Bei Endalter von 85 Jahren

Altersvorsorge-Reform: Studie warnt vor Zeitrenten-Risiko

Die Bundesbürger schätzen ihre Lebenserwartung nicht richtig ein. Das hat eine Studie der FH Dortmund gezeigt. Die Folgen für die private Altersvorsorge können gravierend sein, warnen die Forscher.
Hintergrundbild zeigt zwei Männer in Business-Mode, die über Altersvorsorge-Reformen diskutieren.
© FH Dortmund
Die Professoren Lukas Linnenbrink (li.) und Matthias Beenken von der FH Dortmund.

Bundestag und Bundesrat beraten derzeit über das Altersvorsorgereformgesetz. Es ist die lang geplante Reform unter anderem der Riester-Rente, die „die private Altersvorsorge kostengünstiger, renditestärker, unbürokratischer, flexibler, einfacher und transparenter“ machen soll.

Ein zentrales Element ist dabei, mehr Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Anbietern der Altersvorsorge zuzulassen. Spar- und Fondssparplan-Anbieter können laut dem Gesetzentwurf künftig eine „Zeitrente“ anbieten. Heißt: Einen Entnahmeplan, der mindestens bis zum Alter von 85 Jahren reichen muss. Als Alternative steht nach wie vor die lebenslange Rente der Versicherer zur Wahl.

Im Experiment: Zeitrente kommt besser an

In einem Online-Experiment mit über 1.500 repräsentativ ausgesuchten Probanden wollten die Professoren Lukas Linnenbrink und Matthias Beenken von der FH Dortmund nun untersuchen, wofür sie sich entscheiden würden. Das Ergebnis: 58 Prozent derjenigen, die ein Angebot zur Verrentung eines fiktiv erreichten Altersvorsorgekapitals annahmen, entschieden sich für eine höhere Zeitrente bis zum Alter von 85 Jahren statt für eine niedrigere lebenslängliche Leibrente.

„Entscheidend war, wie groß der Abstand zwischen den beiden Rentenangeboten ist“, so Beenken. „In einer Variante mit größerem Abstand zulasten der Versicherung wählten sogar nur noch 26 Prozent die Leibrente, wogegen bei einem unrealistisch niedrigen Abstand der Anteil der Interessenten an der lebenslänglichen Rente nur leicht auf 54 Prozent anstieg.“

Lebenserwartung zu niedrig angesetzt

Linnenbrink, der auch Aktuar (DAV) ist, ergänzt: „Die Leibrente muss deutlich niedriger ausfallen, weil die Versicherer das Langlebigkeitsrisiko tragen, dafür eine defensivere Anlagestruktur benötigen und obendrein gesetzlich verpflichtet sind, geschlechtsunabhängig zu kalkulieren, obwohl die Lebenserwartung von Frauen deutlich höher ist als die von Männern.“

An sich ist es ja erstmal nicht schlimm, dass sich so viele Probanden für die höhere, aber kürzere, Zeitrente entschieden haben. Das Problem ist aber, dass sie ihre tatsächliche Lebenserwartung dabei systematisch zu kurz annehmen. 49 Prozent unterschätzten ihre statistische Lebenserwartung im Experiment im Schnitt um 9,5 Jahre. 24 Prozent schätzten sie in einem Korridor von plus/minus zwei Jahren realistisch ein, 26 Prozent überschätzten sie.

Wahlfreiheit grundsätzlich gut

Die 49 Prozent Probanden, die ihre Lebenserwartung unterschätzten, entschieden sich zu 73 Prozent für die Zeitrente. Bei den realistisch schätzenden Teilnehmenden lagen die Anteile Zeit- und Leibrente bei ungefähr jeweils 50 Prozent. Die überschätzenden 26 Prozent der Probanden entschieden sich zwar zu 60 Prozent für die Leibrente, aber immer noch 40 Prozent für die Zeitrente bis zum Alter von 85 Jahren.

Die Autoren begrüßen angesichts dieser Ergebnisse grundsätzlich die geplante Wahlfreiheit der Reform. Sie sehen beim Mindestalter der Zeitrente aber erheblichen Nachbesserungsbedarf. Es bestehe ein „großes Enttäuschungsrisiko, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger bei ihrer Lebenserwartung verschätzen“, warnt Linnenbrink. „Wenn sie das merken, ist es aber zu spät.“

Lieber Mindestalter auf 95 setzen

Sein Kollege Matthias Beenken ergänzt: „Es geht nicht nur um finanzielle Rationalität, sondern auch um die psychische Belastung, als hochbetagte Person plötzlich den Lebensstandard zu verlieren, vielleicht den eigenen Kindern zur Last zu fallen oder Grundsicherung beantragen zu müssen.“

Die Autoren schlagen deshalb vor, das Mindestalter für Zeitrenten auf 95 Jahre heraufzusetzen. „Dann werden auf Basis heutiger Prognosen voraussichtlich mindestens mehr als die Hälfte der Betroffenen bis zum Lebensende versorgt sein“, so Linnenbrink. Auch empfehlen die Wissenschaftler, der Beratung zur Altersvorsorge einen höheren Stellenwert einzuräumen, um Wissenslücken beim Thema Demografie und Lebenserwartung auszugleichen und vulnerable Kunden besser zu schützen. Diese konnten im Experiment auffallend häufiger als andere keine Entscheidung treffen.

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Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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