oder Großvertriebe als Alternative in der Beratung haben und die Bürger und Verbraucher stehen wieder dort, wo wir vor 28 Jahren unsere Arbeit begonnen haben: Keine freie und bankenunabhängige Beratung und das hat aus meiner Sicht mit Verbraucherschutz und Sozialdemokratie nun wirklich nichts zu tun.
Ich hoffe, Sie finden die Zeit und lesen meine Gedanken in Ruhe und Bedacht. Gerne stehe ich auch zu einem persönlichen Gespräch zur Verfügung, um Ihnen einen Einblick in unsere Arbeit zu geben und warum dieser Wechsel gar nichts verbessert, weder für den Kunden/Verbraucher noch für die kleinen Vermittler.
Ich erwarte von ihnen, dass dieser Wechsel erneut auf seine Sinnhaftigkeit hinsichtlich des Verbraucherschutzes und den Kosten des Aufsichtswechsels für die Betroffenen nochmals ordentlich und in Ruhe überprüft wird. Dies sind sie uns als Bürger, Unternehmer, und Steuerzahler schuldig.
Ihr
Carsten Keßler
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