Neben der Angabe von Größe und Gewicht zur Berechnung des Body-Mass-Index ist in Versicherungsanträgen auch das Geburtsdatum anzugeben. Damit wird das Eintrittsalter berechnet. Je älter die Person ist, desto höher ist bei Lebens- und Krankenversicherungen der Beitrag. Es wird also angenommen, dass eine Person, die wie der Autor dieses Beitrags im März 1975 geboren ist, im Jahr 2019 ein Alter von 44 Jahren erreicht hat. Aber ist das aus medizinischer Sicht wirklich so? Entspricht das kalendarische Alter tatsächlich auch dem biologischen Alter? Kann es hier Unterschiede geben?
Biologisches Alter
Wie sich das kalendarische Alter berechnet, haben wir also geklärt. Aber was ist das biologische Alter? Wie wird dieses ermittelt? Tatsächlich ist es so, dass eine Person aus medizinischer Sicht jünger oder älter sein kann als der Kalender ausweist. Ausschlaggebend dafür ist zum Beispiel die Beschaffenheit der Blutgefäße. Mit steigendem Alter kann sich diese verändern. Die Gefäße verlieren an Elastizität, werden also steifer. Damit verbunden ist häufig auch ein steigender Blutdruck.
Weiterhin können die Adern kleine Risse bekommen, etwa, wenn durch Fehlernährung der Blutzuckerspiegel ständig sehr hoch ist. Ebenso, wenn zu viel Bauchfett vorhanden ist. Das nämlich ist stoffwechselaktiv und schüttet Entzündungsstoffe aus.
In den Rissen kann sich nun das LDL-Cholesterin ablagern. Dabei kommt es zu Entzündungen. Der Körper versucht die Schäden zu reparieren. Das Immunsystem wird aktiv, es bilden sich sogenannte Schaumzellen, die verhärten können. Das ist, grob vereinfacht, die Erklärung, wie es zur Atherosklerose kommt. Umgangssprachlich Arterienverkalkung genannt. Je mehr die Arterien „verkalkt“ sind, desto größer ist das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Das Risiko einer Atherosklerose nimmt mit dem Alter zu. Jedoch können auch junge Menschen mit 40 oder 30 Jahren davon betroffen sein. Neben genetischen Faktoren ist es jedoch primär der Lebensstil, der darauf Einfluss hat, zum Beispiel was ich esse und ob ich mich regelmäßig bewege. So kann es sein, dass eine 44-jährige Person biologisch jünger ist als ein 29-jähriger Mensch. Ist also an dem Spruch „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ etwas dran?
Telomere – die Schutzkappen der Gene
Elizabeth Blackburn würde dies vermutlich mit folgender Aussage beantworten:
Man ist so alt, wie die Telomere lang sind.
Die Molekularbiologin erhielt 2009 für ihre Forschungen rund um die Telomere und die Telomerase den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Die Telomere sind die Schutzkappen unserer Chromosomen. Bei jeder Zellteilung werden diese kürzer. Vereinfacht ausgedrückt: Je kürzer die Telomere, desto älter ist die Zelle und damit der Mensch. Altersbedinge Krankheiten können entstehen. Ab einer bestimmten Länge kann sich die Zelle nicht mehr teilen und stirbt ab.
Wir können uns die Funktion der Telomere wie die Schutzkappen bei Schnürsenkeln vorstellen. Sind diese intakt, sind die Schnürsenkel gut einfädelbar. Gehen sie kaputt, fransen die Enden aus. Die Schnürsenkel gehen kaputt. Die Telomerase ist ein Enzym, welches in der Lage ist, die Telomere vor Abnutzung zu schützen. Es kann diese sogar wieder verlängern. Aus Sicht von Blackburn würde der Mensch mit länger werdenden Telomeren biologisch jünger werden.
