Pfefferminzia: Sie sind derzeit viel in der Versicherungsbranche unterwegs und sprechen vor Versicherungs- und Vertriebsmanagern. Wie Sie selbst sagen, ist die Branche „kräftig im Umbruch und viele Protagonisten tun sich schwer“. Welche Frage hören Sie auf Ihren Reisen am häufigsten und wie lautet Ihre Antwort?
Roland Löscher: Die Manager fragen mich, wie sie die Motivation ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter für die Veränderungen steigern können und wie die Umsetzung der geplanten Maßnahmen effektiver und vor allem schneller erfolgen kann. Alle stehen unter großem Erfolgs- und Zeitdruck. Besonders ausgeprägt erlebe ich dies beim mittleren Management, wo sich Führungskräfte und Key Account Manager in einer Sandwich-Position zwischen Vorstand und Mitarbeiter beziehungsweise Kunden befinden. Dort höre ich Aussagen wie „ich werde immer mehr zum Getriebenen“, „ich agiere hier nur noch wie im Hamsterrad“ oder „keine Ahnung, wie ich das alles schaffen soll“.
Change-Management gehört zu den anspruchsvollsten Disziplinen überhaupt – wie kann dies ausgerechnet in der als konservativ geltenden Versicherungswirtschaft gelingen, wo man sehr lange Erfolg hatte mit altbewährten Mitteln?
Die Unternehmen in der Versicherungswirtschaft geben aktuell in Sachen „Change und Digitalisierung“ kräftig Gas. Konservativ sein schließt ja nicht aus, innovativ, agil und flexibel zu sein. Allerdings wird häufig die Umsetzungsgeschwindigkeit zu hoch angesetzt. Die Organisation, die Prozesse, die IT-Services und auch die Menschen hinken dann den erwarteten Ergebnissen hinterher. Das führt zu großer Frustration.
Und dann kommen Sie ins Spiel…
Leider werden wir oft erst dann engagiert, wenn die von externen Beratern am grünen Tisch entwickelten Strategien und Veränderungsprozesse nicht die erwartenden messbaren Ergebnisse hervorbringen. Eine der Ursachen liegt darin, dass die Führungskräfte und Mitarbeiter diese Veränderungen nicht mittragen.
Woran liegt das?
Es wurde entweder der Sinn, der Nutzen und die konkreten Auswirkungen der Veränderungen auf die Arbeitswelt und vor für die Zukunft der Menschen nicht klar kommuniziert. Oder die Mitarbeiter haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Change-Prozessen gemacht und warten nun erst mal ab. Sie wollen nicht wieder unnötig Energie verschwenden. Diese Denk- und Verhaltensmuster müssen ernst genommen und von den Führungskräften erkannt und aufgelöst werden. Dazu sind jedoch viele nicht in der Lage, weil sie dafür nicht die notwendigen Analyse- und Coaching-Kompetenzen haben. Sie befürchten auch Widerstände und Emotionen, mit denen sie dann nicht umgehen können oder wollen – „dafür habe ich keine Zeit“, heißt es dann gerne.
In Ihrem neuen Buch mit dem Titel „Im Auge des Tornados – wie du zum Helden deines Lebens wirst“ geht es auch um Change Management. Warum haben Sie das Buch geschrieben?
In meiner Arbeit als Berater und Coach begegne ich in den Unternehmen immer mehr Menschen, die sich unter permanentem Druck, gestresst und getrieben fühlen. Ein Change-Prozess jagt den nächsten und auch im Privatleben gilt es, die Aufgaben und Rollenerwartungen zu erfüllen. Die Zahl der Führungskräfte, Verkäufer und Mitarbeiter die an Burnout erkranken nimmt ständig zu – und sie werden immer jünger. Viele suchen die Lösung in effizienteren Arbeits-, Organisations-, und Zeitmanagementmethoden, um ihr wachsendes Arbeitspensum zu schaffen. Doch das führt nach meiner Erfahrung nur zu einer kurzfristigen Verbesserung.
Warum?
Danach arbeiten sie noch mehr, noch länger und über die eigene Schmerzgrenze hinaus. Sie finden so keine wirkliche Lösung, denn sie suchen die Lösung am falschen Ort. Sie suchen die Lösung im Außen; doch die wirkliche Lösung liegt in ihnen selbst. Stress entsteht weniger durch zu viel Arbeit, sondern mehr durch den inneren Kampf gegen die aktuellen Bedingungen, die nicht so sind, wie man sie möchte. Hinter diesem Stress sitzt immer die Angst, welche es zu erkennen, zu klären und aufzulösen gilt. Denn wenn sich die Menschen in ihrer Arbeit im Unternehmen verlieren, dann verlieren die Unternehmen die Menschen. Das möchte ich verhindern.
Was und wo ist die Lösung?
Ich würde mir vom Management wünschen, dass sie ihr Unternehmen auch systemisch betrachten und führen. Ein Unternehmen ist ein System und Organismus und wie alle Organismen bestimmt dessen Energie seine Stärke, Vitalität und (Über-)Lebensfähigkeit. Die Qualität und Menge an Energie erhält den Organismus entweder gesund oder lässt ihn krank werden. Bei den Change-Prozessen entstehen nach meiner Erfahrung zu viele Blockaden, die den Erfolg behindern und das Unternehmen wie auch die Menschen, die darin arbeiten auf Dauer krank machen.
