Sollte die Versicherungsbranche über die „Wortschöpfung des Jahres“ abstimmen, so dürfte die „digitale“ – wahlweise auch „intuitive“ – „Abschlussstrecke“ gute Chancen auf einen der vorderen Plätze haben. Vor allem in der Gewerbeversicherung haben sich viele Anbieter in das vermeintliche Zauberwort verliebt. Beispiel HDI: In einer aktuellen Pressemitteilung zum neuen „radikal vereinfachten“ Versicherungsschutz für Firmen taucht es gleich dreimal auf. Aber dazu später mehr.
Wie ist die Begriffsinflation zu erklären? Hierbei hilft eine Bestandsaufnahme. „Gewerbepolicen wie die Betriebshaftpflicht sind in Deutschland, mehr noch als andere Versicherungsangebote, traditionell Produkte der ,Offline-Welt‘ “, sagt Oliver Kuhnle, Geschäftsführer von Adam Riese, einem digitalen Versicherer, der zum Stuttgarter Finanzkonzern W&W gehört. „Nach Einschätzung von Adam Riese steht der Markt für gewerbliche Versicherungen über den Digitalkanal daher vor einem kräftigen Wachstumsschub.“
Dieser Ansicht ist auch Christian Buschkotte, Generalbevollmächtigter von Andsafe – bei dem es sich um einen reinen digitalen Gewerbeversicherer handelt, der aber wie Adam Riese einem traditionsreichen Versicherungskonzern zuzuordnen ist – der Provinzial Nordwest. Die Start-up-Tochter mit Sitz in Münster hat sich auf Gründer und Kleinstgewerbetreibende spezialisiert. „Hierbei handelt es sich um eher digital-affine Kunden, die sich bereits im Netz versorgen oder aber, mit entsprechender Orientierung ausgestattet, den Weg zum Fachmann suchen“, beschreibt Buschkotte die Zielgruppe von Andsafe – und das Potenzial ist groß.

Denn: Deutschland ist bekannt für seine hohe Dichte an kleinen und mittelgroßen Unternehmen – und das Verhalten dieser Unternehmen nähert sich aus Sicht von Adam-Riese-Chef Kuhnle „stark dem von Privatkunden an, sodass diese zunehmend bereit sind, auch Gewerbeversicherungen online abzuschließen“. Man habe sich daher dazu entschlossen, „als einer der ersten Anbieter ein vollautomatisiertes Gewerbeprodukt für die Online-Welt zu konzipieren“, so Kuhnle. Dazu gehöre insbesondere – Achtung – „der rein digitale Antrags- und Abwicklungsprozess“. Der Start-up-Chef verweist hier auf die Betriebshaftpflicht für Gewerbe, Bauhandwerk und Gastronomie, die Adam Riese Mitte September 2018 auf den Markt brachte – und damit gewissermaßen Neuland betrat, denn zuvor beschränkte sich das Angebot der Süddeutschen auf Privathaftpflicht- und Rechtsschutzpolicen.
Optimistischer Ausblick
Welche Zwischenbilanz im Vertrieb zieht Kuhnle ein gutes Jahr später? „Wir sind mit den Abschlusszahlen der Betriebshaftpflichtversicherung bisher durchaus zufrieden“, sagt er, ohne Zahlen zu nennen. Auf ausgewählte Risiken startet der Versicherungsschutz im Direktkanal mit einer Jahresprämie von 93 Euro, erhältlich ist die Betriebshaftpflicht außerdem über Poolmakler und Vergleichsportale.
93 Euro? Das ist ziemlich sportlich, dürfte sich der ein oder andere Gewerbemakler denken – zumal das Start-up des W&W-Konzerns auch auf der Leistungsseite ehrgeizige Ziele verfolgt. So wolle man mit der Update-Garantie und der Besserstellungs-Garantie „noch weiteres Potenzial“ erschließen. Und die Idee ist durchaus pfiffig, wenngleich nicht ohne Risiko: Sollte sich im Schadenfall herausstellen, dass die Vorversicherung des Versicherungsnehmers einen Schaden übernommen hätte, reguliert ihn Adam Riese ebenfalls, auch wenn er in dem jetzigen Vertrag nicht abgedeckt ist. „Von daher sind wir insgesamt sehr optimistisch, was den Markterfolg der Betriebshaftpflicht betrifft“, frohlockt Kuhnle.
