Vorschlag und Gegenwind

Aufgewärmte Praxisgebühr verärgert Interessenverbände

Raider hieß irgendwann Twix, und die Praxisgebühr soll Kontaktgebühr heißen. Nur höher soll sie sein und häufiger. So erhofft sich das zumindest Steffen Kampeter vom Arbeitgeberverband BDA. Proteste lassen nicht lange auf sich warten.
Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): Kontaktgebühr, um Patienten zu steuern
© picture alliance / Metodi Popow | M. Popow
Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): Kontaktgebühr, um Patienten zu steuern

Das Kind soll einen neuen Namen bekommen. Der einst als „Praxisgebühr“ bekannt gewordene Zehner, den Patienten 2004 bis 2012 pro Quartal in Arztpraxen zu zahlen hatten, würde dann „Kontaktgebühr“ heißen. Und er würde bei wirklich jedem Arztbesuch fällig werden.

Vorgeschlagen hat das der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter, gegenüber dem Online-Magazin „Politico“. Demnach will er das eindämmen, was er Ärzte-Hopping nennt: dass Patienten einfach zu Ärzten gehen, wie sie wollen. Das wollen übrigens auch andere Kräfte am Markt verhindern. Patientensteuerung nennt sich das dann und soll über ein hausärztliches Primärarztsystem geschehen.

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Kampeter will hingegen Druck erzeugen, denn er sagte: „Die Gebühr muss so hoch sein, dass sie zu Verhaltensänderungen führt.“ Verhaltensänderungen, die ihm als Arbeitgebervertreter gefallen dürften: Denn steigende Beiträge für die Krankenversicherung müssen Arbeitgeber mittragen, die Kontaktgebühr nicht. Wenn also die Kontaktgebühr die Kosten im Gesundheitssystem dämpft, senkt das die Lohnnebenkosten. Was aber für Arbeitgeber und Angestellte gleichermaßen gut wäre.

Bei den einschlägigen Interessenverbänden kam der Vorschlag mit der Kontaktgebühr trotzdem nicht gut an. So schimpfte etwa die Chefin des Hausärzte-Verbands, Nicola Buhlinger-Göpfarth gegenüber der „Rheinischen Post“: „Dieser Vorschlag der Arbeitgeber ist nicht nur unsozial, sondern auch komplett undurchdacht.“ Insbesondere sozial Schwache würden damit finanziell komplett überfordert.

Außerdem gibt sie zu bedenken, dass so eine Kontaktgebühr nötige Arztbesuche verhindern könnte. Mit Folgen für die Gesundheit.

Verständnis von den Kassenärzten

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, äußert Verständnis dafür, Patienten besser zu steuern. Und für diejenigen, „die sich partout nicht steuern lassen wollen“ könnten höhere Krankenkassentarife nötig sein.

Selbstbeteiligungsmodelle sollten generell kein Tabu sein, so Gassen weiter. Aber: „Eine Kontaktgebühr je Arztbesuch wäre das, was in vielen Ländern üblich ist, aber jeden Patienten finanziell belasten würde und auch erheblichen Verwaltungsaufwand darstellt. Wir brauchen nicht wieder die Praxisgebühr alter Prägung von vor 20 Jahren im neuen Gewand.“

Die gewünschte Steuerung sieht hingegen der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, überhaupt nicht. Schon die alte Praxisgebühr habe das nicht geschafft. Dafür habe sie aber Patienten vom Arztbesuch abgehalten und Bürokratie erzeugt.

Auch der Sozialverband VDK äußerte sich zur Sache. Verbandspräsidentin Verena Bentele gewohnt deutlich: „Wer krank ist, soll nach den Vorschlägen der Arbeitgeberverbände und Gesundheitsökonomen finanziell bestraft werden. Wer einen solchen Vorschlag macht, sollte sich schämen.“

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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