Ich sehe neben der Verantwortung des Managements, die Menschen mehr in den Mittelpunkt der Veränderungsprozesse zu stellen, auch eine große Selbstverantwortung bei den Führungskräften und Mitarbeitern. Um mein Bild des Tornados aufzugreifen: Die Veränderungen in der Zukunft werden nicht weniger; sie werden zunehmen und die Intensität wird weiter steigen. Es hilft nicht, diesen Veränderungs-Tornados entfliehen zu wollen. Denken Sie nur mal an das Angstthema der Digitalisierung. Sie wird die Versicherungsunternehmen fundamental verändern – mit allen Vor- und Nachteilen für die Menschen, die dort arbeiten.
Kurzum: Es geht darum, wie sich jeder Einzelne darauf einstellt und damit konstruktiv umgeht und sich darauf vorbereitet. Es geht darüber hinaus um den Schutz der persönlichen Identität und der Gesundheit. Dies erfordert einerseits eine höherwertige Qualifizierung in den Themen Verhaltenspsychologie, Resilienz und Systemisches Coaching und andererseits eine größere Selbstverantwortung und Selbstwertschätzung. Die echten Lösungen finden wir im Auge des Tornados, da wo es still ist. Dieser Ort ist es, wo die notwendige Klarheit, Gelassenheit und Stärke zu finden ist. Um diesen Ort zu erreichen, müssen wir uns auf den eine Reise ins Auge des Tornados begeben. Das ist eine Reise zu uns selbst. Dafür braucht es Mut, sich den Widerständen und seinen Ängsten zu stellen.
Wo setzen Sie an, um Ihren Zuhörern Mut zu machen, selbst „zum Helden ihres Lebens“ zu werden – und was hat eigentlich das Unternehmen davon, wenn es einen dieser „neuen Helden“ beschäftigt?
Für mich persönlich gibt es zwei Arten von Helden. Die einen Helden wirken im Außen: Sie sind dort im Einsatz, wo Leben oder Hab und Gut in Gefahr sind, wo Menschen (oder Tiere) gefährdet sind, zum Beispiel bei Katastrophen, Unwettern, Überschwemmungen, Unfällen und so weiter. Diese Helden sind dann zum Beispiel die Feuerwehrmänner, Notärzte und Katastrophenhelfer.
Die zweite Art von Helden sind für mich diejenigen, die eine Reise nach innen, also zu sich selbst, antreten. Sie wollen nicht länger Opfer der „alltäglichen Tornados“ sein. Sie wollen erfahren und lernen, wie sie die Veränderungen in Beruf und Privatleben nicht nur meistern, sondern gesund, selbstbewusst, erfolgreich und stärker daraus hervorgehen.Sie sind für mich die neuen Helden. Diese NEUE HELDEN brauchen wir in den Unternehmen, um aus Herausforderungen Chancen zu kreieren.
Sie sagen, dass in dieser Zeit eine „To-be-Liste“ wichtiger ist, als eine „To-do-Liste“. Was macht hier den Unterschied aus?
In einer Welt, die sich immer schneller verändert, helfen Methoden und Tools nur kurzfristig. In meinen Vorträgen, Seminaren und Coachings höre ich von den Teilnehmern den Wunsch nach mehr innerer Ruhe, Entspannung, Souveränität und Gelassenheit, unabhängig von den äußeren Umständen. Das sind Eigenschaften und Zustände, wie man SEIN will, wie zum Beispiel „klar SEIN“, „souverän SEIN“, „optimistisch SEIN“, „bewusst SEIN“, „gelassen SEIN“ und auch „in Balance SEIN“. Deshalb empfehle ich die „To-be-Liste“, auf der steht, wie du SEIN willst und was du dafür tun und lassen solltest.
„Im Auge des Tornados – wie du zum Helden deines Lebens wirst“ von Roland Löscher ist erschienen im sorriso Verlag, Radolfzell 2018, 167 S., 14,90 Euro, www.rolandloescher.com
Zur Person:
Roland Löscher ist Diplom-Betriebswirt und Schwabe und lebt nach Jahren seiner Management-Karriere wieder am Bodensee. Der Experte für nachhaltige Veränderungsprozesse und Vertrieb berät heute Unternehmen und coacht Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu verbindet er seine Management- und Vertriebsexpertise mit Coaching-, Hypnose- und systemischen Erfolgsansätzen.
Als Redner und Business Coach wurde er mehrfach ausgezeichnet. Nebenberuflich lehrt er an Hochschulen und Akademien. In seiner Freizeit widmet er sich seiner Rockband (70-er Classic-Rock) und dem Sport.
2009 erschien sein erstes Buch zum „Verkaufen in der Krise“ mit dem Thema „Value Selling“ (wir berichteten). 2011 erschien sein zweites Buch „49 Wege zum Umsatzwachstum“.
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