Das Immunsystem, Teil II

Schädliches bekämpfen, oder Gutes stärken?

Im zweiten Teil dieser Reihe beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Folgen der Kampf gegen Bakterien und Viren seit deren Entdeckung als Krankheitsauslöser Ende des 19. Jahrhunderts hatte. Welche Konsequenzen haben moderne Trends wie geplante Kaiserschnitte? Und was ist eigentlich ein Holobiont? Hier erfahren Sie es.
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Kinder spielen im Dreck: Untersuchungen ergaben, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwuchsen, seltener unter Allergien und Asthma leiden.

Ab Beginn der landwirtschaftlichen Revolution vor rund 12.000 Jahren betrieb der Mensch nicht nur Ackerbau und Viehzucht. Es konnte nun eine Person, ein Bauer, Nahrungsüberschuss produzieren. In der Folge stieg die Zahl der Menschen deutlich stärker an, als in den Jahrhunderttausenden zuvor. Immer mehr Personen lebten auf immer engeren Raum zusammen. Die Gründung von Städten begann. Das dichtere Zusammenleben hatte natürlich Vorteile und bot Schutz. Jedoch gab es auch massive Nachteile. Wenn viele Menschen dicht an dicht leben und eng zusammen mit Tieren, entsteht nicht nur viel Schmutz, der Nahrung für Bakterien und Parasiten bietet. Die Erreger können auch viel leichter vom Tier auf den Menschen und zwischen den Bewohnern weitergegeben werden. Nun konnten Epidemien schnell um sich greifen und sich innerhalb kürzester Zeit über die Handelswege auch auf andere Siedlungen ausbreiten.

Der Krieg beginnt

„Noch im 19. Jahrhundert waren Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Cholera, Diphterie oder Wundinfektionen die Haupttodesursache weltweit. Allein in Deutschland starben daran jedes Jahr hunderttausende Menschen.“ So ist es auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts zu lesen. Es sollte bis 1876 dauern, bis der Namensgeber und Arzt, Robert Koch, anhand des Milzbranderregers nachweisen konnte, dass Krankheiten durch Erreger ausgelöst werden können. Ab da ging es im Kampf gegen Infektionskrankheiten und deren Auslöser Schlag auf Schlag.

1905 erhielt Koch für die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers den Nobelpreis für Medizin. Etwa ein Siebtel der damaligen Bevölkerung starb an dieser Krankheit. 1928 entdeckte Alexander Fleming per Zufall einen Wirkstoff, der Bakterien töten konnte und nannte ihn Penicillin. Gewonnen hatte Fleming ihn aus dem Schimmelpilz Penicillium. Ab den frühen 1940ziger Jahren begann die industrielle Produktion des Antibiotikums in den USA. Es wurde dringend in großen Mengen benötigt. Schließlich herrschte weltweit Krieg – und noch im Ersten Weltkrieg starben mehr Soldaten an Infektionen, als durch den Feind. Es wurde ein regelrechter Krieg gegen Bakterien, Viren und Parasiten geführt.

Viele Begriffe, die sonst nur vom Schlachtfeld bekannt waren, fanden nun Verwendung in der Medizin. Selbst Zellen des Immunsystems wurden mit einbezogen, wie beispielsweise die Killerzellen. Bestimmte Schutzstoffe auf unsere Haut und unseren Schleimhäuten wurden Defensine genannt. Der massive Einsatz von Antibiotika erinnert an eine biologische Kriegsführung. Keime sollten möglichst vollständig vernichtet und mit Desinfektionsmitteln abgetötet werden. In den fünfziger Jahren kamen selbst bei viralen Krankheiten und dem leichtesten Schnupfen Antibiotika zum Einsatz.

Obwohl seit Jahrzehnten bekannt ist, dass diese Medikamente gegen Viren nicht wirken, werden sie noch immer sehr häufig bei grippalen Infekten eingesetzt – zur Vermeidung einer Superinfektion. Davon spricht der Mediziner, wenn eine Viruserkrankung zu einer zusätzlichen bakteriellen Infektion führt. Bei älteren und immungeschwächten Patienten kann der Antibiotika-Einsatz sinnvoll und wichtig sein. Viel zu oft kommen diese Medikamente aber auch bei Personen zum Einsatz, bei denen das gar nicht notwendig wäre. Auch viele Ärzte fordern daher einen bedachteren Einsatz. Denn jede Verwendung von Antibiotika fördert Resistenzen, sodass immer mehr Bakterien immer schlechter auf die klassischen Medikamente ansprechen.

