Das Unheil kündigte sich an, am 3. März 2009, durch einen Wassereinbruch in einer Baugrube. Gerade noch rechtzeitig konnte das gegenüberliegende Kölner Stadtarchiv geräumt werden, bevor es einstürzte. In den ebenfalls kollabierten Nachbarhäusern kamen zwei Menschen ums Leben, der Gesamtschaden konnte erst zehn Jahre später auf 1,33 Milliarden Euro beziffert werden. Grund der Katastrophe: unsachgemäß ausgeführte Arbeiten beim Bau einer neuen U-Bahn-Linie. Ein extremer Fall, der zu langwierigen Gerichtsprozessen gegen zahlreiche am Bau beteiligte Personen führte und zeigt, dass Unternehmen sich stets umfassend gegen Fehler absichern sollten.
Alltäglichere Fälle der Betriebshaftpflichtversicherung (BHV) betreffen hingegen eher Vorfälle wie Kunden, die sich beim Einkauf durch einen Sturz auf glattem Boden verletzen, oder Hausmeister, die nach Verlust der Schlüssel eines Miethauses für die Kosten einer neuen Schließanlage haften. Die Betriebshaftpflichtversicherung ist gerade für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) essenziell und für manche Tätigkeiten je nach Bundesland gesetzlich sogar vorgeschrieben.
Laut einer Studie der Gothaer schützen sich 90 Prozent aller befragten KMU mit einer Betriebshaftpflicht gegen die Schadenersatzansprüche Dritter. So vielfältig die Firmenkunden, so unterschiedlich fallen auch die Tarifkombinationen aus. Für jedes Unternehmen wird die Betriebshaftpflicht individuell kalkuliert. Generell sind Personen-, Sach- und Vermögensschäden Dritter abgesichert. Die Qualitätsunterschiede sind jedoch erheblich.
Die meisten Versicherer bieten BHV-Deckungskonzepte in mehreren Leistungsvarianten an. Anstatt sich einzelne Deckungsinhalte zusammenstellen zu müssen, können Kunden unter Leistungspaketen wie etwa einem Premium-Konzept auswählen. Häufig werden Sach-, Transport- und Haftpflichtversicherung sowie technische Versicherungen bei einem Versicherer oder als Multirisk-Konzept in einem Vertrag gebündelt. „Bei unseren Zielgruppen ist die Kombination BHV und Vermögensschadenhaftpflicht sehr häufig. Wir sehen aber auch einen Trend dazu, die Sach- und Cyber-Versicherung in derselben Police abzuschließen“, sagt Peter Pillath, Underwriting Manager bei Hiscox.
Vorteile sind zum einen die Bündelnachlässe, aber zum anderen auch eine gute Kundenverbindung beim Versicherer. „Bestehen mehrere Verträge, sind die Versicherer meist kulanter und positiver dem Kunden gegenüber eingestellt. Wenn bei einem Schaden mehrere Sparten betroffen sind, wird alles aus einer Hand reguliert“, so Sugand Chanra, Teamleiterin Abteilung Kompositmanagement beim Maklerpool Phönix Maxpool.
Einmal abgeschlossen, bleiben Kunden meist ihrer Betriebshaftpflicht treu: „Die Wechselbereitschaft im gewerblichen Geschäft liegt niedriger als im Privatkundensegment. Gewerbeversicherer gehen aber auch eher auf besondere Kundenvorstellungen ein, als das im Massengeschäft der Fall sein kann“, erläutert Michael Quandt, Abteilungsleiter Underwriting Haftpflicht TV Transport der Signal Iduna.
Ein aktueller Trend in der Branche sind durchgeschriebene Bedingungen. Durch ein einheitliches Bedingungswerk entfällt die Kombination von allgemeinen Versicherungsbedingungen und besonderen Vereinbarungen. „Das Nebeneinanderstellen von zwei oder drei Bedingungswerken kann so gespart werden, und die Leistungen der Police werden auch für den Versicherungsnehmer sehr viel verständlicher“, sagt Jörg Spiekerkoetter, Produktmanager Allgemeine Haftpflicht der HDI Versicherung.