Ermittlung des biologischen Alters
Um das biologische Alter zu ermitteln, könnte man also zum Beispiel die Länge der Telomere messen. Das ist jedoch noch recht aufwändig und damit teuer. Außerdem ist die Länge der Telomere nicht zwangsweise ein Hinweis auf den Zustand der Blutgefäße.
Diesen kann man ermitteln. Zum Beispiel mit einem Ultraschall der Halsschlagadern, dem sogenannten Carotis-Screening. Hierbei wird geprüft, ob Beschädigungen der Gefäßinnenwände, Ablagerungen oder Verdickungen der Gefäßwände vorhanden sind.
Eine weitere Möglichkeit ist die Messung des Verhältnisses zwischen Bauchumfang und Größe – der Waist-to-Height-Ratio (WHR). Die Axa nennt dies Body-Abdomen-Index und setzt diesen bei ihrem 2019 gestarteten Tarif ActiveMe ein. Die Annahme: Je größer der Bauchumfang ist, desto mehr Bauchfett ist vorhanden, das wiederum stille Entzündungen fördern kann.
Bei einem Blutbild können bestimmte Entzündungswerte gemessen werden, zum Beispiel CRP (C-reaktives Protein). Hierbei handelt es sich um ein in der Leber gebildetes Eiweiß, das bei Entzündungen im Körper vermehrt nachweisbar ist. Es zeigt damit ein grundsätzliches Entzündungsgeschehen an. Bei erhöhten Werten könnte nun eine weitere Diagnostik erfolgen, um die Entzündungsquellen zu finden.
Die Herzratenvariabilität (HRV) gewährt einen direkteren Blick auf den Gefäßzustand und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hierbei wird der Zeitabstand von einem Herzschlag zum nächsten gemessen, der sich belastungsabhängig verändert. Mit der HRV lässt sich auch der Stresszustand eines Menschen herausfinden und das Risiko für diabetische Nervenerkrankungen ermitteln. Selbst Rückschlüsse auf das Risiko einer psychisch bedingten Depression sollen möglich sein. Wer eine Smartwatch nutzt oder ein entsprechendes Wearable (tragbarer Computer) besitzt, hat davon vermutlich schon einmal etwas gehört.
Neben der WHR lassen sich indirekt auch Aussagen durch das Bewegungs- und Ernährungsverhalten treffen. Entsprechende Fitness-Tracker und Apps können hierfür eingesetzt werden.
Science Fiction oder bereits Realität?
Tatsächlich handelt es sich hierbei nicht mehr um reine Science Fiction oder was in Zukunft in der Versicherungsbranche einmal kommen könnte. Während die Axa den Body-Abdomen-Index einsetzt, geht der Rückversicherer Score einen anderen Weg. Zusammen mit dem Fitnesstracker-Hersteller Garmin und der Fitness-App Fjuul hat Score das Biological Age Model entwickelt.
Unter Berücksichtigung der Daten von Wearables wird das biologische Alter einer Person berechnet. Der Rückversicherer hat Daten, die über 20 Jahre erhoben wurden, ausgewertet. Dabei konnte eine deutliche Reduktion des Sterblichkeitsrisikos in Abhängigkeit des täglichen Bewegungsumfangs und der damit verbundenen Herzrate festgestellt werden.
In der nahen Zukunft könnte also Ihr biologisches Alter ausschlaggebend für den Beitrag Ihrer Lebensversicherung sein. Der Autor würde dies begrüßen. Während sein kalendarisches Alter 44 Jahre beträgt, liegt sein biologisches Alter bei 29. Im Gegensatz dazu hat er bei Kunden, welche dem Geburtsjahr nach 29 Jahre alt sind, bereits ein biologisches Alter von über 45 Jahren gemessen. Wäre es nicht fairer, in solchen Fällen die jeweiligen Versicherungsbeiträge zu tauschen und dynamisch anzupassen? Gesundheitsbewusstes Verhalten würde damit belohnt. Auch hier weiß der Autor, wovon er spricht. Denn vor ein paar Jahren lag sein biologisches Alter noch deutlich über seinem kalendarischen.
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