Corona-Pandemie

Ist das die zweite Welle?

Seit einigen Tagen steigt wieder die Zahl der positiv auf Corona getesteten Personen in Deutschland. Medien berichten deshalb regelmäßig von einer zweiten Welle. Wie sind die Zahlen zu interpretieren?
© picture alliance/dpa | Stefan Sauer
Kommt nach den Sommerferien eine zweite Corona-Welle auf uns zu?

In den vergangenen Tagen ist die Zahl der positiv auf SARS CoV-2 getesteten Personen wieder gestiegen. Während von Mitte Mai bis Juli 2020 täglich zwischen rund 200 und 600 neue positive Fälle erfasst wurden, stiegen diese Anfang August erstmalig seit vielen Wochen teilweise wieder auf über 1.000 pro Tag. Dem täglichen Lagebericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 12. August 2020 ist dazu folgende Aussage zu entnehmen:

„Der in den vergangenen Wochen gemeldete Zuwachs in den Fallzahlen ist in vielen Bundesländern zu beobachten… Häufig wird ein hoher Anteil von Fällen bei Einreisenden berichtet“. Ist also die zweite Welle in Deutschland dabei sich aufzubauen, vor der Medien und einige Politiker seit Wochen bereits warnen?

(Abb. 1 – Anzahl positiver Tests, Quelle: RKI Lagebericht 12.08.2020)

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Mehr Tests = mehr positive Fälle?

Von Kritikern an der Darstellung einer zweiten Welle ist häufig zu hören, dass die erneute Zunahme der positiven Fallzahlen bedingt ist durch die deutlich gestiegene Zahl der durchgeführten Testungen. So einfach ist die Sache jedoch nicht. Wie Abbildung 2 zu entnehmen ist, stieg die Zahl der wöchentlich durchgeführten Tests tatsächlich deutlich an. Läge der Anstieg der neuen positiven Testergebnisse jedoch primär an der Zahl der durchgeführten Tests, müsste die Positiven-Rate jedoch sinken, maximal gleich hoch bleiben. Dabei handelt es sich um den prozentualen Anteil der positiv getesteten Personen im Verhältnis zur Zahl der in einer Woche durchgeführten Tests. Dem ist aber nicht so. Wie deutlich zu erkennen ist, lag die Positiven-Rate ab KW 27 stabil bei 0,6 Prozent, stieg in KW 30 auf 0,8 Prozent und liegt seit KW 31 bei 1,0 Prozent.

(Abb. 2 – Anzahl SARS CoV-2-Testungen in Deutschland, Quelle: Täglicher Lagebericht des RKI, 12.08.2020).
Abnahme der Todesfälle, stabile Situation in den Krankenhäusern

Während also die gemeldeten positiven Testergebnisse wieder auf einem Stand wie zuletzt Anfang Mai 2020 sind, ist die Zahl der täglichen Todesfälle im Zusammenhang mit SARS CoV-2 glücklicherweise nicht einmal ansatzweise auf den Wert von Anfang Mai gestiegen. Damals wurden täglich teilweise noch deutlich über 100 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Corona-Virus SARS CoV-2 registriert. Aktuell gibt es seit Wochen entweder keine Todesfälle, oder es sind nur wenige pro Tag zu beklagen.

Auch die Lage in den deutschen Krankenhäusern ist stabil. Abbildung 4 zeigt, dass die Zahl der Personen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, stabil beziehungsweise sogar am Fallen ist. Anfang Mai bedurften noch über 1.700 Personen einer intensivmedizinischen Behandlung. Aktuell gibt es noch 224 entsprechende Fälle.

(Abb. 3 – Anzahl intensivmedizinischer Behandlungen, Quelle: Täglicher Lagebericht des RKI 12.08.2020)

Wie passt das also alles zusammen? Haben wir nun eine beginnende zweite Welle, oder ist alles nur Panikmache, wie einige Kritiker argumentieren? Selbst die Bundesärztekammer warnt derzeit vor Panikmache. Ist am Ende alles eine Frage der Interpretation der Testergebnisse?

