Digitalisierung als Trend, Teil 2

„Die Welt der Versicherungen wird sich grundlegend wandeln“

Der Schweizer Zukunftsforscher Lars Thomsen untersucht Trends und ermittelt sogenannte Tipping Points. Das ist der Zeitpunkt, an dem eine bisher gradlinige Entwicklung eine ganz andere Wendung nimmt. Im Gespräch mit Pfefferminzia erzählt er von den Ergebnissen seiner Beobachtungen.
© Lars Thomsen
Lars Thomsen ist Zukunftsforscher und Gründer von Future Matters.

Hier geht es zum ersten Teil.

Pfefferminzia: Wie beurteilen Sie Cyberkriminalität, die aktuell eine Begleiterscheinung der digitalen Welt darstellt?

Lars Thomsen: Es wird immer Kriminelle geben. Schon als das erste Schloss erfunden wurde, hat sich jemand ausgedacht, wie man es knackt. Mit der Zeit werden beide Seiten immer raffinierter. Aber auch die Gesetzgebung reagiert auf diese Themen und wird mit Gesetzen und Überwachung versuchen, den Kriminellen auf der Spur zu bleiben. Die Herausforderung in der Cyberkriminalität besteht in ihrer grenzüberschreitenden Natur.
Doch insgesamt ist Cyberkriminalität kein „Show Stopper“ – heißt: Technischer Fortschritt wird nicht aufhören, sondern Lösungen hervorbringen, welche das Phänomen eindämmen.

Wie sind die Unternehmen allgemein und die Versicherer im Besonderen aktuell für Umbrüche in der Zukunft aufgestellt?

Auch die Branche der Versicherer wird sich neu erfinden. Arbeitsplätze und Tätigkeiten werden sich unter dem Druck der künstlichen Intelligenz und Digitalisierung verändern. Keiner darf sich heute darauf verlassen, dass es einfach so weitergehen wird wie bisher. Einen großen Trumpf haben die Versicherer jedoch, denn Menschen schätzen nach wie vor Menschen in der Beratung. Allerdings drängen auch neue Anbieter in den Markt, die nicht ursprünglich aus der Branche kommen. Und eine Versicherung, die 2018 gegründet wurde, kann und wird ganz anders arbeiten und gestaltet sein als eine, die seit 100 Jahren agiert. Das haben die Unternehmen jedoch längst erkannt und versuchen, sich umzustellen.

Welche Schwerpunktthemen gibt es für die Versicherungswirtschaft?

Durch eine anders aufgebaute Welt werden die Anforderungen an die Absicherung ebenfalls andere. Wenn sich beispielweise das autonome Fahren durchsetzt, wer muss dann versichert werden? Heute versichern wir den Fahrer oder Halter des Fahrzeugs, aber dieses Konzept ist ein Auslaufmodell. In zwanzig Jahren werden – bis auf die Oldtimer – Fahrzeuge autonom fahren und in der Regel nicht mehr im Besitz von Menschen sein.

Der Zugang zu Versicherern verändert sich ebenfalls dramatisch: Zukünftig wird unser virtueller persönlicher Assistent uns vorschlagen, eine Versicherung für die bevorstehende Reise abzuschließen, die besten Anbieter heraussuchen und auf der Basis der Daten und Parameter einen individuellen Tarif verhandeln, den Vertrag prüfen und gegebenenfalls auch die Schadensmeldung und Abwicklung übernehmen.

Schon heute wissen ein Smartphone und ein Datenunternehmen über den Nutzer so viel, dass sie individuelle Versicherungspakete zu einem deutlich niedrigeren Preis und Vertriebskosten anbieten könnten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man Versicherungen fast nur noch digital abschließt und verwaltet.

Ein weiteres großes Thema ist die Gesundheit. In den USA zum Beispiel gibt es eine Versicherung, die ihre Versicherten finanziell belohnt, wenn sie eine Smartwatch tragen und die Daten zur Auswertung freigeben. Mit dieser Datenmenge kann der Versicherer frühzeitig Muster erkennen, sollte zum Beispiel ein Schlaganfall drohen und präventiv eingreifen. Dies hilft beiden: Dem Menschen, dem ein Schlaganfall erspart bleibt, und dem Versicherer, der die hohen Kosten eines solchen Vorfalls spart. In zehn Jahren wird es völlig normal sein, dass wir bei gesundheitlichen Problemen vorher gewarnt werden. Das wird auch die Medizin grundlegend verändern: Die Ärzte greifen dann nicht meist erst ein, wenn die Krankheit ausgebrochen ist, sondern wirken präventiv.

