Meinen allerersten Antrag auf eine Rentenversicherung habe ich bei der Standard Life eingereicht, vor 17 Jahren war das. Eine gute, alte „Freelax“. Das war halt auch eine geputzte Story mit dem „Unitised-with-Profits“-(UWP)-Prinzip von der „britischen Allianz“ mit Sitz bei den sparsamen Schotten in Edinburgh, und der um im Schnitt ein Prozent höheren Rendite pro Jahr als bei den deutschen Lebensversichern. Die Unterlagen waren toll designt und übersichtlich aufgebaut und der Service ein Vorreiter für alle, die erst später erkannt haben, dass es sich lohnt, seinen Makler gut zu behandeln.
Das Back-Office war legendär schnell, verlässlich, immer erreichbar und die Mitarbeiter bestens geschult. Ach ja, und das Unternehmen gehörte der Versichertengemeinschaft, als es noch ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit war. Ein Finanzhaus, das noble „Britishness“ verkörperte, als das noch als Auszeichnung galt. Kurz: Standard Life war – bitte wörtlich nehmen – eine „egg-laying wool milk sow“ für Kunden und Vermittler.
Im Jahr 2006 ging es an die Börse, was erst einmal keine Verschlechterung nach sich zog. Im Gegenteil, das Geschäft brummte. Aber ein knappes Jahrzehnt später kamen die nicht so schönen Änderungen. Die erste: Man nahm uns 2015 die „Freelax“. Aber nicht nur das. Auch Beitragserhöhungen waren nicht mehr möglich. Blöd, wenn man zuvor viel bAV-Geschäft damit gemacht hatte. Aber die Liebe war groß, also weitermachen mit der reinen Fondspolice „Maxxcellence“ (während sich Canada Life derweil das UWP-Monopol sicherte und zeigt, dass das nach wie vor geht). Aber das Bröckeln hörte nicht auf. 2017 ging durch den Zusammenschluss mit der Investment-Company Aberdeen die Unabhängigkeit verloren, und 2018 wurde das Lebensversicherungsgeschäft komplett an den Bestandsabwickler Phönix verkauft.
Wofür man nichts konnte, waren der Brexit und seine Begleiterscheinungen. Aber mit dem erzwungenen Umzug nach Irland und der Gründung der Standard Life International DAC (einer irischen Form der GmbH speziell für Finanzdienstleister) ging auch der staatliche Insolvenzschutz des Financial Services Compensation Scheme (FSCS) irgendwo zwischen Keltischer und Schottischer See verloren…
Mit dem Produkt-Relaunch kommt mehr Trennschärfe
Ja, und jetzt? Geht es weiter. Phönix hatte gleich nach der Übernahme ein Bekenntnis zum deutschen Markt abgegeben, das angesichts der jüngeren Vorgeschichte in vielen Vermittlerohren wie Hohn klang. Aber: Man hat hier Wort gehalten und – das muss man respektvoll festhalten – viel unternommen, um verlorenes Terrain wiederzuerobern. Als Personal-Speerspitze mit dem Head of Sales & Marketing Deutschland, Christian Nuschele, den ich persönlich sehr schätze und der mit unermüdlicher Hingabe für seine Farben kämpft – vor allem für Vertrauen. Eine Herausforderung. Denn Vertrauen ist wie ein Stück Papier. Einmal zerknüllt, wird es nie wieder perfekt sein.
Gerade aktuell kommen die Neu-Iren aus der Deckung mit einem Produkt-Relaunch, der wieder mehr Trennschärfe ins Angebot gebracht hat:
- „Maxxellence“ für die laufenden Beiträge zur Vermögensbildung für die Altersversorgung
- „Parkallee“ für die Geldanlage und sonst nix
- „Weitblick“ für die Geldanlage im Hinblick auf die Entsparung und Übertragung
Alles natürlich auf reiner Fondsbasis, das Wörtchen „Garantie“ hat man aus der Nomenklatur verbannt. Da ist man konsequent. Und zeitgemäß. Auch um Verrentungen reißt man sich nach wie vor nicht.
Das Fahrgestell ist bei allen drei Tarifen das gleiche. Schauen wir uns heute aber den „Weitblick“ näher an. Dem Grunde nach ist das eine fondsgebundene Lebensversicherung mit einer recht eigenwilligen Konstruktion der Todesfallsumme. Die liegt erst bei 100 Prozent, steigt dann auf 110 Prozent und fällt dann wieder ab auf den Fondswert. Klingt komisch, hat keinen erkennbaren Mehrwert, is aber so.
Sonst geht’s bei 25.000 Euro los (bis Ende des Jahres reichen auch 15.000 Euro zum warm werden). Das Geeignetheitsprotokoll ist auch schon drin. Und man bekommt vor allem eine durchaus beeindruckende Fondswelt. Damit ist nicht die schiere Zahl gemeint, denn 88 Stück sind durchaus im Rahmen des Üblichen. Aber Standard Life inszeniert sich eben als „Investmenthaus“ und das machen sie gut. Neben den Must-haves und der „Aberdeen“-Auswahl als Zugeständnis ans Haus, stechen da die passiven MyFolios heraus mit laufenden Kosten von 0,14 bis 0,16 Prozent, dazu die noch günstigere „Vanguard“-Palette und satte 12 Nachhaltigkeitsfonds. Ja, schon klar, Nachhaltigkeit definiert jeder anders und der ein oder andere Hardliner ist mit „Nestlé“ als Einzelwert schon durch mit der Nummer, aber man hat hier zumindest eine ordentliche Stichprobe aus diesem Segment vorliegen.
