Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Deutschland steht unter massivem finanziellem Druck. Für das Jahr 2024 beläuft sich das Defizit der Krankenkassen auf mehr als 6 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Bis 2027 könnte der Fehlbetrag auf bis zu 12 Milliarden Euro jährlich steigen. Das berichtet die Zeitung „Bild“ auf Basis von Prognosen des Bundesgesundheitsministeriums, das die Daten zwar nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert hat.
Ohne harte Reformen droht das Milliarden-Loch zu weiteren, heftigen Beitragserhöhungen zu führen. Aktuell liegt der durchschnittliche Krankenkassenbeitrag noch bei 17,5 Prozent. 9 der 94 Krankenkassen haben zum 1. Juli ihre Beiträge aber bereits erhöht. Das berichtet das unabhängige Vergleichsportal gesetzlichekrankenkassen.de.
„Die derzeit teuersten Krankenkassen verlangen 4,40 und 4,39 Prozent Zusatzbeitrag von ihren Mitgliedern“, sagt Geschäftsführer Thomas Adolph. „Nachdem die Politik den Kassen mehrfach in den vergangenen Jahren alle Reserven genommen hat, um Löcher im Haushalt des Gesundheitsministeriums zu stopfen, rächt sich jetzt diese Politik und geht zulasten der Versicherten“, ärgert sich Adolph. „Es ist schlicht nichts mehr da, womit die Krankenkassen steigende Kosten im System ausgleichen könnten.“
Kosten im Gesundheitswesen steigen
Für 2026 droht daher ein Plus von 0,2 Punkten, berichtet die „Bild“. 2027 könnte es dann nochmal um mindestens 0,6 Prozentpunkte nach oben gehen. 18,3 Prozent müssten Versicherte und Arbeitgeber dann ungefähr schultern.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Neben dem demografischen Wandel schlagen vor allem die steigenden Kosten im Gesundheitswesen zu Buche. Teure neue Medikamente, eine aufwendige Krankenhausinfrastruktur, mehr Behandlungsbedarf und steigende Ausgaben für Bürgergeldbezieher, die eigentlich vom Steuerzahler zu tragen sind, läppern sich.
Angesichts dessen geht der Vorstandschef der DAK, Andreas Storm, mit dem neuen Haushaltsplan der Bundesregierung hart ins Gericht. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hatte den Haushaltsplan für dieses und die kommenden vier Jahre vorgelegt. Doch darin sieht er unter anderem für die Krankenversicherung keine Zuschüsse, sondern nur Darlehen vor. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte für die GKV jährlich 10 Milliarden Euro an Zuschüssen gefordert, berichtet das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Klingbeil gesteht ihr im Haushaltsplan aber nur je 2,3 Milliarden Euro Kredit für 2025 und 2026 zu.
„Mit den geplanten Darlehen für Gesundheit und Pflege kann die Beitragsspirale für Versicherte und Arbeitgeber definitiv nicht gestoppt werden“, schimpft Storm. Die Finanzmittel mit Pflicht zur Rückzahlung seien ein Strohfeuer und würden einen Jojo-Effekt auslösen. Storm: „Statt der versprochenen Beitragsstabilität in der GKV und der sozialen Pflegeversicherung setzt sich der ruinöse Preiswettbewerb mit nahezu ungebremsten Beitragssatzsteigerungen fort. Dies gefährdet die Funktionsfähigkeit des deutschen Sozialversicherungssystems.“
Was fehlt, sind harte Reformen. Ideen dafür gibt es reichlich. Unterschiedliche Akteure – von Parteien über Wirtschaftsinstitute bis hin zu Krankenkassen selbst – legen verschiedene Vorschläge auf den Tisch. Besonders häufig diskutiert wird eine Anhebung oder Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze. Die SPD schlägt das zum Beispiel vor. Die Beitragsbemessungsgrenze soll danach auf rund 8.000 Euro im Monat klettern. Das hätte zur Folge, dass Gutverdiener künftig mehr in die GKV einzahlen müssten.
Versicherungsmaklerin Anja Glorius sieht darin keine nachhaltige Lösung. Vielmehr brauche es „eine grundlegende Reform – sowohl beim Leistungsumfang als auch bei der Finanzierung“, schreibt die Geschäftsführerin des Maklerunternehmens KVoptimal.de in einem Gastbeitrag für Pfefferminzia. „Kosteneinsparungen durch gezielte Leistungsanpassungen sollten ebenso geprüft werden wie das Schließen bestehender Systemlücken.“
Teure Schlupflöcher
Von diesen Lücken nennt sie zwei. „Vermögende Rentner in der Krankenversicherung der Rentner zahlen aktuell nur Beiträge auf gesetzliche Renten und vergleichbare Einnahmen – nicht aber auf Mieteinkünfte, Kapitalerträge oder große Vermögen“, kritisiert die PKV-Expertin. Beispiel Nummer 2: Angestellte mit Nebeneinkünften aus Selbstständigkeit oder Gewerbe zahlten auf diese häufig keine Beiträge, wenn sie im Hauptberuf GKV-pflichtversichert sind. „Gerade in Kreativberufen führt das zu spürbaren Ungleichgewichten“, so Glorius weiter.