Sensitivität, Spezifität und Testdurchführung

Diese Fragen genauer zu klären, ist von großer Bedeutung. Nicht nur für Personen, die positiv getestet werden. Denn diese müssen anschließend für 14 Tage in häusliche Quarantäne und je nach Bundesland ihre näheren Angehörigen ebenfalls. Auch ist die Klärung der zunächst widersprüchlich erscheinenden Fakten wichtig, um die aktuelle Risikolage in Deutschland möglichst gut einschätzen zu können. Schließlich hängt davon eine mögliche erneute Verschärfung von Maßnahmen ab, die zu einer erheblichen Belastung der Wirtschaft führen können und letzten Endes auch Arbeitsplätze gefährden. Aber auch ganz unabhängig von wirtschaftlichen Interessen: Wer hat schon Lust in ständiger Angst vor einer auf ihn zurollenden zweiten Welle zu leben?

Ein genauer Blick auf die Qualität der PCR-Abstrichtests ist entscheidend, um die aktuelle Situation etwas besser nachvollziehen zu können. Weltweit kommen unterschiedliche Tests verschiedener Hersteller zum Einsatz. Selbst in Deutschland werden verschiedene Tests verwendet. Hinzu kommt, dass die Tests teilweise auch unterschiedlich durchgeführt werden. Wird an einer Stelle ein Rachen-Nasen-Abstrich gemacht, wird an anderer Stelle lediglich ein Rachenabstrich durchgeführt. Und selbst bei diesen gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Der eine nimmt diesen weiter oben, der andere weiter unten im Rachen.

Allein die Testdurchführung kann also Einfluss darauf haben, ob eine Person positiv oder falsch negativ getestet wird. Die Tests müssen nicht nur korrekt durchgeführt werden. Sie sollten auch möglichst zeitnah das auswertende Labor erreichen. Auch dabei können Fehler passieren. Die unterschiedlichen Durchführungen werden aber eher weniger Einfluss auf die aktuelle Entwicklung haben. Denn diese verschiedenen Vorgehensweisen gab es auch in den Monaten zuvor. Viel entscheidender ist die Betrachtung zweier Fachbergriffe, welche die Qualität solcher Tests beschreiben: die Sensitivität und die Spezifität.

Sensitivität gibt an, bei welchem Prozentsatz infizierter Patienten die Infektion durch die Anwendung eines Tests tatsächlich erkannt wird. Die Spezifität hingegen gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass Gesunde, die nicht infiziert sind, im Test auch als negativ erkannt werden. Zusammen ergeben diese Informationen die Aussage, wie sicher ein Test ist.

Nun erreicht jedoch praktisch kein Test Werte von 100 Prozent bei der Sensitivität und der Spezifität. Hohe Werte im Bereich von deutlich über 90 Prozent hören sich zunächst sehr gut an . Jeder Prozentwert unter 100 kann jedoch eine deutliche Zahl falsch negativ oder falsch positiv getesteter Personen bedeuten. Je höher die Zahl der durchgeführten Tests ist, desto höher wird auch die absolute Zahl falsch getesteter Personen. Ein Test mit einer Spezifität von beispielsweise 95 Prozent, ergibt bei 5 von 100 getesteten Gesunden ein falsch-positives Ergebnis.

Bezüglich der Spezifität der in Deutschland verwendeten Tests sind aber keine konkreten Angaben zu finden. Das RKI selbst schreibt beispielsweise lediglich, dass „…inzwischen eine Reihe von kommerziellen Testsystemen mit hoher Spezifität zur Verfügung…“ stehen. Nur wie hoch genau ist hoch? Das oben genannte Beispiel verdeutlicht, dass es einen großen Unterschied macht, ob es 95 Prozent oder 97 Prozent sind. Weiter ist auf dieser Seite des RKI zu lesen:

„Bei niedriger Prävalenz und niederschwelliger Testindikation (einschließlich der Testung asymptomatischer Personen) werden an die Spezifität der Teste im Hinblick auf den positiven Vorhersagewert hohe Anforderungen gestellt. Dem tragen zum Beispiel „Dual Target“-Tests Rechnung. Unabhängig vom Testdesign sind jedoch grundsätzlich die für einen Test vorliegenden Daten zu den Leistungsparametern entscheidend.“ (Anmerkung: Hier finden Sie Erläuterungen zum Thema Dual Target).

Die Prävalenz bezeichnet die Häufigkeit einer Krankheit oder eines Symptoms in einer Bevölkerung oder einer Testgruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt. Jetzt kommen wir zu den relevanten Punkten.

Je mehr symptomlose Personen getestet werden, desto mehr falsch positive Testergebnisse gibt es.

