Es ist wahrscheinlich der größte Aufreger, den der Koalitionsausschuss in sein Papier „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ eingebaut hat. Arbeitnehmer sollen sich nicht mehr am Telefon krankschreiben lassen können. Und wenn sie krank sind, müssen sie das schon zum allerersten Tag beim Arbeitgeber per Bescheinigung nachweisen.
Bei genauem Hinsehen ist das nur konsequent. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betont schon lange, dass die Menschen hierzulande mehr arbeiten müssten (wenn sie nicht gerade entlassen werden). Und den Krankenstand findet er ebenfalls verdächtig hoch. Was liegt dann näher, als das mal genau überprüfen und nachweisen zu lassen?
Nebeneffekt ist aber, dass die Regierung damit ein ganzes Land in Sippenhaft nimmt. Zweifellos gibt es Menschen, die sich gerne krankschreiben lassen, um blau zu machen. Wahrscheinlich nicht mal wenige. Das ist absolut ärgerlich. Rechtfertigt das aber solche Maßnahmen?
Womit wir zum Sturmlauf der Interessenvertreter kommen, den der neue Plan ausgelöst hat. Allen voran die besonders betroffenen Kassenärzte. Denn die bekommen die Wartezimmer nun wieder richtig voll mit Rotz- und Schniefpatienten. Und das in einer Zeit, in der das Gesundheitswesen eigentlich viel Geld sparen soll.
Die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner sprechen von einer Zumutung, die an Unverschämtheit grenzt: „Auf der einen Seite sollen ihnen durch das GKV-Spargesetz viele Milliarden Euro aus der Patientenversorgung weggenommen werden, auf der anderen Seite will ihnen diese Regierung noch mehr Arbeit und noch mehr Bürokratie aufbürden – und garniert das Ganze mit unverhohlenem Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern. […]
Es grenzt zudem an Irrsinn, abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln. Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis.“
„Nur geringer Anteil an allen Krankschreibungen“
Regelrecht gemäßigt kommt hingegen der Verbraucherzentrale Bundesverband daher. Michaela Schröder, Leiterin des Geschäftsbereichs Verbraucherpolitik, bezeichnet die Maßnahme als Rückschritt. „Die Regelung hat sich bewährt und ist ein gutes Beispiel für weniger Bürokratie: Sie spart Zeit, schützt vor Ansteckungen und entlastet Arztpraxen. […] Studien zeigen, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu mehr Krankschreibungen führt. Mit lediglich rund einem Prozent hat sie zudem nur einen sehr geringen Anteil an allen Krankschreibungen“, sagt Schröder.
Ähnlich äußert sich Carola Reimann, Chefin des AOK-Bundesverbands. Sie kündigt an: „Für einen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung sehen wir keine Evidenz. Daher ist ihre Abschaffung aus unserer Sicht keine Maßnahme, die den Krankenstand senken wird, sondern reine Symbolpolitik.“
Das kann stimmen. Interessant ist auch der Gedanke, dass gar nicht so viele Menschen telefonisch krankgeschrieben werden.
Was ist aber mit der Bescheinigung schon für den ersten Tag? Die könnte einen anderen Effekt auslösen: Weil Praxen überfüllt sind, lassen sich Menschen tatsächlich seltener krankschreiben und arbeiten stattdessen krank weiter. Das widerspricht jedoch dem gesundheitlichen Rat, Krankheiten sorgfältig auszukurieren. Wie weit also Arbeitnehmer dann Krankheiten verschleppen und wie sich das langfristig auswirkt, muss sich noch zeigen.
Ein Ziel des Kanzlers wäre trotzdem erstmal erreicht: Die Leute sind weniger krank … gemeldet.