Ein weiterer Vorschlag ist es, Leistungen zu kürzen. Diese Idee hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim Sommerinterview mit der ARD in den Ring geworfen. Bei der anstehenden Reform des Gesundheitssystems müsse auch über das Leistungsniveau der Krankenkassen gesprochen werden, sagte er. „Wo fängt Eigenverantwortung an? Wo hört Eigenverantwortung auf und geht in Solidarität über“, fragte der Kanzler philosophisch. Konkret wurde er nicht. Bei Kassen und Sozialverbänden kommt der Vorschlag nicht gut an.
Gibt es zu viele Kassen?
Einer Bürgerversicherung erteilte Merz bei einer Pressekonferenz auch eine Absage. Das ist ein weiterer, oft vorgebrachter Reformvorschlag. Privat Krankenversicherte leisteten „einen weit überproportionalen Beitrag für das System“, betonte er. Und er kündigte an, die Ergebnisse der neu eingesetzten Kommission zur Krankenversicherung abzuwarten. „Dann werden wir uns das sorgfältig anschauen“, so der Kanzler. Gesetzgebungsarbeit sei Sache der Bundesregierung, die Kommission unterbreite lediglich Regelungsvorschläge.
Auch eine kleinere Zahl gesetzlicher Krankenkassen ist immer wieder im Gespräch. Derzeit gibt es knapp 100 Kassen in Deutschland. Der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, findet, dass 30 bis 40 Krankenkassen reichen würden. Das sagte er im „Politico“-Podcast „Berlin Playbook“. Zugleich dämpfte er die Hoffnung, dass sich mit so einer Maßnahme sonderlich viel Geld sparen lässt. Warum? „Die Krankenkassen machen ja alle was, die betreuen ja ihre Kunden“, erklärt Baas. Sparen könne man höchstens an den Verwaltungskosten der Kassen selbst. Dieser Anteil sei aber insgesamt eher gering, vielleicht 0,5 bis 0,8 Prozent der Gesamtausgaben. „Viel ist da also nicht drin“, so Baas.
Während also Politik, Wissenschaft und Krankenkassen um Lösungen ringen und klare Entscheidungen bislang auf sich warten lassen, ergibt sich für Versicherungsmakler eine besondere Gelegenheit. Die Unsicherheit in der GKV kann als Anlass genommen werden, gezielt über die Vorteile der privaten Krankenversicherung (PKV) aufzuklären. Gerade jetzt, wo drohende Beitragserhöhungen und strukturelle Probleme der GKV öffentlich diskutiert werden, steigt auch die Bereitschaft vieler Kunden, sich intensiver mit Alternativen zu beschäftigen.
Eine mögliche Beitragsersparnis sollte dabei aber nicht im Vordergrund stehen. „Der Hauptgrund für einen Wechsel in die private Krankenversicherung sollte immer der Zugang zur besten medizinischen Versorgung im Krankheitsfall sein“, sagt der Bielefelder PKV-Experte und Makler Tim Bökemeier in einem Interview mit Pfefferminzia.de. „Makler können beispielsweise auf die Vorsorgeleistungen hinweisen, die über die gesetzlichen Programme hinausgehen. Weitere Pluspunkte sind der offene Hilfsmittelkatalog, die Kostenerstattung auch bei alternativen Heilmethoden, wahlärztliche Behandlung inklusive Privatkliniken und die erheblich höhere Erstattung beim Zahnersatz.“ Gerade vor dem Hintergrund möglicher Leistungskürzungen in der GKV sicher ein guter Punkt.
Dabei empfiehlt der Makler, jetzt schon potenzielle Kunden anzusprechen – weil die Beitragsbemessungsgrenze eventuell steigen könnte: „Angestellte, die aktuell noch über der Versicherungspflichtgrenze liegen, sollten zeitnah beraten werden, bevor zukünftige Erhöhungen ihnen die Wechselmöglichkeit nehmen. Auch potenzielle Kunden, die momentan noch unter der Versicherungspflichtgrenze liegt, können im Hinblick auf zu erwartende Gehaltssteigerungen bereits jetzt angesprochen werden.“
Insgesamt bietet die aktuelle Schieflage der gesetzlichen Krankenversicherung nicht nur politischen Zündstoff, sondern auch die Chance für Makler, sich als verlässliche Partner für Gesundheitsvorsorge zu positionieren.