Dabei muss eine Betriebshaftpflicht keineswegs als schickes Start-up-Paket daherkommen, um modern zu wirken. So gab etwa der Versicherer HDI im September bekannt, seine digitale Abschlussstrecke „Firmen Digital“ erweitert und nochmals vereinfacht zu haben. Konkret heißt das, dass Gewerbeversicherungen wie die Betriebshaftpflicht bis zu einem Jahresumsatz von einer Million Euro und einer Sachversicherungssumme in gleicher Höhe online tarifiert und direkt dunkelverarbeitet werden können.
Neben den Grundbausteinen Sachwerte/Erträge und Betriebshaftpflicht lässt sich der Schutz optional um die Komponenten Rechtschutz, Unfall, Autoinhalt und Privathaftpflicht erweitern. Dabei sei der Interessent in nur drei Schritten bei der Lösung, so HDI: Zuerst erfolgt die Firmen- oder Branchensuche, die durch online hinterlegte Firmen-Datenbanken unterstützt wird, dann die Tarifierung anhand von Jahresumsatz und Zahl der Mitarbeiter – und schließlich die Auswahl des passenden Produktpakets in der Small-, Medium- oder Large-Version. Vermittler und Kunde hätten so die Möglichkeit, „die Leistungen der Pakete zu vergleichen und sich für eine der Varianten zu entscheiden“, sagt Markus Rehle, verantwortlicher Produktvorstand der HDI Versicherung.
Intelligente Verbindungen gefragt
Möglich werde all dies durch die intelligente Verbindung umfangreicher Produkterfahrung, Bestandsanalysen, Nutzung von Datenbanken und der Vorkonfektionierung branchenspezifischer Paketlösungen. „Mit Firmen Digital SML haben wir einen neuen Standard im kleingewerblichen Geschäft gesetzt“, sagt Rehle. Denn mit der neuen Lösung habe man den einfachsten Firmenrechner am Markt zur Verfügung gestellt, der die Absicherung kleingewerblicher Risiken besonders schnell, übersichtlich und komfortabel mache. Der Rechner sei damit vielseitig einsetzbar – sei es im Breitengeschäft durch Vermittler oder auch als Einbindung in die Beratung bei Banken und Sparkassen.
Auch Andsafe-Chef Buschkotte will „über alle Kanäle erreichbar beziehungsweise ansprechbar sein“. Neben Vergleichsportalen wie Finanzchef24, Verivox, Finanzscout24 oder Gewerbeversicherung24 setzt das Start-up auch auf Pools und Makler und deren Intermediäre wie etwa Thinksurance. „Ein weiterer wichtiger Kanal für Andsafe als Risikoträger ist auch die Kooperation mit unseren Schwestergesellschaften und deren Vertriebswegen, den Sparkassen und der Ausschließlichkeitsorganisation“, sagt Buschkotte. Für jeden dieser Vertriebskanäle halte man spezialisierte Ansprechpartner vor.
Ein Start-up mit etablierten Vertrieben
Es sei „eine Luxussituation“ für ein digitales Start-up, so Buschkotte, neben den rein digitalen Kanälen auch auf bereits etablierte Vertriebe zurückgreifen zu können. Zugleich macht der Manager klar, dass alle Vertriebskanäle an einem Strang ziehen müssen. „Wir sind ein digitaler Anbieter, das heißt bei uns sind manuelle, nicht automatisierte, Prozesse die Ausnahme. Unstrukturierte Dokumente sind uns eher unsympathisch.“
Beim eigenen Produkt ist Buschkotte wichtig, dass dieses Transparenz, Verständlichkeit, Schnelligkeit und eine einfache Handhabung bietet. „Unsere Betriebshaftpflicht verzichtet beispielsweise auf jegliche Art der Sublimitierung, das heißt die gewünschte Versicherungssumme erstreckt sich über alle Kostenpositionen in voller Höhe.“ In Tests habe man zudem oft Kunden mit Risikoprofilen kennengelernt, die mit der üblichen Betriebsartentabelle nichts zu tun hatten. Auch diesen Kunden solle es jedoch möglich sein „simpel und intuitiv durch die Antragsstrecke zu kommen“.
Ziel sei eine optimale Preis-/Leistungs-Positionierung mit einem stärkeren Fokus auf der Leistungskomponente. „Dennoch wollen wir die Top-Platzierungen auf den Seiten der einschlägigen Vergleicher und Aggregatoren einnehmen“, betont Buschkotte. Sein Wunsch ist, im Netz die Kundenaufmerksamkeit zu erzeugen, um dann aber „den letzten Schritt gerne gemeinsam mit einem unserer angebundenen Vertriebspartner“ zu machen. Und schon bald sollen diese Wunschprodukte folgen: eine Vermögensschadenhaftpflicht, eine Cyber- und eine Sach-Inhalt-Versicherung.
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