Wie diesen Ausführungen des Ärzteblattes und den oben genannten Ausführungen des RKI zu entnehmen ist, sind massenhafte Tests bei Personen, die keine typischen Krankheitszeichen für SARS CoV-2 zeigen, eine große Herausforderung. Je niedriger die Prävalenz einer Testgruppe ist, desto höher ist die Zahl der falsch positiv getesteten Personen. Genau diese Situation haben wir aktuell durch die massenhafte Testung von Reiserückkehren. Hier werden nicht nur Personen mit Krankheitssymptomen getestet, sondern jeder, der einen Test haben möchte. Die allermeisten unter den Reiserückkehren zeigen keine Symptome, gehören also zu einer Gruppe mit einer niedrigen Prävalenz. Dem oben genannten Bericht des Ärzteblattes ist folgendes Beispiel zu entnehmen:

Verfügt ein Test über eine Sensitivität von 70 Prozent und eine Spezifität von 95 Prozent, so werden von 970 Personen 921 korrekt als nicht infiziert getestet. Das bedeutet aber auch, dass 49 Personen falsch positiv erfasst werden.

Diese Personen müssten nun trotzdem in Quarantäne und werden in den Statistiken als positiv getestete Personen geführt, obwohl sie völlig gesund, ja noch nicht einmal infiziert sind. Werden nun zigtausend Reiserückkehrer mit niedriger Prävalenz getestet, erhöhen sich die Zahlen entsprechend. Genau das würde zur aktuellen Situation in Deutschland gut passen: Die Zahlen der positiv getesteten Personen steigen wieder, es gibt aber kaum Meldungen schwerer Krankheitsverläufe, die Auslastung der Intensivbetten bleibt stabil niedrig und die Todesfälle nehmen sogar eher ab, als zu.

Hinzu kommt, dass es immer mehr Hinweise darauf gibt, dass es zu sogenannten Kreuzimmunitäten mit anderen Corona-Viren kommen kann, was auch Einfluss auf die PCR-Testergebnisse haben könnte.

 Positiv getestet bedeutet nicht infiziert, infiziert bedeutet nicht gleich krank

Weiterhin sollte berücksichtigt werden, dass selbst ein korrekt positives Testergebnis nicht automatisch bedeutet, dass man auch wirklich infiziert sein muss. Dies gilt vor allem, wenn eine symptomlose Person positiv getestet wird. Denn der PCR-Test weist lediglich das Vorhandensein von Virus-Genregionen nach, nicht das Virus direkt. Und diese Nachweisbarkeit nimmt im zeitlichen Verlauf ab. Selbst wenn aktive Viren im Körper vorhanden sind, bedeutet das jedoch für einen persönlich noch nicht, dass man zwangsweise an COVID-19 erkranken muss. Das eigene Immunsystem kann durchaus auch ihm noch unbekannte Erreger abwehren und macht das auch viele Male im Jahr, ohne dass wir davon etwas mitbekommen müssen.

Dennoch kann eine Person dann ansteckend sein, wenn die Viruslast hoch genug dafür ist. Genau deshalb ist es so wichtig, möglichst korrekte Testergebnisse zu haben und anschließend die Quarantäne einzuhalten. Wer Krankheitssymptome entwickelt, muss nicht zwangsweise gleich schwere Verläufe haben oder sogar hospitalisiert oder intensivmedizinisch betreut, im schlimmsten Fall beatmet werden. In über 90 Prozent der Fälle verläuft die Erkrankung mild oder sogar ohne Symptome.

Dennoch sind die steigenden Zahlen positiver Testergebnisse zu beobachten und sollten ernst genommen werden. Weiterhin ist zu überdenken, ob eine Ausweitung von Tests unter Berücksichtigung der oben genannten Ausführungen in Personengruppen mit niedrigerer Prävalenz zielführend ist – beispielsweise, wenn große Unternehmen tausende Mitarbeiter testen, auch wenn diese keine Krankheitssymptome zeigen.

In Panik müssen wir aktuell jedoch sicherlich nicht verfallen. Letzten Endes sind Panik und Angst nicht nur keine guten Ratgeber, sondern wirken sich auf negativ auf die Kompetenz unseres Immunsystems aus. Auf ein kompetentes Immunsystem sind wir jedoch angewiesen, wollen wir gesund bleiben. Denn in wenigen Wochen startet auch wieder die jährliche Influenza-Saison und es gibt auch noch andere „böse Buben“ da draußen.

 

Autor

Joachim Haid ist Gründer des Gesundheitsprogramms PaleoMental®, zudem Gesundheitscoach und Heilpraktiker in Ausbildung.

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