Ein Abstrich kann trügerisch sein

Bekommen Kinder Halsschmerzen, entsteht schnell der Verdacht, dass hier Bakterien namens Streptokokken des Typs A am Werk sein könnten. Werden diese vom Körper nicht erfolgreich bekämpft, kann als Folgeerkrankung rheumatisches Fieber entstehen. Eine weitere mögliche Spätfolge sind Schädigungen der Herzklappen. Bevor es Antibiotika gab, litt etwa eines von dreihundert Kindern an diesen Spätfolgen. Das Risiko lag also bei 0,33 Prozent (Quelle: Mikrobiologe Martin J. Blaser).

Heute erhalten bis zu 80 Prozent der Kinder ein Antibiotikum. Klar, das Risiko für Spätfolgen ist mit 0,33 Prozent gering. Nur was, wenn genau das Kind, dem der Arzt nun kein Antibiotikum verschreibt, an diesen Spätfolgen erkrankt? Das ist nicht nur für das Kind und dessen Eltern dramatisch. Der Arzt könnte gefragt werden, weshalb er damals kein Antibiotikum verschrieb, welches die Spätfolgen hätte vermeiden können. Ein möglicher Haftungsfall.

Nun könnten Halsschmerzen aber auch durch einen Virus ausgelöst worden sein, gegen den ein Antibiotikum nicht hilft. Möchte man auf Nummer sicher gehen und eine unnötige Medikamentengabe vermeiden, wird ein Abstrich gemacht. Finden sich hier nun Streptokokken, wird der Arzt den Eltern in vielen Fällen ein Antibiotikum empfehlen. Heute wissen wir jedoch, dass der Hals-Nasen-Rachenraum häufig von Streptokokken besiedelt ist, welche jedoch nicht zwangsläufig eine Erkrankung auslösen müssen. Wir können jahrelang diese Erreger in uns tragen, ohne krank zu werden. Wird nun ein Abstrich gemacht, ist der Streptokokkenbefund positiv, obwohl sie vielleicht nicht der Verursacher der Halsschmerzen sind, sondern ein Virus. Es würde in diesem Fall also völlig unnötig ein Antibiotikum verschrieben werden, so Dr. Martin J. Blaser. Wollte der Arzt noch genauer differenzieren, müsste er das Kind genauer beobachten und untersuchen. Entwickelt sich ein Fieber und ist dieses höher, als beim durchschnittlichen kranken Kind? Ist die Anzahl der weißen Blutkörperchen wesentlich höher? Eine 100-prozentige Sicherheit bieten jedoch auch diese weiteren Untersuchungen nicht. Vor allem benötigen diese Zeit. Wer schon einmal in der Erkältungssaison in der Kinderarztpraxis war, weiß, dass ein Kinderarzt über vieles verfügen mag. Ausreichend Zeit für das jeweilige erkrankte Kind gehört bei bis zu 100 Patienten pro Tag leider meist nicht dazu.

Wie wir im Folgenden sehen werden, ist ein reduzierterer Einsatz von Antibiotika jedoch nicht nur zur Vermeidung von Resistenzen wichtig. Denn der Krieg gegen die Keime fand die vergangenen Jahrzehnte durch den vermehrten Einsatz von Breitbrandantibiotika oftmals unspezifisch statt. Diese Medikamente wirken gegen mehrere Bakterienarten, darunter jedoch auch viele, die wichtig für unsere Gesundheit sind. Während bestimmte Medikamente gezielt wie ein Scharfschütze vorgehen, ist die Wirkung von Breitbandantibiotika, wie beispielsweise Amoxicillin, eher mit einem Flächenbombardement eines B-50 Bombers zu vergleichen. Auch gezielte Vernichtungskampagnen, wie gegen den Magenkeim Helicobacter Pylori, werden heute mit ganz anderen Augen betrachtet.

Falsch verstandene Hygienehypothese?

Seit Jahren sind Allergien immer mehr auf dem Vormarsch. Ende der achtziger Jahre kam die Idee auf, dass dies an zu viel Hygiene liegt. In den industriell entwickelten Ländern hätte sich durch den Einsatz von Reinigungsmitteln, Filtersystemen und Desinfektionsmitteln eine zu sterile Umgebung ergeben. Das kindliche Immunsystem sei deshalb mit zu wenig Bakterien und Parasiten konfrontiert. Das würde dazu führen, dass unser Abwehrsystem unterfordert ist und sich so gegen eigenes Körpergewebe richtet. Quasi aus Langeweile. So entstünden Autoimmunkrankheiten. Eltern wurde deshalb geraten, die Kinder wieder mehr im Dreck spielen zu lassen und Haustiere anzuschaffen: „Dreck macht Speck“. Gestützt wurde diese Hygienehypothese dadurch, dass Untersuchungen von Kindern, die auf Bauernhöfen aufwuchsen, ergaben, dass diese seltener unter Allergien und Asthma leiden.

