Digitalisierung

Den deutschen Krankenversicherern fehlt der letzte Mut

Bei der Digitalisierung des Antragsprozesses hinken die Krankenversicherungen anderen Versicherungssparten weit hinterher. Die Begründungen dafür sind profan. Mit mehr Mut ließe sich die entscheidende Lücke schließen. Ein Kommentar von Jörg Hausknecht, Verwaltungsrat des Schweizer Softwareanbieters Triangulum.
© Triangulum
Jörg Hausknecht ist Verwaltungsrat des Schweizer Softwareanbieters Triangulum AG.

Die ganze Versicherungswelt spricht davon, strategisch wichtige Arbeitsprozesse zu digitalisieren. Die ganze Versicherungswelt? Nein, eine unbeugsame Versicherungssparte verweigert sich in ihrem Kernprozess immer noch der digitalen Welt: Die Krankenversicherung. Nur dass es sich hierbei nicht um einen heldenhaften Kampf der Unbeugsamen handelt, sondern um ein Verschlafen von Vertriebschancen, von positiven betriebswirtschaftlichen Effekten und verbesserter Beratungsqualität.

Die Rede ist von einer durchgängigen Digitalisierung aller Geschäftsprozesse – und der erste und zugleich wichtigste ist der Antragsprozess, insbesondere am sogenannten Point of Sale (POS), also im Gespräch mit dem Kunden.

Mehr zum Thema

Kosten würden pro PKV-Kunde um fast 6 Prozent steigen

Die Leistungen sollen nach Vorstellung der Ärzte dabei mit einem Einfachsatz bewertet werden, der mit…

Studie gibt Hinweise auf Manipulationen bei Risikostrukturausgleich

Manipulieren Krankenkassen Diagnosen, um mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu erhalten? Ein entsprechender Vorwurf des…

Warum Freunde und Bekannte keine guten Ratgeber bei der PKV-Wahl sind

Hier geht es zum Blogbeitrag von PKV-Experte Sven Hennig.

Während in allen Biometrie-Sparten längst mobile Systeme zur elektronischen Risikoprüfung zum Einsatz kommen – wenngleich noch nicht flächendeckend – führte eine Umfrage der Pfefferminzia-Redaktion unter Deutschlands Krankenversicherungen zu einem ernüchternden Ergebnis: Nur eine einzige, die Hallesche, steht mit ihrer Eigenentwicklung solcherart Prüfsystemen direkt beim Kunden positiv gegenüber. Ansonsten: Fehlanzeige.

Die Schweiz beispielsweise ist da schon sehr viel weiter. Dort werden rund 70 Prozent des nicht-obligatorischen Krankenversicherungs-Marktes von Gesellschaften abgedeckt, die sich in jüngerer Zeit für die Digitalisierung des Antragsprozesses und somit für den Einsatz eines Risikoprüf-Systems entschieden haben.

Kostenvermeidung – das Argument der Krankenversicherer zieht nicht

Ernüchternd ist dieses Ergebnis deshalb, weil in der Krankenversicherung und vor allem in der Kranken-Zusatzversicherung eine Risikoprüfung am POS besonders sinnvoll ist. Schon beim Beratungsgespräch kann festgestellt werden, ob und gegebenenfalls zu welchen Konditionen ein Versicherungssuchender versicherbar ist. Dies zeigt auch das Beispiel der Bayerischen, die für ihre Krankenzusatzversicherung ein solches System am Point of Sale einsetzt.

Bei qualitativ hochwertigen Prüfsystemen bleibt häufig der Umweg über den Bericht des jeweiligen behandelnden Arztes erspart. Die qualitative Beurteilung der ärztlichen Fragebögen sei an dieser Stelle einmal ausgeklammert. Dagegen gehören Kundenrückfragen aufgrund unvollständig ausgefüllter Gesundheitsfragebögen bei den sogenannten Trias-Systemen komplett der Vergangenheit an. Ist der Antragsteller versicherbar und vom Angebot überzeugt, kann der Kunde also sofort unterschreiben – ohne sich noch versucht zu fühlen, nach Konkurrenzangeboten Ausschau zu halten.

Der Vermittler oder Makler leiht sich gleichzeitig medizinische Kompetenz, was seinen Status als Experte nur erhöht und den direkten Abschluss erleichtert. Das heißt im Umkehrschluss: Ohne die eigene Risikoprüfung in ein elektronisches System zu überführen, gibt es auch keine Möglichkeit, den Antragsprozess durchgängig zu digitalisieren, nämlich von der Antragsaufnahme mit dem Kunden bis zum Abschluss. Und das vielfach ohne manuellen Eingriff.

Doch warum sperren sich so viele Krankenversicherer so sehr gegen diese unübersehbaren Vorteile, die die Gesellschaften anderer Biometriesparten längst erkannt haben? Natürlich haben eine Reihe von Krankenversicherern intern stationäre Prüfsysteme. Ein zweites System am POS erscheint da wirtschaftlich wenig sinnvoll. Doch sind die stationären Prüfsysteme zumeist keine Eigenentwicklungen.

Stationäre Prüfsysteme oft schwerfällig

Individuelle Richtlinien der einzelnen Gesellschaften zum Vertragsabschluss, die auf dem langjährigen Erfahrungsschatz der Versicherer beruhen oder versicherungsmedizinisch relevante Fakten, die sich aus den medizinischen Entwicklungen oder aus neuen Zielgruppen ergeben, lassen sich dort nicht mehr einpflegen. Selbst pflegbare Systeme sind da weit flexibler.

Dass sich die schwerfälligen stationären (und teuren) Prüfsysteme nicht an den aktuellen Erfordernissen und strategischen Entwicklungen der Versicherungsbranche orientieren, dass moderne Prüfsysteme neue Investitionskosten nach sich ziehen, ist einem Vertriebsvorstand schwer zu vermitteln. Aber der frühe Vogel fängt den Wurm, Wettbewerbsvorteile gleichen die Investitionen schnell wieder aus.

Self-Underwriting im Kommen

Außerdem lässt sich mit einem modernen Prüf-System gleich noch ein zweiter Vertriebsweg abdecken: Das „Self-Underwriting“ des Kunden direkt auf der Homepage der Versicherung. Auch in diesen Fällen verhindert das Fehlen der elektronischen Risikoprüfung den sofortigen Abschluss. Bislang stoppt der Prozess irgendwo und Sachbearbeiter müssen manuell weiterarbeiten. Self-Underwriting auf der Homepage mit einer manuell-analogen Antragsbearbeitung schließt sich aus. Dagegen erlaubt eine im Prozess integrierte Risikoprüf-Komponente die Digitalisierung des gesamten Antragsprozesses.

Und noch ein Hinweis mag dienlich sein: Weil kluge Prüfsysteme den Gesellschaften die Möglichkeit zur eigenen Datenpflege verschaffen, gewinnen sie mehr Sicherheit in ihrer Versicherungsmathematik und können jederzeit bedarfsgerecht reagieren. Und sie erhalten damit Vertrauen in ihre eigene Tarif- und Underwriting-Politik.

Über den Autoren

Jörg Hausknecht ist Verwaltungsrat des Schweizer Softwareanbieters Triangulum AG.

Autor

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia