Früher, ganz früher war es die Dampfmaschine. Und viel später der Computer. Und jetzt die Künstliche Intelligenz (KI)? Mit jeder industriellen Umwälzung schwang stets die Angst der Menschen vor diesen neuen Dingen mit. Insbesondere die Furcht, den Arbeitsplatz zu verlieren. Mal mehr, mal weniger begründet.
Wie sich die Gemüter in Hinblick auf sogenannte generative Künstliche Intelligenz verhalten, hat nun der Handels- und Kreditversicherer Allianz Trade im Rahmen einer Umfrage unter 6.000 Menschen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Polen und Spanien herausgefunden.
Eine wichtige – wenn auch nicht sonderlich überraschende – Erkenntnis lautet, dass die Bedenken gegenüber generativer KI den Optimismus deutlich überwiegen. Im Durchschnitt äußerten sich über alle Länder hinweg mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Befragten besorgt wegen der Risiken. 29 Prozent gehen davon aus, dass sich Risiken und Chancen die Waage halten. Und 21 Prozent zeigen sich optimistisch, dass KI der Wirtschaft Vorteile bringt.
Speziell zu Deutschland liefert Allianz Trade einige weitere Zahlen. Demnach rechnet fast jeder Zweite (47 Prozent) damit, dass KI die Zahl der Arbeitsplätze verringert. 35 Prozent gehen ganz im Gegenteil davon aus, dass KI für mehr Arbeitsplätze sorgt.
Insbesondere haben sich die Analysten angesehen, wie KI die Versicherungsbranche verändern könnte. Zunächst das eine: Arbeitsplätze wird sie wohl nicht massiv verlagern. Stattdessen bietet sie gleich zahlreiche Vorteile, vor allem, was Kundenzufriedenheit und Betrugserkennung angeht.
KI kann Fachkräftemangel bei Versicherern lindern
Und dann sollte man die ganze Sache auch mal umdrehen und das Gute sehen. Denn es ist ja nicht so, dass nicht etwa Arbeitsplätze bei Versicherern knapp sind, sondern Angestellte: Kann KI also nicht auch helfen, den Fachkräftemangel zu lindern? Antwort: ja. „In Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels könnte die KI-Revolution zum Glücksfall werden“, sagt Arne Holzhausen, Leiter Versicherung, Vermögen und ESG bei Allianz Research. Indem KI die Produktivität steigert und Routineaufgaben automatisch übernimmt, könnte sie die Personalprobleme tatsächlich lösen helfen.
Doch da gibt es ein Problem: Wenn die Produktivität steigt, sinkt zwar die Zahl der Arbeitsplätze. Doch dieser Zusammenhang ist wohl in der Versicherungsbranche nicht sehr stark ausgeprägt. Um das mal in Zahlen auszudrücken: Wenn die Produktivität dort um 0,622 Prozent steigt, verringert sich der Personalbestand um 1 Prozent, so die Studie.
Seite 2: Wo man Künstliche Intelligenz anwenden kann, und was sie dort nützt
Der Vorteil der Versicherungsbranche ist allerdings laut Studie, dass sie derart datengetrieben ist wie kaum eine andere Industrie. KI könnte also die Produktivität enorm erhöhen. Folgende Bereiche und Nutzen könnte es geben:
Marketing
Anwendung
- Vorausschauende Analysen
- Automatische Nachfrageanalyse
Nutzen
- Neue Marketingkanäle
- Maßgeschneiderte Ansprache
Produktentwicklung
Anwendung
- Analyse von Kundenvorlieben
- Produkt-Innovation
Nutzen
- Präzise Preise
- Maßgeschneiderte Produkte
- Produkte schnell anpassbar
Vertrieb
Anwendung
- Maßgeschneiderte Produktberatung
- Automatische Vertriebsabläufe
Nutzen
- Sinkende Vertriebskosten, dadurch erhöhte Leistbarkeit
Underwriting
Anwendung
- Bildanalyse
- Sprachverarbeitung
Nutzen
- Erhöhte Qualität und Geschwindigkeit in der Risikoanalyse, auch bei komplexen Risiken
Kundenservice und Policenbestand
Anwendung
- Vorausschauende Analysen
- Stimmerkennung
- Sprachverarbeitung
- Risiken mindern und vermeiden
Nutzen
- Persönlicher Service
- Erhöhtes Kundenengagement
- Erhöhte Belastbarkeit der Versicherten
Schadenbearbeitung
Anwendung
- Vorhersage von Schadenmustern
- Bilderkennung
- Erkennen von Ungewöhnlichem und Betrug
Nutzen
- Schäden akkurat einschätzbar
- Weniger Betrug
- Schnellere Reaktion
Wie es tatsächlich kommt, ist natürlich offen, das räumen auch die Studienautoren ein. Nicht jeder technische Fortschritt erhöht auch automatisch den Wohlstand – ganz klar. Einerseits kann man Erfolg erst dann erkennen, wenn die neue Technologie ausgereift und weit genug verbreitet ist. Wenn das aber irgendwann der Fall ist, wird es schwierig, sie zu kontrollieren und notfalls einzudämmen.
48 Prozent der Befragten finden deshalb, dass generative KI streng reguliert werden müsse. 32 Prozent halten es aber für wichtig, Europas Wettbewerbsfähigkeit auf diesem Gebiet zu sichern. Weniger als 10 Prozent fänden es gut, wenn man die Entwicklung einfach laufen lassen würde.