Der Mensch – ein Holobiont

Der US-amerikanische Mikrobiologe Martin J. Blaser erhebt hierzu in seinem Buch „Antibiotika Overkill“ Einspruch:

„Man hat die Hygienehypothese… falsch gedeutet. Wir müssen nämlich vor allem die Mikroorganismen betrachten, die in und auf unserem Körper leben. Das ist eine Riesenbevölkerung von kooperierenden und miteinander in Wettbewerb stehenden Mikroben, deren Gesamtheit man Mikrobiom nennt… Wird eine wichtige Spezies ausgerottet, gefährdet das das gesamte Ökosystem.“ Und weiter: „Auf den Punkt gebracht: Unser Mikrobiom hält uns gesund. Aber wir rotten Teile davon aus“.

Überall auf und in unserem Körper leben Bakterien. Nach und nach erkennen wir, dass die meisten davon für uns nicht schädlich, sondern im Gegenteil sogar wichtig für unsere Gesundheit sind. Ja regelrecht überlebenswichtig sein können. Bakterien auf unserer Haut sorgen dafür, dass sich dort krankmachende, pathogene Keime, nur schlecht ausbreiten können. Unsere Haut verfügt also über ein eigenes Mikrobiom. Genau wie unser Darm, unser Mund und der Genitaltrakt der Frau über ein eigenes, ganz spezifisches Mikrobiom verfügen.

Innerhalb der Menschheit kommen zwar gleiche Bakterienarten vor. Dennoch unterscheidet sich die jeweilige Besiedlung nicht nur von Region zu Region. Jeder Mensch ist individuell so unterschiedlich bezüglich der Bakterienarten und Anzahl, dass innerhalb der Gerichtsmedizin am Fingerabdruck der Zukunft geforscht wird. Bei jedem Schritt und jeder Bewegung verlieren wir nicht nur Körperzellen, sondern auch Millionen von Mikroben, die auf uns leben. „Dieser mikrobielle Fingerabdruck könnte in der Zukunft helfen, Verbrechen aufzuklären“, so der Mikrobiologe Jack Gilbert von der Universität Chicago.

Forscher schätzen, dass allein die Mikroben in unserem Darm bis zu 2,5 Kilogramm wiegen. Nimmt man die Zellen aller Mikroorganismen zusammen, die auf und in uns leben, so gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass deren Anzahl größer ist, als die unserer menschlichen Zellen. Diese wird immerhin auf bis zu 100 Billionen geschätzt! Dazu kommt, dass in den Jahrmillionen der Evolution in unsere Gene auch solche von Mikroorganismen eingeschleust wurden. Viele davon befinden sich bis heute in unserem genetischen Code. Selbst unsere eigenen Körperzellen sind also nicht zu 100 Prozent menschlich. Im Gegenteil.

Der Mensch besteht aus etwa 20.000 Genen. Die Vielzahl unserer Mikroben kommt geschätzt auf 2 Millionen Gene. 99 Prozent der Gene der Organismen, die auf und in unserem Körper vorkommen, stammen von unserem Mikrobiom. Nur etwa ein Prozent ist menschlich. Der Buchtitel von Richard David Precht „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ erhält damit eine ganz neue Dimension. Der Mensch ist also kein einzelnes, unabhängiges Lebewesen, sondern eine Lebensgemeinschaft von Millionen unterschiedlicher Organismen.

Bis vor einigen Jahren wurde in diesem Zusammenhang von einem Superorganismus gesprochen. Da es sich dabei aber um eine Gemeinschaft gleichartiger Lebewesen handelt, die durch Kooperation mehr erreichen können, als das jeweils einzelne (wie bei Ameisen und Bienen), spricht man beim Menschen vom Holobiont. Dieses Wort setzt sich aus verschiedenen griechischen Ausdrücken zusammen. Hólos – alles, ganz, gesamt, bíos – Leben und óntos – Seiendes, Wesen. Eingeführt wurde der Begriff 1991 durch die Biologin Lynn Margulis.

Heute wissen wir, dass der Mensch also ein Lebewesen ist, welches aus einer Vielzahl unterschiedlicher zusammenarbeitender Wesen besteht. Die meisten der auf und in uns lebenden Mikroorganismen können ganz gut ohne uns leben. Wir ohne sie jedoch nicht!

