FDP-Schatzmeister Harald Christ im Interview

„Wir wollen Teil der neuen Bundesregierung sein“

„Ich bin gegen jede Form des Provisionsverbots“, stellt FDP-Schatzmeister Harald Christ im Interview mit Pfefferminzia klar – und betont: „Wir wollen Schwarz-Grün verhindern, wir wollen Teil der neuen Bundesregierung sein.“ Außerdem spricht der frühere Ergo-Manager über die hohen Umfragewerte der Liberalen unter Vermittlern, seinen Wechsel von der SPD – und auch darüber, ob die Riester-Rente noch eine Zukunft hat.
© picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
Harald Christ spricht am 19. September 2020 als einziger Kandidat für den Posten des FDP-Bundesschatzmeisters auf dem Bundesparteitag der Freien Demokraten (FDP). Am 11. August 2021 sprach Christ mit Pfeffermnzia über den Bundestagswahlkampf.

Der Bundesschatzmeister der FDP, Harald Christ, spricht in die „Die Woche – der Pfefferminzia-Podcast für Versicherungshelden“ über die Rekord-Beliebtheitswerte der Liberalen unter Versicherungsvermittlern, wie er sich die Zukunft der privaten Vorsorge unter einer Regierungsbeteiligung der FDP vorstellt, ob die Riester-Rente noch eine Zukunft hat – und warum der frühere Ergo- und SPD-Manager den Sozialdemokraten nach über 30 Jahren den Rücken gekehrt hat.

Das gesamte Interview gibt es hier zum Nachhören und nachfolgend in kompletter Länge verschriftlicht. 

Pfefferminzia: Die Bundestagswahl rückt näher, in gut sechs Wochen ist es so weit. Und wenn allein die Versicherungsvermittler die Zusammensetzung des künftigen Bundestages bestimmen könnten, würde für die FDP so etwas wie ein goldenes Zeitalter anbrechen. Denn die Liberalen würden die absolute Mehrheit nur um wenige Prozentpunkte verfehlen: 46 Prozent der Vermittler erklärten, für die FDP zu stimmen. CDU/CSU folgen mit rund 23 Prozent deutlich abgeschlagen auf Platz zwei. Das ergab die Sonntagsfrage, die der Vermittlerverband AfW im Juli veröffentlichte und an der sich nach eigenen Angaben knapp 560 Vermittler beteiligten. Wie sehr freut es Sie, dass die FDP unter Vermittlern traditionell hohe Sympathiewerte genießt? Und wie erklären Sie sich die aktuelle Rekordzustimmung?

Harald Christ: Erstmal freut es mich natürlich sehr – und ich werbe persönlich auch dafür, dass das noch besser wird, was die Zustimmung angeht. Mein beruflicher Hintergrund ist ja der, dass ich viele Jahre selbst in der Bank und in der Versicherungswirtschaft Verantwortung getragen habe: Ich war viele Jahre Vertriebsvorstand einer der größten Versicherungsvertriebe in Deutschland – und deswegen ist das eine gute Nachricht.

Was Versicherungsvermittler mit ihren Eigenschaften vereinigt in Bezug auf das Wertegerüst der Freien Demokraten ist vor allem: Eigenverantwortung, fairer Wettbewerb, Transparenz und Leistung. Und wenn ich mal den „Code of Conduct“ des Verbandes Deutscher Versicherungsmakler (BDVM) zum Beispiel nehme, ist das sehr stark deckungsgleich mit dem, was wir wollen. Versicherungsvermittler sind überwiegend selbstständige Versicherungsmakler und Versicherungsvertreter. Und wenn diese sich am Leitbild des ehrbaren Kaufmanns orientieren, ist das wirklich gut und die FDP ein traditioneller Verbündeter – und darüber freuen wir uns natürlich ausdrücklich.

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Am Montag hat der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) einen sogenannten Wahl-Check veröffentlicht, in dem die wahlberechtigten Bundesbürger nachvollziehen sollen, „was Verbraucherinnen und Verbraucher von den einzelnen Parteien nach der Wahl erwarten können“. Unter den elf Punkten geht es auch um die Altersvorsorge – und an dieser Stelle erhält die FDP viel Lob von den Verbraucherschützern für ihr Konzept der „gesetzlichen Aktienrente“: „Die Vorschläge der Partei bieten nennenswerte Fortschritte für Verbraucher. Die Aussage der Partei entspricht weitgehend der Forderung des VZBV oder übererfüllt diese.“ Haben Sie nun die Befürchtung, dass dies in ihrer Wählerschaft als „Beifall von der falschen Seite“ aufgefasst werden könnte? Schließlich betrachten Vermittler die Ansichten der Verbraucherschützer überaus argwöhnisch, weil diese das bestehende Altersvorsorgesystem umkrempeln wollen – und die Finanzberatung – Stichwort: Provisionsverbot – am liebsten gleich dazu?

