Der lange Weg zur Hilfe

Psychotherapie in der PKV – worauf bei der Tarifauswahl zu achten ist

Depressionen und Erschöpfungszustände lassen viele Menschen in eine existenzielle Krise taumeln – eine Psychotherapie kann ihnen den Weg zurück ins Leben ebnen. Doch es vergehen im Schnitt 20 Monate, bis sich Erkrankte Hilfe suchen – und auch für privat Krankenversicherte birgt der Weg Hindernisse.
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Ein Mann im Gespräch mit einer Psychotherapeutin (Symbolbild): Bei Menschen mit einer depressiven Erkrankung vergehen im Schnitt 20 Monate, bis sie sich Hilfe suchen.

Man soll sich ja tunlichst vor Verallgemeinerungen hüten, aber diese Ferndiagnose muss jetzt mal so gestellt werden: Den Deutschen geht es nicht sonderlich gut. Das legen zahlreiche Studien nahe – so auch die repräsentative Online-Umfrage „Mental Health Report“ im Auftrag des Versicherers Axa. Danach gibt rund jeder dritte Bundesbürger an, derzeit unter einer mentalen Erkrankung zu leiden. Im Vergleich mit weiteren untersuchten Ländern aus Europa liegen Deutschland und Großbritannien mit jeweils 32 Prozent an der Spitze.

„Der Krieg und seine Folgen, aber auch der Druck durch Social Media beeinflussen das psychische Wohlbefinden der Deutschen“, berichten die Studienautoren. Besonders erschreckend: 41 Prozent der jungen Frauen zwischen 18 und 34 Jahren sagen, dass sie aktuell unter Depressionen, Angstzuständen, Essstörungen, Zwangsneurosen oder anderen psychischen Erkrankungen leiden. Aus allen Altersgruppen ab 18 Jahren meinte jeder fünfte Befragte, an Depressionen zu leiden.

Experten halten diese alarmierenden Zahlen für plausibel. „Obwohl Online-Befragungen methodisch keine verlässliche Messung der Häufigkeit psychischer Erkrankungen erlauben, sind die Zahlen an sich nicht sehr überraschend“, kommentiert Andreas Meyer-Lindenberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, die Erhebung der Axa. Besonders dramatisch ist dabei, dass die Betroffenen mit ihrer seelischen Zerrüttung oft erst einmal auf sich gestellt sind: Bei Menschen mit einer depressiven Erkrankung vergehen im Schnitt 20 Monate, bis sie sich Hilfe suchen. Das zeigt das aktuelle „Deutschland-Barometer Depression“ der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention.

„Die Depression ist eine schwere, oft auch lebensbedrohliche Erkrankung. Dass ein großer Teil der Betroffenen Monate oder sogar Jahre braucht, um sich Hilfe zu suchen, ist besorgniserregend“, sagt Stiftungsleiter Ulrich Hegerl. Gründe hierfür seien Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit, die für eine Depression typisch sind, aber auch Versorgungsengpässe und die immer noch bestehende Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, schildert Hegerl. Immerhin ein Drittel aller Betroffenen sucht sich sofort Hilfe. Bei der großen Mehrheit von 65 Prozent dauert es hingegen im Schnitt 30 Monate, bis sie professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen (siehe Grafik unten).

Doch selbst wenn die Erkrankten um Hilfe ersuchten, so mussten sie nach eigener Auskunft im Schnitt zehn Wochen auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten warten, bei Fachärzten waren es im Schnitt acht Wochen. Zudem mussten sie durchschnittlich fünf Therapeuten kontaktieren, ehe sie einen Termin bekamen. „Bei einer so leidvollen Erkrankung wie der Depression, die zudem mit hoher Suizidgefährdung einhergeht, sind so lange Wartezeiten nicht akzeptabel“, beklagt Ulrich Hegerl.

Auch Privatpatienten brauchen oft Geduld

Der Versicherungsmakler Sven Hennig kennt das Problem mit den langen Wartezeiten – und das macht auch vor den vermeintlich besser gestellten Patienten in der privaten Krankenversicherung (PKV) nicht Halt. „Die Leistungsfälle haben deutlich zugenommen – sowohl in der Krankenversicherung als auch in der Berufsunfähigkeitsversicherung. Es gibt hier viel mehr Leistungsfälle, die eine Psychotherapie oder eine therapeutische Behandlung erfordern. Die privaten Krankenversicherer unterstützen hier, indem sie versuchen, alternative Termine zu vermitteln, etwa über Online-Psychotherapeuten – einfach deshalb, weil es auch für die Privatpatienten ein massives Problem ist, an Termine zu kommen“, so Hennig. „Wir haben viel zu wenig Behandler, wodurch die Wartezeiten auch für Privatversicherte relativ lang sind“, fügt der Makler erklärend hinzu.

