Die Vorurteile sind praktisch so alt wie das duale System der Krankenversicherung in Deutschland: Die private Krankenversicherung wird im Alter unbezahlbar, einmal drin, kommt man nie wieder raus, und für Familien ist sie schon mal gar nichts – um nur einige Klassiker zu nennen. Was hat es mit diesen Glaubenssätzen aber auf sich: Ist da was dran, oder handelt es sich um Fehlinterpretationen? Das wollten wir von Experten wissen und haben mal nachgefragt.
„Die PKV wird im Alter immer teurer und irgendwann unbezahlbar“
Dieses oft vorgebrachte Argument gegen den Wechsel in eine private Krankenversicherung möchte Berndt Schlemann, Inhaber der Dr. Schlemann unabhängige Finanzberatung aus Köln, so nicht stehen lassen: „Zunächst finde ich es wichtig klarzustellen, dass eine PKV nicht deshalb teurer wird, weil man älter wird. Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Älter werden ist nicht wirklich überraschend, sondern einkalkuliert.“
Deshalb seien die PKV-Beiträge so berechnet, dass sie theoretisch ein Leben lang konstant bleiben könnten. Der Beitrag werde unter Berücksichtigung der Lebenserwartung kalkuliert – in jungen Jahren seien die Beiträge höher als die tatsächlichen Kosten, die höheren Kosten im Alter würden dann aus diesen Alterungsrückstellungen bezahlt.
Medizinische Inflation treibt die Kosten
„Dennoch steigt der Krankenversicherungsbeitrag in der PKV wie auch in der GKV aufgrund der sogenannten medizinischen Inflationsrate. Der medizinische Fortschritt und eine steigende Lebenserwartung machen Medizin in beiden Systemen teurer“, so Schlemann weiter. Viele meinten, nur die PKV würde teurer. Dabei sei die GKV von 1970 bis 2019 jedes Jahr um 5,95 Prozent teurer geworden, rechnet der Finanzberater vor. „Gleichzeitig wurden in der GKV viele Leistungen gekürzt. Eine ‚gute‘ private Krankenversicherung liegt deutlich unter dieser Steigerungsrate.“
Möglichkeiten der Beitragsentlastung
Darüber hinaus gibt es bei steigenden Beiträgen Möglichkeiten, diese Kosten abzufangen. Darauf weist Miriam Michelsen hin, Leiterin Vorsorge und Krankenversicherung bei MLP. „Jeder Versicherte kann zum Beispiel über einen Beitragsentlastungstarif zusätzlich vorsorgen. Dieser freiwillige Prämienaufschlag sorgt dafür, dass sich die Beiträge im Alter um einen vorher festgelegten Betrag reduzieren.“
Betroffene könnten außerdem innerhalb der PKV in einen günstigeren Tarif wechseln und dabei bewusst auf Leistungen verzichten. Auch gebe es Sozialtarife, die Leistungen auf GKV-Niveau absicherten. Michelsen: „Diese Möglichkeit wird bislang aber nach Erhebungen des Statistischen Bundesamts nur sehr selten wahrgenommen. Das lässt darauf schließen, dass die Bezahlbarkeit der PKV-Beiträge im Alter – entgegen aller Behauptungen – gegeben ist.“
„Die PKV ist für Familien weniger gut geeignet“
Auch dieses Vorurteil hat bei den Experten eher keinen Bestand. Zwar gebe es in der PKV keine Familienversicherung wie in der GKV, und Eltern müssten für ihre Kinder daher einen eigenen Beitrag zahlen, sagt Jan Roß, Leiter des Maklervertriebs der Inter. „Dafür erhalten sie aber auch dementsprechende Leistungen. Und die PKV-Unternehmen haben zunehmend Tarife, die auch Leistungsbausteine für Familien enthalten, wie beispielsweise Beitragsfreiheit oder Beitragsrückerstattungen in der Elternzeit.“
„Das Leistungsniveau der PKV unterscheidet sich kaum von dem der GKV“
Bei diesem Glauben erhebt Vertriebsexperte Roß ebenfalls Einspruch. „Während die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung stets ‚ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich‘ sein müssen, zählt in der PKV lediglich der Faktor der medizinischen Notwendigkeit bezogen auf die versicherten Leistungen. Das ist ein großer Unterschied.“ Die Bandbreite der PKV-Angebote reiche von kostengünstigen Tarifen auf GKV-Niveau bis hin zu Top-Tarifen mit hohen Leistungen. „Allein das Angebot an vielen Zusatzversicherungen, die GKV-Versicherte abschließen können, um aus dem GKV-Bereich herausgelöste Leistungen wieder versichert in Anspruch nehmen zu können, zeigt ja, dass es Versorgungssituationen gibt, bei denen die GKV nicht leistet, eine PKV jedoch sehr wohl“, erklärt Roß.