Da fange ich gleich mal mit dem Ende Ihrer Frage an – und das sage ich auch als langjähriger Vertreter der Branche: Ich bin gegen jede Form des Provisionsverbots. Ich glaube auch, dass das nicht zielführend ist. Außerdem haben die Versicherer und auch die Versicherungsvertriebe die letzten Jahre maximale Kraftanstrengung unternommen, um den Qualitätsanspruch im Vertrieb und auch bei den Produkten sicherzustellen – und da braucht es keine Verbote. Wir als freie Demokraten sind sowieso gegen zu viel regulatorische Verbote an der falschen Stelle – das vorab gesagt. Ja, die Verbraucherschützer haben ihre Rolle – und haben natürlich in erster Linie die Verbraucher im Blick. Wir als politische Parteien haben eine Gesamtrolle. Das heißt, wir müssen alle Interessen entsprechend sehen – und deswegen treten wir an mit konstruktiven Vorschlägen.

Und in der Tat haben wir einen Vorschlag – oder mehrere Vorschläge gemacht –, aber einen, den sie gerade angesprochen haben: Das ist die in unserem Parteiprogramm stehende gesetzliche Aktienrente. Was passiert da? Wir haben zurzeit 18,6 Prozent Beitrag Arbeitgeber/ Arbeitnehmer in der gesetzlichen Rentenversicherung. Und wir wollen, dass zukünftig zwei Prozent der ersten Säule der Altersversorgung für kapitalgedeckte Investitionen sichergestellt werden. Wir wissen alle, dass die erste Säule der Altersversorgung die nächsten Jahre unter einem großen Stresstest steht. Die demografische Entwicklung und so weiter – das sind maximale Belastungen für die Rente. Und wir glauben, dass wir mit der gesetzlichen Aktienrente, die wir vorschlagen, bessere Rendite-Möglichkeiten geben und sowohl für Kleinverdiener, aber auch für mittlere Einkommen, den Einstieg nach dem Modell, was auch Schweden ja sehr erfolgreich umsetzt, in eine etwas diversifizierte erste Säule der Altersversorgung einleiten. Und das steht ja in keinem Widerspruch: Es wird nicht mehr bezahlt dadurch, es wird nicht teurer, sondern es wird anders verteilt.

Sehr wohl ist aber auch entscheidend, dass wir alle drei Säulen der Altersversorgung stärken. Dazu gehört genauso die private Altersvorsorge als auch die betriebliche Altersversorgung. Wir sind der Meinung, dass genau dieser Mix in diesen drei Säulen für ein sorgenfreies Leben in der Rente, oder in der Pension entsprechend, auch das ist, was erstrebenswert ist – und das ist völlig d‘accord mit dem, was die Versicherungsvermittler und Versicherungsmakler auch wollen. Es ist sogar der Einstieg in Beratungsgespräche, um die vielen, vielen Menschen, um die es dann ja auch geht Sorge zu tragen, entsprechend zu beraten.

Dann schauen wir mal ein bisschen näher auf die private Vorsorge: Die Versicherungsbranche in Deutschland rätselt weiter darüber, wie es nach der Bundestagswahl mit der Riester-Rente weitergeht. VZBV-Vorstand Klaus Müller erklärte dazu am Montag (9. August): „Auch wenn sich die Parteien weitgehend einig sind, dass die Riester-Rente gescheitert ist, fehlen bei Union, SPD und FDP noch das klare Bekenntnis zur Ablösung der Riester-Rente.“ Werden Sie Herrn Müller diesen Gefallen noch nachliefern?

Ich bin nicht in der Rolle hier Irgendjemandem Gefallen nachzuliefern oder einzulösen. Wir haben ein klares Programm. Klar ist, dass wir alle Säulen der Altersversorgung stärken müssen, das habe ich ja eben bereits gesagt. Und unser Beitrag, unser Vorschlag, die gesetzliche Rente um die Aktienrente zu ergänzen, ist ein mutiger, guter Vorschlag. Es gibt, wie schon gesagt, europäische Vergleiche. Und das zahlt, glaube ich, auf die Herausforderungen der Zukunft ein. Und wenn Sie das Thema Riester ansprechen: Da gibt es viele gute Riester-Produkte. Es gibt sicherlich auch gewisse Dinge bei Riester, die nicht optimal gelaufen sind, aber wenn man den Wohn-Riester zum Beispiel hervorheben darf, das war ein sehr gutes Produkt. Und deswegen, wie schon gesagt: Wir sind hier nicht in der Rolle, irgendwelche Gefallen einzulösen, sondern das Beste für die Menschen in diesem Land zu wollen. Und ich glaube, wir werden zukünftig viel mehr über ein Baukastensystem bei der Altersversorgung reden müssen, aus privater Altersvorsorge, betrieblicher Altersversorgung, ergänzt durch die gesetzliche Rente mit unserem Vorschlag der gesetzlichen Aktienrente. Daraus wird dann ein Konzept und es gibt viele, viele Gestaltungsmöglichkeiten für die Menschen, die es am Ende ja auch betrifft.