Dass eine psychologische Betreuung für Privatversicherte sinnvoll sein kann, wenn sie unter seelischen Problemen leiden, davon ist Anja Glorius, Geschäftsführerin des Berliner Versicherungsmaklers KVoptimal.de, überzeugt. Dies gelte vor allem dann, wenn die Probleme „auch das tägliche Leben beeinflussen oder stören. Dazu zählen häufig Depressionen, Angst-, Belastungs-, Zwangs- und Persönlichkeitsstörungen“, zählt Glorius auf.

Wer es dann geschafft hat, einen Fuß in die Behandlungstür zu bekommen, kann sich in der Regel auch darauf verlassen, dass die PKV für die Kosten der meist langwierigen Behandlung aufkommt. „Im ambulanten Erstattungsbereich haben wir wenig Probleme bei der Regulierung von therapeutischen Sitzungen im Bereich einer Depression“, stellt Anja Glorius klar. „Die PKV zeigt sich hier sehr offen und leistungsbereit. Die medizinische Notwendigkeit wird hier wenig angezweifelt.“

Diese grundsätzlich gute Nachricht teilt auch ihr Maklerkollege Hennig. „Die Kunden sind ziemlich zufrieden mit dem, was der Versicherer zahlt – der erstattet annehmbare und ansprechende Sätze. Das heißt, die Kunden sind einverstanden mit der Erstattungspraxis, sie hängen aber trotzdem am Problem: ,Wo bekomme ich einen Termin her, und wie kriege ich das organisiert?‘ Und da kann Online-Psychotherapie für einen gewissen Patientenkreis durchaus eine Variante sein“, so Hennig.

Seite 2: Was bei der Tarifauswahl zu beachten ist

Doch welche Leistungsmerkmale sollten in einem guten PKV-Vertrag enthalten sein, sodass sich Betroffene auf das Bedingungswerk des Versicherers wirklich verlassen können? „Aus unserer Sicht sollte man schon beim Einstieg in die PKV darauf achten, dass man so viele Optionen wie möglich hat“, empfiehlt Maklerin Glorius. „Wenn ich zum Beispiel als Selbstständiger zu Beginn noch Geld sparen möchte, sollte ich auf extrem gute Optionsrechte zum Upgrade ohne Gesundheitsprüfung achten und bereits beim Einstieg schauen, was die Premiumtarife kosten und was sie beinhalten.“ Im Idealfall sollte ein Premium­tarif demnach folgende Merkmale aufweisen: Keine Sitzungszahlbeschränkung, bei einer zugleich hohen Erstattungssumme, und möglichst wenige Einschränkungen bei der Wahl des Zugangs – sei es über Psychotherapeuten, ärztliche Psychotherapeuten oder Psychologen.

Die Sache mit der Zusage-Verpflichtung

Die Krux: Die Leistungen können je nach Versicherungsvertrag und Tarif völlig unterschiedlich ausfallen. Beispiel DKV: Die Ergo-Tochter erstattet im Tarif BME ab der 61. Sitzung nur noch 50 Prozent, bei einer Überweisung vom Hausarzt sind es 70 Prozent. „Kunden der DKV mit langwierigen psychischen Leiden müssen also bereits ab der 61. Sitzung mit einer Selbstbeteiligung von rund 50 Euro je Sitzung rechnen. Ist eine Behandlung mit einer Sitzung pro Woche geplant, entstehen also schnell Kosten von 2.600 Euro pro Jahr“, gibt Anja Glorius zu bedenken. Darüber hinaus sei die DKV auch berechtigt, die Leistung abzulehnen, denn es bedürfe ausdrücklich der vorherigen schriftlichen Zusage des Versicherers. Im Falle einer Zusage-Verpflichtung sei „nicht klar, wann und wie man sich auf diese verlassen kann. Daher kann die DKV auch ablehnen – es ist an keinen Grund geknüpft“, fasst die Maklerin zusammen.

Vorsicht ist auch bei Eigenanteilen geboten

Makler Sven Hennig betont, dass Versicherte eine möglichst umfangreiche Zahl von Behandlungen vereinbaren sollten, „die idealerweise nicht auf eine feste Anzahl von Sitzungen begrenzt ist – und wenn schon begrenzt, dann auf 50 Sitzungen oder mehr pro Jahr“.

Begrenzungen bei der Sitzungszahl pro Behandlungsfall stuft er als gefährlich ein: „Wenn im Vertrag 50 oder 80 Sitzungen pro Behandlungsfall stehen, dann ist das eher problematisch, weil man grundsätzlich auch mal über Jahre in einen Behandlungsfall rutschen kann.“ Generell gelte bei der Auswahl des Versicherungsschutzes, eine hochwertige ambulante Versorgung zu vereinbaren – sei es bei Beamten, Beamtenanwärtern oder angestellten Selbstständigen. Und wenn mit Eigenanteilen operiert werde, „dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass 10 Prozent Eigenanteil eben auch bei 100 Sitzungen durchaus Geld sein können“, stellt Hennig klar. Last but not least: Eine Begrenzung auf die Höchstsätze der Gebührenordnung stuft der PKV-Profi ebenfalls als kritisch ein.

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Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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