Leaky Gut

Der löchrige Darm

Bereits im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Darm beschäftigt. Alle Krankheiten beginnen im Darm – dieses Zitat wird Hippokrates zugesprochen. Lassen Sie uns noch etwas mehr Licht in das Dunkle bringen und prüfen wir, was an der Aussage des griechischen Arztes dran ist.
© Getty Images
Eine Schleuse an einem großen See: Stehen die Darmschleusen durchgehend offen, kann dies gravierende Folgen haben.

Leaky Gut bedeutet so viel wie löchriger Darm. Wie entsteht dieser und welche Folgen kann das haben? Bestimmte Zellen der Darmschleimhaut, die Enterozyten, sind mit einer Art Schleuse abgedichtet. Diese Schleusen nennt man Tight Junctions. Verzehrt man beispielsweise viel Gluten, so schüttet die Darmschleimhaut vermehrt Zonulin aus. Zonulin ist ein Protein, welches die Öffnung der Darmschleusen reguliert. Gluten ist inzwischen nicht nur in Getreide enthalten, sondern in vielen verarbeiteten Lebensmitteln. Bei einer durchschnittlichen, westlichen Ernährung nimmt man deshalb mehrmals täglich dieses Eiweiß zu sich. Entsprechend viel Zonulin wird ausgeschüttet. So drohen die Schleusen durchgehend weit offen zu stehen.

Offene Schleusen und Krankheiten

In der Folge können nun Stoffe durch die Darmschleimhaut in die Blutbahn gelangen, die dort nicht hingehören:

  • unverdaute Nahrungsbestandteile
  • Viren, Bakterien, Pilze/Sporen, Hefen (zum Beispiel Candida)
  • toxische Metalle

In und um den Darm befinden sich etwa 80 Prozent des Immunsystems (Link zum Film). Gelangen nun solche Fremdstoffe durch den Darm in den Blutkreislauf, reagiert das Immunsystem darauf. Ist es ständig aktiv, weil die Schleusen dauernd offenstehen, kann dies zu Folgendem führen:

  • niedriger Energielevel, weil das Immunsystem ständig beschäftigt ist
  • höhere Infektanfälligkeit
  • Entstehung stiller Entzündungen
  • Autoimmunkrankheiten (Allergien, Hashimoto, Multiple Sklerose etc.)

Ständiger Stress, übermäßiger Sport und Schlafmangel

Ein andauernd erhöhter Cortisol-Spiegel ist eine weitere Möglichkeit, wie es zu einem durchlässigen Darm kommen kann. Cortisol ist ein Hormon, welches vor allem bei Stress und Gefahr durch die Nebennierendrüsen ausgeschüttet wird. Kurzfristig ist das kein Problem und normal. Ist der Stresslevel jedoch ständig hoch und damit auch der Cortisolspiegel, hat dies wieder Einfluss auf die Tight Junctions. Diese werden durch das Hormon geöffnet. Wie das direkt funktioniert, wird derzeit noch erforscht.

Stehen die Darmschleusen nun durchgehend offen, kann es wieder zu den oben beschriebenen Folgen kommen. Nicht nur beruflicher und privater Stress kann dazu führen, auch übermäßiger, überehrgeiziger Sport. Immer dann, wenn es primär um „höher, schneller, weiter“ geht.

Auch Schlafmangel erhöht den Cortisol-Spiegel. Bereits eine Nacht mit zu wenig Schlaf puscht den Spiegel des Stresshormons. Einmalig ist das nicht weiter dramatisch. Gesundheitlich bedenklich kann es werden, wenn das regelmäßig vorkommt. Meist ist dies auch mit privatem, oder beruflichem Stress verbunden, wodurch der Cortisol-Spiegel weiter erhöht wird.

Müssen die Nebennieren zu lange und zu oft das Hormon ausschütten, ermüden sie irgendwann und stellen die Cortisol-Produktion schließlich ein. Das ist ähnlich der Einstellung der Insulinproduktion durch die Bauchspeicheldrüse bei Diabetes. Cortisol setzt der Körper jedoch auch ein, um Entzündungen herunter zu regulieren – das Wirkprinzip von Cortison. Stellen die Nebennieren nun die Produktion von Cortisol ein, können sich stille Entzündungen weiter ausbreiten, die gegebenenfalls durch einen löchrigen Darm überhaupt erst entstanden sind. Ein Teufelskreis. Das alles wirkt auch wieder auf die Psyche. Man ist erschöpft, müde, nur noch begrenzt leistungsfähig, wird immer dünnhäutiger, stress- und infektanfälliger. So kann es zum Burnout kommen. Im schlimmsten Fall entwickeln sich Depressionen.

