Miriam Michelsen, MLP

Finfluencer: „Das größte Risiko liegt in der starken Vereinfachung“

Finfluencer bewegen Millionen Menschen mit simplen Botschaften wie „Einfach ETF besparen und fertig“. Mit Miriam Michelsen, Produktvorständin bei MLP Finanzberatung, reden wir darüber, warum pauschale Finanzratschläge ohne Haftung und Aufsicht gerade bei der Altersvorsorge gefährlich werden können.
Miriam Michelsen ist Produktvorständin bei der MLP Finanzberatung.
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Miriam Michelsen ist Produktvorständin bei der MLP Finanzberatung.

Pfefferminzia: Auf Tiktok und Instagram erklären Finfluencer Millionen Menschen, wie sie ihr Geld anlegen sollen – selbstbewusst, vereinfacht, manchmal schlicht falsch. Welche Schäden können Verbrauchern hier entstehen?

Miriam Michelsen: Das größte Risiko liegt in der starken Vereinfachung komplexer Finanzentscheidungen. Altersvorsorge und Geldanlage hängen von vielen individuellen Faktoren ab: Einkommen, Lebenssituation, Absicherung, steuerliche Aspekte, Risikotragfähigkeit und so weiter. Werden diese ausgeblendet, treffen Menschen Entscheidungen, die nicht zu ihrer persönlichen Situation passen. Problematisch ist zudem, dass falsche oder unvollständige Informationen schnell verbreitet werden, ohne dass es verbindliche Qualitätsstandards gibt. Anders als in der regulierten Finanzberatung fehlt hier eine aufsichtsrechtliche Kontrolle, und es gibt in der Regel keine Haftung, wenn Empfehlungen zu finanziellen Nachteilen führen.

Bei welchen Themen ist das Risiko für Verbraucher besonders hoch?

Michelsen: Vor allem bei Altersvorsorge, langfristigem Vermögensaufbau und Absicherung. Fehlentscheidungen können im Schadenfall schnell sehr teuer werden oder wirken oft erst nach Jahren, dann aber umso gravierender. Gerade bei konkreten Produktentscheidungen fehlen in vielen Social‑Media‑Formaten Hinweise auf Kosten, Risiken, Steuern oder Wechselwirkungen mit bestehenden Lösungen.

„Einfach ETF besparen und fertig“ – solche Botschaften haben Millionen Reichweite. Was stimmt daran, und wo werden Lebensrealitäten ausgeblendet, die in der echten Beratung entscheidend sind?

Michelsen: ETFs können ein sinnvoller Bestandteil der Geldanlage und in der Altersvorsorge sein. Problematisch wird es, wenn daraus eine pauschale Lösung für alle Lebenslagen gemacht wird. In der Praxis unterscheiden sich Menschen stark – etwa beim Absicherungsbedarf, bei Verpflichtungen oder beim Planungshorizont. Wichtig ist auch die Frage, wie tief Kundinnen und Kunden ihre eigenen Spar- und späteren Auszahlprozesse tatsächlich selbst detailliert managen möchten und auch können. Seriöse Beratung beginnt deshalb nicht beim Produkt, sondern bei der individuellen Gesamtsituation.

Ein lizenzierter Berater haftet für seine Empfehlung, dokumentiert jeden Schritt, muss die individuelle Situation des Kunden kennen. Ein Finfluencer mit einer Million Followern muss das alles nicht. Wie erklären Sie dieses Ungleichgewicht einem Verbraucher, der sich fragt: Warum sollte ich bezahlen, was ich gratis bekomme?

Michelsen: Der entscheidende Unterschied ist Verantwortung und Aufsicht. Berater unterliegen einer staatlichen Aufsicht, müssen ihre Qualifikation nachweisen, Empfehlungen dokumentieren und dafür haften. Finfluencer hingegen stellen Inhalte meist ohne persönlichen Kundenkontakt zur Verfügung, gänzlich ohne Aufsicht und ohne vergleichbare Haftungsregeln. Genau dieses Ungleichgewicht zwischen Reichweite und Regulierung hebt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie des Centrums für Europäische Politik, kurz Cep, hervor – und es ist für Verbraucher häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Einige Finfluencer argumentieren, sie leisteten Aufklärungsarbeit und brächten Menschen überhaupt erst dazu, sich mit Finanzen zu beschäftigen. Ist das ein Argument, das Sie gelten lassen?

Michelsen: Sie können Aufmerksamkeit für Finanzthemen schaffen, das ist grundsätzlich erstmal positiv. Kritisch wird es aber dort, wo allgemeine Informationen als individuelle Empfehlungen verstanden werden. Aufklärung endet an dem Punkt, an dem Risiken, Kosten oder individuelle Unterschiede nicht mehr benannt werden.

Die Finanzaufsicht Bafin hat Handlungsbedarf signalisiert, die Cep-Studie fordert klarere Regeln auf europäischer Ebene. Was wäre aus Sicht von MLP der richtige Ansatz?

Michelsen: Wer mit großer Reichweite faktisch Finanzentscheidungen beeinflusst, sollte zumindest grundlegenden Offenlegungs- und Aufsichtspflichten unterliegen. Das ist aus unserer Sicht der Kern der aktuellen Diskussion und entspricht auch den Forderungen der Cep-Studie auf europäischer Ebene. Übrigens hinterfragen die Cep-Wissenschaftler auch die uneinheitliche Aufsicht im gesamten Vermittlermarkt hierzulande, also vom Finfluencer über Finanzanlagenvermittler bis hin zu klassischen Finanzdienstleistungsinstituten. Beispielsweise verfügt MLP im Konzern über eine eigene Bank, die von der Bafin reguliert wird. Finanzanlagenvermittler hingegen unterliegen der weniger strengen Aufsicht durch die jeweilige IHK.

Solange die Regulierung noch nicht greift: Was raten Sie jemandem, der sich heute über Altersvorsorge oder Geldanlage informieren will und dabei auch Finfluencer-Inhalte konsumiert. Wie erkennt man den Unterschied zwischen nützlicher Inspiration und gefährlicher Vereinfachung?

Michelsen: Finfluencer-Inhalte können ein Einstieg sein, ersetzen aber keinesfalls eine individuelle Beratung. Große Skepsis ist angebracht, wenn Lösungen als universell, besonders einfach oder risikolos dargestellt werden. Seriöse Informationen benennen Grenzen, Kosten und Unsicherheiten. Wer vor wichtigen Finanzentscheidungen steht, sollte diese mit qualifizierten Gesprächspartnern beleuchten, die die persönliche Situation kennen, tatsächlich berücksichtigen – und am Ende dafür auch haften.

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Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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