Wer heute einen zwischen Juli 1994 und Juli 2000 abgeschlossenen Lebensversicherungsvertrag besitzt, kann sich glücklich schätzen. 4 Prozent betrug damals der Höchstrechnungszins – diese Altverträge müssen die Versicherer weiterhin bis zum Ende der Laufzeit derart verzinsen. Koste es was es wolle. Und es kostet immer mehr.
Um ihre Renditeversprechen aus den Altverträgen zu erfüllen, zwingt die Finanzaufsicht Bafin die Versicherer dazu, etliche Milliarden Euro zurückzustellen. Seit 2011 summiert sich diese Zinszusatzreserve auf 32 Milliarden Euro; allein im vergangenen Jahr kamen noch einmal gut 10 Milliarden Euro dazu. Auch für 2016 rechnen Experten mit Rückstellungen in dieser Größenordnung. Diese Summen fehlen den Unternehmen, um anschauliche Renditen für die Altersvorsorge zu erwirtschaften. An einem Markt, der angesichts von Zinsen nahe Null ohnehin kaum Möglichkeiten bietet.
Experten wie die Analysten der Rating-Agentur Moody’s sagen den deutschen Lebensversicherern daher eine schwierige Zukunft voraus. Dabei schließen sie nicht aus, dass einige Unternehmen bereits in den nächsten Monaten in ernste Schwierigkeiten geraten und aus dem Markt ausscheiden könnten. Mit Protektor verfügt die Branche zwar über ein Auffangsystem für schwächelnde Anbieter. Dessen Kapitalausstattung ist indes nicht groß genug, um mehrere notleidende Versicherer aufgefangen zu können.
Politik kann Versicherer nicht retten
Die Politik hat den Garantiezins in der Lebensversicherung gesenkt, zuletzt mit dem Lebensversicherungsreformgesetz auf 1,25 Prozent seit Januar 2015. Zum Jahresbeginn 2017 wird er nun erneut fallen. Wer dann eine Lebensversicherung abschließt, erhält nur 0,9 Prozent garantiert. Und das ist wohl noch nicht der Weisheit letzter Schluss.
„Ein Ende der Niedrigzinsphase ist zurzeit nicht in Sicht“, sagt Claus Mischler, Leiter Produktentwicklung beim britischen Versicherer Standard Life. Für die Mehrheit der Kunden würde es durchaus Sinn machen, auf Garantien zu verzichten, doch eine Garantie ist in einigen wie zum Beispiel staatlich geförderten Bereichen vorgeschrieben. Dies gefährdet die Vorsorgeziele des Kunden“, so Mischler. Der Geldverlust durch die Inflation sei dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Garantien verhindern Vermögensaufbau
Die Versicherungen auf dem deutschen Markt reagieren zaghaft auf die desolate Zinslage, indem sie Produkte mit weniger starken Zinsgarantien auf den Markt bringen, aber eben immer noch mit Garantien. Aber auch die neuen Garantien stehen vor dem Problem, dass die Absicherung der Garantien viel Kapital bindet – Kapital, das nicht mehr renditeorientiert angelegt werden kann.
Sparer und Käufer von Lebensversicherungen mit garantiertem Zins sollten sich klar machen: Die Rendite, die notwendig ist, um die Lücke zwischen der staatlichen Rente und dem früheren Einkommen zu schließen, werden die Anbieter auf absehbare Zeit nicht mehr erwirtschaften können. Warum sollten Kunden daher einem überholten Produktmodell ihr Vertrauen schenken?
Nur wenige Versicherer verabschieden sich folgerichtig komplett von Garantiemodellen, wie dies Standard Life bereits im vergangenen Jahr getan hat. „Für eine erfolgreiche Altersvorsorge ist es entscheidend, eine ausreichend hohe Rendite zu erwirtschaften. Doch dies ist im Niedrigzinsumfeld mit einer Garantie nicht mehr möglich. Deshalb investieren wir die uns anvertrauten Anlagegelder renditeorientiert, ohne den Wunsch unserer Kunden nach Sicherheit zu vernachlässigen“, erklärt Mischler.
Alternative Altersvorsorgemodelle ohne teure Garantie
Standard Life verfolgt ein Konzept, das in der Altersvorsorge auf eine breit gestreute Kapitalanlage und eine umfassenden Risikokontrolle setzt – Sicherheit statt Garantie. „Vermittler, die unsere Produkte empfehlen, bescheinigen uns, das Geschäft mit Investmentlösungen ohne Garantien bei gleichzeitiger Sicherheit gut zu beherrschen“, betont der Leiter der Produktentwicklung bei Standard Life.