Zudem muss die Branche den Versicherungsschutz an die sich aufgrund des technischen Fortschritts verändernden Berufsbilder anpassen und etwa um Leistungen der Informations- und Telekommunikationstechnik (ITK) erweitern. „Beispiele sind der Gebäudetechniker, der die Steuerung für die Heiz- und Klimatechnik programmiert und die Wartung dann online durchführt, oder der Maschinenbauer, der die Software für seine Maschinen selbst entwickelt“, so Martin Hake, Chef-Underwriter in der Abteilung Haftpflicht Firmenkunden bei der R+V Versicherung. Bisher schloss die Branche Haftpflichtansprüche aus solchen ITK-Leistungen aus – nun ändert sich das.
Die Herausforderung in der Beratung: Der Teufel steckt stets im Detail. So gibt es bei Kunden immer wieder besondere Risikokonstellationen, die nicht automatisch in den Deckungskonzepten der Versicherer enthalten sind. „Das betrifft zum Beispiel USA-Exporte, Rückrufkostenrisiken, aber auch schwere Umweltrisiken. Dies muss der Makler erkennen und den Versicherungsschutz entsprechend gesondert ausrichten“, rät Signal-Iduna-Experte Quandt. Zusatzbausteine können daher erforderlich sein, um dem individuellen Risiko des Kunden gerecht zu werden.
Dabei kommt es auf die Beratungsqualität der Makler und die Lösungsvielfalt des Versicherers an. „Bei der R+V sind bereits im Grundschutz möglichst viele Risiken gedeckt, um den Wünschen möglichst vieler Kunden gerecht zu werden. Separate Zusatzbausteine gibt es bei uns lediglich für besonders exponierte Risiken“, erläutert R+V-Chef-Underwriter Hake.
Unabhängige Ratings zu BHV-Tarifen spielen dabei vor allem für Start-ups eine wichtige Rolle. „Je länger Unternehmen am Markt sind, desto weniger tragen sie unserer Ansicht nach zur Kaufentscheidung von Versicherungsschutz bei, da die Versicherungsnehmer ihre individuellen Risiken besser einschätzen und ihre Kaufentscheidung gezielter treffen können“, betont HDI-Produktmanager Spiekerkoetter. Über Vergleicher hingegen würden laut HDI hauptsächlich Mindestdeckungen abgeschlossen.
„Vergleicher haben eine wichtige Orientierungsfunktion insbesondere für Selbstständige und Kleinunternehmer“, ergänzt Hiscox-Underwriter Pillath. Für die meisten Kunden sei das Preis-Leistungs-Verhältnis entscheidend. Aber je größer das Unternehmen, desto wichtiger werden die Leistungen für die Tarifauswahl. „Dazu zählen dann etwa die Summe der abgesicherten Vermögensschäden, eine Umweltschadenhaftpflicht oder Tätigkeitsschäden“, sagt Maxpool-Kompositexpertin Chanra.
Dabei lohnt ein regelmäßiger Marktvergleich. Einige Beispiele für jüngste Innovationen in der Betriebshaftpflicht: HDI hat die Möglichkeit des Abschlusses von Nutzungsausfalldeckungen im Rahmen der Betriebshaftpflicht für produzierende Unternehmen eingeräumt. Signal Iduna kommt im Sommer mit einem Leistungs-Upgrade für die „Betriebspolice select“ auf den Markt. Hiscox erhielt für „Smart Manufacturing“ einen Innovationspreis, das Produkt hilft Maschinenbauern durch die Kombination von BHV und Vermögensschadenhaftpflicht, die neuen Risiken der Digitalisierung abzusichern. Und R+V hat ihre Bedingungen für herstellende Betriebe in die neue Police „Haftpflicht All Inclusive Police (HAI)“ überführt, unter anderem mit optionalen individuellen Deckungserweiterungen wie der Absicherung von Rückrufkosten, 3-D-Druckrisiken oder besonderen Produktvermögensschäden wie einer Betriebsunterbrechung. Der Markt bleibt also in Bewegung.
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