Damit steigt die Lebenserwartung…
 
Genau. Dieser Trend beschleunigt sich sogar noch. In naher Zukunft wird es möglich sein, Tumore und Krebs nicht nur mit Chemie oder Chirurgie zu behandeln, sondern die Zellen zu reprogrammieren, und damit die Krankheit zu besiegen. Tumore und Krebs sind im Prinzip nichts anderes, als „falsch programmierte Zellen“, die man mit Hilfe richtig programmierten Stammzellen wieder heilen kann. Diese Entwicklung steht zwar noch ganz am Anfang, entwickelt sich aber rasend schnell. Wir nennen es die dritte Art der Medizin. Neben der Chirurgie und Behandlungsmethoden durch chemische Medikamente kommt nun die Reprogrammierung – also Software – von Genen. Auf die Lebenserwartung wird dies mindestens einen ähnlichen Effekt haben wie im Jahr 1910 die Entdeckung des ersten Antibiotikums.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Menschen ungesünder leben, da die Medizin ihnen ja trotzdem zu einem längeren Leben verhelfen kann?

Nicht unbedingt. Es gibt einen anhaltenden Trend hin zu mehr Gesundheitsbewusstsein. Wir wissen heute viel mehr über eine vollwertige, ausgewogene Ernährung als früher. Zudem wird Fitness immer mehr zum Kult. Selbst 60- oder 70-Jährige sind heutzutage oft extrem fit. Und künstliche Intelligenz hilft uns immer mehr, gesund zu leben: Unser Smartphone kann schon heute einem intelligenten Kühlschrank mitteilen, wie viel wir uns heute bewegt haben. Und dieser kann dann auf dem Display ein Menü vorschlagen, welches zum einen aus den Zutaten besteht, die im Kühlschrank vorhanden sind, und die unserem heutigen Kalorienverbrauch entsprechen – wenn wir es wollen. Kinder, die heute geboren werden, werden weit bis ins 22. Jahrhundert leben.

Fällt es kleineren Unternehmen leichter, mit diesem grundlegenden Wandel umzugehen als größeren?

Das lässt sich nicht mit ja oder nein beantworten. Kleinere Unternehmen besitzen den Vorteil, Veränderungen schneller umsetzen zu können. Sie sind in der Regel agiler. Das Erkennen personeller Talente funktioniert besser und sie können diese gezielter optimal einsetzen. Auch die Unternehmensführung und ihre Ziele und Werte sind in kleineren Unternehmen effizienter zu vermitteln und persönlich greifbar. Zudem ist die EDV oftmals nicht so aufwendig und daher schneller an modernere Standards anpassbar.

Größere Firmen verfügen jedoch über eine höhere finanzielle und werbliche Schlagkraft, wenn es um die Entwicklung und Einführung von neuen Produkten oder Dienstleistungen geht.

Wie gehen Sie bei Ihrer Forschung vor?

Unser Netzwerk besteht aus zwölf Personen unterschiedlicher Berufe. Eins jedoch eint uns alle: die Neugier auf die Zukunft. Als Zukunftsforscher müssen wir offen sein für die Veränderungen um uns herum. Neben sehr vielen Gesprächen mit Innovatoren, Fachleuten und Querdenkern in aller Welt, lernen wir zum Beispiel auch von unseren Kindern, die in diese veränderte Welt hineingewachsen sind und bereits ganz andere Werte und Erwartungen an Produkte und Dienstleistungen haben.

Wir analysieren die Trends einerseits auf der Basis von Zahlen und Daten, aber auch auf der Basis von technischen Dynamiken und Markt-Logiken. Die Zukunft ist ja in den meisten Fällen kein Zufall, sondern das Ergebnis von Entwicklungen der Gegenwart.

Pro Jahr führen wir zwischen 300 bis 500 Interviews mit Personen, die an spannenden Zukunftsthemen arbeiten. Daraus ergibt sich ein Bild der Zukunft. Manchmal müssen wir einen Schritt zurücktreten, um das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Im Alltag vergessen wir oft, dass alles miteinander zusammenhängt. Alles, was wir tun, hat Auswirkungen, im Guten wie im Schlechten. Aber auch ein Zukunftsforscher kann die Zukunft nicht exakt voraussagen – denn sie entsteht in jedem Moment der Gegenwart, durch Menschen, die ihre Kreativität einsetzen um eine bessere Lösung zu finden.

Autorin

Manila Klafack war bis März 2024 Redakteurin bei Pfefferminzia. Nach Studium und redaktioneller Ausbildung verantwortete sie zuvor in verschiedenen mittelständischen Unternehmen den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit.

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