Seite 2: „Können Sie einen erneuten ,Lieber nicht regieren als falsch regieren‘-Moment ausschließen?“

Zum Schluss möchte ich gerne an Ihre spannende Vita anknüpfen: „Früherer Ergo- und SPD-Manager Christ wechselt zur FDP“, titelte Pfefferminzia im März vergangenen Jahres, nachdem sie bekannt gaben, dass sie nach 31 Jahren SPD-Mitgliedschaft zu den Liberalen wechseln. Für viele kam das sehr überraschend – trotz Ihres erkennbaren Grolls gegen den linken Kurs der Sozialdemokraten. Unter anderem äußerten Sie damals den Wunsch, dass die FDP nun wieder ein attraktiver Bündnispartner „für die vernünftigen Kräfte innerhalb der SPD“ werden müsse. Wie hoch schätzen Sie vor diesem Hintergrund die Chancen auf eine Ampelkoalition aus FDP, Grünen und SPD oder gar auf ein so genanntes Deutschlandbündnis mit den Parteifarben schwarz, rot und gelb im Herbst. Was können wir da erwarten? 

Für viele kam das vielleicht überraschend in der Öffentlichkeit – für mich kam dieser Wechsel nicht überraschend. Das war ein längerer Prozess und wie das bei längeren Prozessen so ist – er hat eine Phase der Überlegung, er hat eine Phase der Entscheidung und ich habe dann auch konsequent entschieden, so wie ich das in meinem Leben immer gemacht habe. Ich war ja sozialisiert in einer Sozialdemokratie, die in vielen, vielen Jahren meiner Mitgliedschaft einen wirtschafts- und mittelstandspolitischen Kern auch hatte, auch eine Partei, die stärker die Ränder bedient hat, auch eine Partei, die stärker sich in der Mitte gesehen hat. Es gab durch diesen Linksruck, durch diese Regulatorik, durch diese Verbote, durch alles, was da jetzt auch im Wahlprogramm sich wieder findet, immer weniger Überschneidungen und deswegen habe ich konsequent diese Entscheidung getroffen – für meine Freunde, für meine Bekannte, für meine Familie war das nicht überraschend.

Ich bin kein Freund davon, über Koalitionen zu diskutieren. Und am Ende ist das auch ein Respekt gegenüber den Wählerinnen und Wählern, die im September entscheiden – und die statten die Parteien mit Mehrheiten und mit Mandaten aus, die darüber zu entscheiden haben, wie sich Koalitionen bilden. Ich bin ein Freund davon, über Inhalte zu reden. Und wenn wir eine starke Wirtschaft wollen, wenn wir sichere Arbeitsplätze wollen, wenn wir nicht das Soziale gegen das Wirtschaftliche ausspielen wollen, sondern wissen, dass die soziale Marktwirtschaft, das Soziale, auch das Marktwirtschaftliberale braucht. Wenn wir für Bürokratieabbau sind und wenn wir für steuerliche Entlastungen sind, dann sind das viele Argumente, die Freien Demokraten zu wählen. Wenn wir für einen modernen Staat sind, der besser mit Krisen umgehen kann, wenn wir vor allem für Freiheitsrechte sind, die gerade bei staatlichen Entscheidungen abgewogen werden, wie wir das jetzt gerade bei Corona erleben, wenn wir mehr Freude am Erfinden als am Verbieten haben – zum Beispiel beim Klimaschutz, bei der Digitalisierung, bei neuen Technologien. Das ist das, wofür wir als freie Demokraten antreten, um ein so starkes Wahlergebnis zu erreichen, dass ohne uns keine Regierungsbildung möglich ist. Ja, wir wollen Schwarz-Grün verhindern, ja, wir wollen Teil der neuen Bundesregierung sein, weil wir für unsere Inhalte auch kämpfen wollen und das Land gestalten wollen. Aber ich sage Ihnen auch ganz klar: Mit dem, was ich zurzeit in den Wahlprogrammen von den Grünen und von der SPD lese, kann ich mir nicht vorstellen, dass es mit einem dieser beiden Parteien möglich ist.

Können Sie also einen „Lieber nicht regieren als falsch regieren“-Moment, wie ihn damals Parteichef Christian Lindner prägte, ausschließen?

Ich habe ja keine Glaskugel – und ich sage nochmal: Die Wählerinnen und Wähler geben das Mandat. Wir treten an für eine Regierungsbeteiligung. Wir gehen von allem, was wir wissen – trotz der schwächelnden Umfrageergebnisse von Armin Laschet und der CDU – davon aus, dass die CDU/CSU die stärkste Partei sein wird. Dementsprechend wird es der Auftrag sein für Armin Laschet, Koalitionsgespräche zu führen. Und sicherlich werden wir, wenn wir eingeladen werden, eine aktive Rolle spielen wollen, um dann auch eine Koalition zu ermöglichen. Und wenn ich sage: Armin Laschet, dann können Sie schon raushören, dass zwei andere Koalitionsvarianten sicherlich ausfallen werden.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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