Unnötige Kaiserschnitt-Geburten und weniger stillende Mütter

Wie bereits in Teil I dieser Reihe erwähnt, beginnt die Besiedlung des Menschen mit schützenden Mikroben bereits während der Geburt. Auch beim Stillen nimmt der Säugling Bakterien zu sich, die sich auf der Mutterbrust befinden. In weiten Teilen der Welt nehmen Kaiserschnitte jedoch immer mehr zu. Vor allem die geplanten, die also keine medizinischen Gründe haben. Viele Menschen fühlen sich unangenehm berührt, wenn Mütter in der Öffentlichkeit ihr Kind stillen. Das führt dazu, dass die natürlichste Form der menschlichen Ernährung regelrecht stigmatisiert wird.

Viele Mütter wollen teilweise aus diesen Gründen nicht mehr stillen. Manche auch deshalb, weil sie möglichst früh wieder beginnen wollen zu arbeiten und Abpumpen sehr unangenehm und kompliziert in der Planung sein kann. Eine Flasche zu machen ist einfacher. Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen und/oder nicht gestillt werden, fehlt aber diese natürliche Impfung durch die Keime der Mutter. Es besteht der Verdacht, dass viele dieser Kinder anfälliger für Infekte und Allergien sind. Deshalb werden der Flaschennahrung Pro- und Präbiotika beigemischt, um diesen Verlust einigermaßen auszugleichen. Eine pauschale, künstliche Gabe kann jedoch nicht den Schutz durch das individuelle Mikrobiom der Mutter ersetzen.

Bei Kaiserschnittgeburten wird deshalb teilweise ein vaginaler Mikrobentransfer durchgeführt. Dabei wird die Vagina der Mutter mit einer Kompresse bedeckt und nimmt dort vorhandene Bakterien auf. Nach der Geburt wird das Kind damit beginnend von den Lippen, über Gesicht, Brust, Arme, Beine, Genitalien bis zur Analregion eingerieben. Das mag beim Leser nun abstoßend wirken, ist aber sehr ähnlich dessen, was bei einer natürlichen Geburt passiert. Ob dieses Verfahren jedoch den gleichen Schutz wie eine natürliche Geburt bietet, bleibt wohl noch abzuwarten. Kann eine Frau natürlich gebären, sollte sie dies im Interesse des Kindes bevorzugen. Für medizinisch notwendige Kaiserschnitte kann der Mikrobentransfer jedoch eine Chance für eine möglichst natürliche Mikrobiomtwicklung des Säuglings sein.

Auch bei einer natürlichen Geburt kann jedoch die Übertragung des schützenden Mikrobioms durch die Mutter auf den Säugling gefährdet sein. Nämlich dann, wenn die Mutter während der Schwangerschaft selbst mit Antibiotika behandelt wird, welche ihr eigenes Mikrobiom aus der Balance bringt. Die Behandlung der Mutter kann also langfristig zu einem weniger effektiven Immunsystem des Kindes führen. Ein weiterer Grund, weshalb Antibiotika zurückhaltender als in der Vergangenheit eingesetzt und die Eltern auf eine Ernährung achten sollten, die möglichst frei von Medikamentenrückständen ist.

Ein folgenschwerer Vernichtungskampf

Wie oben bereits erwähnt, wurden in den vergangenen Jahrzehnten gegen bestimmte Erreger regelrechte Ausrottungskampagnen mit Antibiotika geführt. Dazu zählt beispielsweise der Magenkeim Helicobacter Pylori (H.Pylori). Dieser Keim kann Gastritis und Magengeschwüre auslösen, aus denen sich als Spätfolge auch Magenkrebs entwickeln kann. Kann, muss aber nicht. Dennoch wurde nach dieser Entdeckung der Keim teilweise pauschal mit Antibiotika bekämpft, sobald ein Mensch positiv auf ihn getestet wurde.

Dieser Medikamenteneinsatz beeinflusste natürlich auch unser schützendes Mikrobiom negativ. Durch genetische Analysen wissen wir heute jedoch, dass die Menschheit seit mindestens 100.000 Jahren mit H. Pylori infiziert ist. Man geht sogar davon aus, dass dies seit Auftreten des Homo Sapiens möglich sein könnte. Da stellt sich die Frage, ob H. Pylori wirklich nur schädigende Wirkung hat. Wenn dem so wäre, wäre die Menschheit dann nicht ausgestorben, oder hätte das Immunsystem in den vielen hunderttausend Jahren nicht eine effektive Abwehr entwickelt?