„Der Wechsel in die PKV lohnt sich nur, wenn man jung und gesund ist“
Das sei der falsche Blickwinkel, findet Gerd Güssler, Geschäftsführer des Analysehauses KVPro.de. „Die PKV ist aufgrund der gesetzlichen und zinspolitischen Entwicklungen strategisch rückwärts zu planen und zu kaufen.“ Einer der größten Fehler, den er immer wieder wahrnehme, sei der Blick nur auf den jetzigen Beitrag in Verbindung mit der Schnäppchenjagd. Vielmehr müsse man vom Ruhestand aus denken: „Was habe ich damals für Entscheidungen getroffen, sodass auch heute im Ruhestand meine PKV passt.“
Richtig sei aber: Je früher man kaufe, desto weniger Monatsbeitrag brauche man zum Ausfinanzieren. Güssler: „Und ich habe mehr Mittel frei, um eine parallele zusätzliche Altersvorsorge zu betreiben.“
„Ist man einmal im PKV-System drin, kommt man nie wieder raus“
Auch das stimmt so nicht, wobei ein mutwilliges Hin-und-Herhüpfen zwischen den Krankenversicherungssystemen durchaus nicht gewollt ist. „Der Gesetzgeber hat Systemwechseln zulasten Dritter vorbeugen wollen“, sagt Eberhard Sautter, Vorstandsvorsitzender der Hanse-Merkur. „Rosinenpickerei ist nicht gewollt.“ Damit ist die Gefahr gemeint, dass junge Versicherte die günstigeren Beiträge in der PKV ausnutzen und dann später, wenn sie älter sind und höhere Kosten verursachen, wieder zurück in die GKV wechseln – ohne dort aber Beiträge gezahlt zu haben.
„Für Personen ab 55 Jahren ist ein Wechsel zurück in die GKV daher tatsächlich fast ausgeschlossen“, so Sautter. Sonst gelte: „Wer als Angestellter mit seinem Gehalt unter die Versicherungspflichtgrenze fällt, kann bis auf wenige Ausnahmen erneut wählen: Er bleibt dann weiterhin in der PKV oder aber wechselt in die GKV.“
Das Fazit
Dieser Abgleich zeigt, dass Vermittler viele Argumente, die potenziell Wechselwillige von einem Schritt in die PKV abhalten, entkräften könnten. „Ich erlebe es selbst immer wieder“, sagt Güssler, „zeigt man den Menschen die wirklichen Fakten auf Strecke – und nicht nur den momentanen Beitrag –, berücksichtigt man ihre Lebensplanung, achtet man auf Handlungs- und Ruhestandsoptionen und wählt Gesellschaften, die genauer prüfen und konservativer kalkulieren, ist die Wahl pro PKV meist eine Win-win-Situation.“
Auch Eberhard Sautter findet die umfassende Aufklärung über die Stärken der privaten Krankenversicherung und mögliche Kniffe zur Beitragsentlastung wichtig. Das reiche von der „Verlässlichkeit der PKV, dass vertraglich vereinbarte Leistungen nicht durch politische Reformen gekürzt werden können, über die Finanzierbarkeit trotz demografischen Wandels – die Alterungsrückstellungen liegen zurzeit über 233 Milliarden Euro – bis hin zu speziellen Beitragsentlastungstarifen, mit denen PKV-Versicherte bereits in jungen Jahren für das Alter vorsorgen können“.
Trotz alldem ist die Frage gerechtfertigt, ob es nicht etwas gibt, was die Branche doch verbessern könnte. Und Finanzberater Schlemann fällt da auch gleich etwas ein. „Drei Dinge würde ich mir wünschen“, sagt der Kölner. „Mehr Planbarkeit, indem zum Beispiel die Beiträge nicht mehr sprunghaft steigen, sondern kontinuierlicher. An dieser Stelle ist der Gesetzgeber gefragt.“
Auch für mehr soziale Verantwortung der Anbieter spricht sich Schlemann aus, indem etwa die Beiträge für Kinder stärker quersubventioniert werden oder der günstigere Standardtarif allen Versicherten zugänglich gemacht wird. „Und mehr Flexibilität, indem beispielsweise bei einem Wechsel der PKV Alterungsrückstellungen komplett mitgegeben werden. So könnten sich die Versicherer nicht darauf ausruhen, dass Altversicherte wegen der Verluste nicht mehr wechseln.“
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