Der Vorteil provisionsfreie Anteilsklassen
Dazu kommt noch die Sache mit den „Clean Shares“, also den Varianten ein und desselben Fonds, die besonders transparent und provisionsfrei und daher günstig sind. Das muss man sich schon mal vergegenwärtigen: Für den Flossbach von Storch Multiple Opportunities statt 1,6 Prozent laufende Kosten nur 0,9 Prozent – das ist schon ein Wort (machen andere aber auch schon, wie die Condor). Und dann noch neuerdings die Hochrechnungen nach der Bruttomethode, die Standard Life in der medialen Kommunikation wie eine Monstranz vor sich herträgt. Sie haben es zwar nicht erfunden, aber sie vermarkten es gut.
Der „Weitblick“ im Wortsinne kommt speziell an zwei Stellen zum Tragen. Zum einen bei der „Familien-Option“, bei der bis zu zwei Versicherungsnehmer und zwei versicherte Personen hinterlegt werden können. Erb- und Schenk-Experten freuen sich über die vielen schönen Konstruktionen, die damit möglich sind. Als Versicherungsnehmer ein Prozent der Vater und 99 Prozent Sohn oder Tochter, versicherte Person der Papa – das ist steuerlich und familienhygienisch inzwischen ja fast schon ein Klassiker. Zum zweiten sind es die Entnahmepläne, die bedingungsgemäß kostenlos sind.
Die Kosten: Der Vermittler hat es in der Hand
Doch leider hilft das nicht viel, wenn der Kunde es an anderer Stelle wieder bezahlen muss. Und jetzt muss man aufpassen. Mit 2,0 Prozent Abschlussgebühr (Alpha-Kosten), 0,1 Prozent auf das Vertragsvermögen (Gamma-Kosten), 60 Euro Stückkosten (Kappa-Kosten) und Pi mal Daumen 0,05 Prozent für die Todesfallabsicherung, ist Standard Life in Benchmark-Nähe was die Abgaben angeht, die der Versicherer erhebt. Aber die Vermittlervergütung kommt halt noch dazu (außer beim Nettotarif N, aber da wird der Berater regelmäßig außerhalb des Vertrages eine Honorarnote versenden). Bei der Tarifstufe S (wie Standard) ist man dann bei 5,5 Prozent Alpha und 0,65 Prozent Gamma. Kappa und Risiko verändern sich nicht.
Und das wiederum führt in der Endabrechnung dazu, dass bei einer Fondspolice des Volkswohl Bunds bei 20.000 Euro Einzahlung auf 20 Jahre bei 6 Prozent Bruttowertentwicklung fast 5.000 Euro mehr am Ende stehen. Den Volkswohl Bund hab ich übrigens nur als Beispiel genommen, weil der die „Fondspolice als Einmalanlage“ nicht wirklich aggressiv ins Schaufenster stellt. Es liegt also letztlich am Vermittler. Der kann im V-Tarif (V wie „Variabel“) seine Vergütung in gewissen Grenzen sogar selbst gestalten. Und wenn man jetzt hergeht, und dem Berater abverlangt, dass er sich bitte regelmäßig und „weitblickend“ um den Vertrag seines Kunden kümmert, dann kann eine höhere Bezahlung ja ohne Zweifel angemessen und fair sein. Positiv formuliert: Standard Life lässt dem Markt freie Hand.
Die Sache mit der Sicherungseinrichtung
Aus Kundensicht spannender wird es eh bei den großen Tickets, weil die Versicherer- Abschlussgebühr bei 100.000 Euro gekappt wird (also die 2 Prozent, siehe oben). Zusammen mit der „Clean Share“-Thematik kann das ganz attraktiv sein im Vergleich zum Direktdepot.
Aber dann steht im BIB noch der neuralgische Satz, dass Standard Life „keiner Einrichtung zur Sicherung von Ansprüchen von Versicherten“ angehört. Klar, man kann darauf verweisen, dass die Kundenvermögen in Irland getrennt vom Vermögen der Gesellschaft gehalten werden müssen. Doch das und dass im Fall der Grätsche der Gesellschaft mit dem Anlegergeld der Insolvenzverwalter bezahlt werden muss, ist leider gar nichts für die immer noch weitgehend spießbürgerliche deutsche Anlegerseele.
Wenigstens die Angebotsausdrucke von Standard Life sind immer noch so formschön und übersichtlich wie, hach, in der guten alten Zeit…
Fazit
„Weitblick“ rundet eine inzwischen stimmige Angebotspalette bei Standard Life ab. Der Markenauftritt überzeugt, aber…it’s a long way back.
8 von 10 Punkten
Über den Autoren
Christian Geier, Jahrgang 1974, ist Vorstand bei der FP Finanzpartner AG und dort unter anderem zuständig für die Produktauswahl und Sicherung der Beratungsqualität. Zudem leitet er dort das umsatzstärkste Ressort „Personenversicherungen“. Der promovierte Kultur- und Betriebswirt berät dabei immer noch seine eigenen Kunden und lebt und arbeitet im niederbayerischen Straubing.