Der Vernichtungskampf wurde so erfolgreich geführt, dass H. Pylori tatsächlich in den Industrieländen nach und nach am Verschwinden ist. Mit verantwortlich dafür ist jedoch auch die indirekte Vernichtung des Keims durch den generell häufigen Einsatz von Antibiotika in der Vergangenheit. Denn darunter litt auch der Magenkeim. Dieser wird von den Eltern auf die Kinder übertragen. Ist er bei den Eltern ausgelöscht worden, kann er auf den Nachwuchs nicht mehr übertragen werden. Deshalb geht mit jeder Generation die Besiedlung mit H.Pylori zurück. Heute wissen wir, dass dieser Keim nicht nur Magengeschwüre auslösen kann, sondern auch schützend im Körper wirkt. Der Keim spielt beispielsweise eine wichtige Rolle bei der Magensäuren- und Hormonproduktion.

Wie im ersten Teil bereits ausgeführt, gehört die Magensäure mit zu unserem angeborenen Immunsystem. Dringen Keime ein, sterben viele davon in der sauren Umgebung ab. Parallel zum Rückgang von H. Pylori nimmt Sodbrennen in Industrieländern zu. Tritt dieses häufiger auf, wird den Patienten ein Magenschutz-Medikament verschrieben. Eines der bekanntesten ist Pantroprazol. Dieses gehört zur Gruppe der Protonenpumpen-Hemmer und soll die Produktion der Magensäure reduzieren. Weniger Magensäure, weniger saures Aufstoßen, so die These. Tatsächlich ist heute jedoch bekannt, dass Sodbrennen, auch Reflux genannt, häufig nicht durch zu viel, sondern durch zu wenig Magensäure ausgelöst wird. Ist weniger Magensäure vorhanden, verbleibt der Speisenbrei länger im Magen. Das kann dann zu Sodbrennen führen. Wenn nun die Besiedlung mit H. Pylori rückläufig ist und gleichzeitig Reflux zunimmt, könnte es hier einen Zusammenhang geben? Genau das erforschte der bereits oben erwähnte Martin J. Blaser und kam zu folgendem Ergebnis:

„Überraschenderweise fanden wir keine positive Korrelation zwischen H. Pylori und dem Reflux, sondern eine negative! Menschen ohne das Bakterium hatten eine doppelt so hohe Erkrankungswahrscheinlichkeit. Spätere Studien kamen sogar zu einer achtfach erhöhten Wahrscheinlichkeit“.

Bei weiteren Untersuchungen fand der Arzt heraus, dass H. Pylori außerdem an der Regulation der Hormone Ghrelin und Leptin beteiligt ist, welche auch als Sättigungshormone bekannt sind. Könnte die Reduktion des Magenkeims die weltweite Adipositas-Pandemie also zusätzlich gefördert haben?

Gutes stärken – statt schädliches bekämpfen

Mit jedem Einsatz von Antibiotika vernichten wir auch einen Teil unseres schützenden Mikrobioms. Ebenfalls mit dem Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt und beim Händewaschen. Die Entwicklung dieser Medikamente war ein großer Segen für die Menschheit. Noch heute retten sie täglich tausenden Menschen weltweit das Leben. Besteht also Lebensgefahr und kann unser Körper Bakterien nicht mehr alleine erfolgreich bekämpfen, ist der Einsatz von Antibiotika sehr sinnvoll und ist in vielen Fällen, zumindest heute noch, alternativlos.

Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass wir damit auch viele der Keime schädigen, welche für uns nicht nur völlig harmlos sind, sondern uns eben vor pathogenen Keimen auch schützen, oder uns bei der Verdauung unserer Nahrung helfen. Deshalb sollten wir präventiv unsere Mitbewohner, die es gut mit uns meinen, fördern, hegen und pflegen, damit wir möglichst erst gar nicht von Erregern befallen werden, gegen deren Abwehr wir auf Antibiotika angewiesen sind.

Dabei sollten wir immer daran denken: Der Mensch besteht nur zum kleinen Teil aus Mensch und zum viel größeren Teil aus Mikroben. Als Holobiont sind wir auf unsere Mitbewohner angewiesen. Schwächen und töten wir diese pauschal, leiden wir womöglich am Ende selbst am meisten darunter.

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Autor

Joachim Haid ist Gründer des Gesundheitsprogramms PaleoMental®, zudem Gesundheitscoach und Heilpraktiker in Ausbildung.

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