Wer regelmäßig ausreichend schläft, fühlt sich nicht nur fitter, er ist es auch tatsächlich. Kombinieren wir dies nun noch mit einer ausgewogenen körperlichen Belastung im primär aeroben Bereich, reduziert sich der Stress und wir sind insgesamt weniger stressanfällig. Yoga ist hier ebenfalls ein sehr gutes Mittel. Natürlich sollten wir auch auf eine individuelle, artgerechte Ernährung achten. Diese hat sehr großen Einfluss auf die Darmbakterien.

So wichtig sind unsere Darmbakterien

Damit die extrem dünne Darmschleimhaut optimal arbeiten kann, benötigt sie Nährstoffe. Zu erwähnen ist hier vor allem die kurzkettige Fettsäure Butyrat.

Diese wird von Darmbakterien produziert. Beispielsweise den Fermicuten und den Bacteriodetes (zum Film).

Sind nun zu wenige dieser Bakterien vorhanden, leidet unsere Darmschleimhaut. In der Fachsprache intestinale Mukosa genannt, Hunger. Damit wird sie anfälliger und kann löchrig werden. Ein chronischer Mangel an Butyrat wird in Verbindung mit Erkrankungen wie Diabetes Typ II und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gebracht. In der uralten ayurvedischen Medizin wird Ghee, geklärte Butter, seit Jahrtausenden eingesetzt. Hier ist Butyrat enthalten. Ghee kann hervorragend zum Braten verwendet werden. Es lässt sich hoch erhitzen ohne, dass dabei Fette oxidieren oder Transfettsäuren entstehen.

Eine überwiegend pflanzliche Ernährung fördert die butyratbildenen Bakterien. Sowohl die Bacteriodetes, als auch die Firmicuten lieben Ballaststoffe. Zu viele dieser Spezies sollten es aber auch wieder nicht sein, denn diese könnten sonst zu Übergewicht führen, da sie aus den Ballaststoffen dem Körper Kalorien zur Verfügung stellen können (siehe hier unter der Überschrift „Ballaststoffe sind nicht gleich Ballaststoffe“). Es geht, wie eben immer, um die richtige Balance.

Auch wichtig sind Bifidobakterien und Lactobacilli. Diese bilden eine Art Barriere im Darm und dichten die Schleimhaut ab. Sie reduzieren damit das Risiko eines Leaky Gut. Weiterhin senken Sie durch die Produktion von Milchsäure den PH-Wert. Damit werden pathogene Keime in Schach gehalten, beispielsweise Salmonellen und Fäulnisbakterien.

Bifidobakterien produzieren darüber hinaus ein Toxin, das Bifidin. Dieses mögen wiederum Listerien und Clostridien nicht. Letztere sind, neben E. Coli, in der Lage, Histamin zu produzieren, was Allergiesymptome hervorrufen, oder diese verstärken kann.

Leaky Gut – wie wird dieser diagnostiziert?

Um festzustellen, ob Sie unter einem löchrigen Darm leiden, reicht ein Stuhltest. Hierbei sollten sowohl Alpha-1-Antritrypsin, Calprotectin und Zonulin getestet werden. Ein entsprechender Test ist bereits, ohne Honorar des Therapeuten, für weniger als 70 Euro möglich. Bei den ersten beiden Werten handelt es sich um Indikatoren entzündlicher Prozesse. So werden erhöhte Werte von Alpha-1-Antritrypsin beispielsweise auch bei Colitis ulcerosa und Morbos Crohn gemessen. Zonulin wurde eingangs bereits erwähnt.

Sollte ein Leaky Gut festgestellt werden, muss das kein dauerhaftes Schicksal sein. Mit einer entsprechenden angepassten und darmfreundlichen Ernährung können die Schleusen wieder geschlossen und die Darmschleimhaut regeneriert werden. Häufig berichten Patienten im Anschluss, dass sie sich fitter und leistungsfähiger fühlen, oder Allergien zurück gegangen, manchmal sogar komplett verschwunden sind. Ein gesunder Darm in Balance bietet also viele Vorteile für die Gesundheit.

 

 

Mehr zum Thema

Entzündungen – Freund oder Feind?

Kuschelfläche wird zur Todeszone Auch Fehlernährung kann stille Entzündungen befeuern. Wer sich ständig mit Kohlenhydraten…

Die Darm-Hirn-Connection

Im Folgenden ein paar Beispiele: Viele Menschen tragen das Varizella Zoster Virus in sich. Das…

Die richtige Ernährung für lange Seminartage

Das Gehirn schlägt Alarm Das Gehirn, das bis zu 25 Prozent unserer Energie am Tag…

Autor

Joachim Haid ist Gründer des Gesundheitsprogramms PaleoMental®, zudem Gesundheitscoach und Heilpraktiker in Ausbildung.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia