Zu viel Regulierung schadet allen

Was man vom überregulierten Produkt Riester lernen kann

Läuft es in der Wirtschaft nicht so richtig, wird nach dem Staat gerufen. Handelt der Staat, dann geht das vielen zu weit. In so einem Spagat befinden sich auch Versicherungsunternehmen, ihre Produkte und Vertriebswege, findet Unternehmensberater Peter Schmidt. Wie die Regulierung in zu hoher Dosis eher schadet als nützt, macht er am Beispiel Riester-Rente fest.
© dpa/picture alliance
Die Facharbeiterin Marion Pagel arbeitet in der Produktion der Sachsen Fahnen GmbH & Co. KG in Kamenz an Fahnen der Europäischen Union.

Fast alle Bereiche unserer Wirtschaft sind von Maßnahmen der nationalen Regulierung sowie durch die EU-Behörden betroffen. Es wird reguliert was das Zeug hält. Die Bürger empören sich, wenn die EU zu stark eingreift und per Regularien fast über Nacht herkömmlichen Glühbirnen abschafft oder regionale landwirtschaftliche Produkte vom Markt verdrängen will.

Dabei sind viele Regulierungsmaßnahmen im Interesse der Bürger oder werden an anderer Stelle eingefordert. Denken wir nur an die Folgen der Finanzmarktkrise und die damit in Existenznöte gekommenen Banken als Verwalter der Sparkonten ihrer Kunden. Mehr Sicherheit und Transparenz war gewollt. Starke Eingriffe der verschiedenen Behörden und Regierungen waren die Folge.

Unüberschaubare Komplexität durch Regulierung

Der einzelne Kunden kann schon längst nicht mehr nachvollziehen, welche Maßnahmen zur Regulierung konkret und warum eingeleitet wurden. Die angestrebten Wirkungen und auch der Nutzen für den Kunden bleiben oft im Dunkeln.

Gleich gar nicht kann man davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Kunden – und wohl auch der politischen Entscheider – konkrete Vorstellungen davon hat, welche immensen Kosten zur Umsetzung der Regulierungsmaßnahmen die Bank- oder Versicherung – egal ob groß oder klein – zu tragen haben.

Erst kürzlich haben mehrere hundert Klein- und Regionalbanken darauf aufmerksam gemacht, dass nicht nur die Niedrigzinsphase, sondern auch die Kosten der Regulierung überproportional gestiegen sind und so zu einer echten Bedrohung für das Geschäftsmodell geworden seien.

Auch wenn bei kleineren Versicherern, darunter viele Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, über dieses Thema noch nicht laut gesprochen wird, so ist die Lage dort ernst. Und die Politik des Schweigens der Aufsichtsbehörden zu den Sorgenkindern macht die Lage auch nicht besser.

Das richtige Management ist entscheidend

Die Bewältigung aller Anforderungen aus den verschiedenen regulatorischen Maßnahmen für die Unternehmen selbst, für die Produkte und Services für die Kunden, erfordert ein effizientes Management, zu dem manche Geschäftsleitung erst die geeigneten Strukturen schaffen und das dafür geeignete Personal rekrutieren muss.

Das aktuelle Stühlerücken in den Vorstandsetagen von Banken und Versicherungen ist ein Abbild des intensiven Wettbewerbs um kompetentes Führungspersonal im anstehenden Generationenwechsel.

Oft ist es aber auch Ausdruck angestaubten reaktiven Managements und fehlender Vorstellungen zu einem aktiven Veränderungsprozess, in dem Unternehmen von Getriebenen zu Handelnden werden.

Regulierung bei Versicherungen wird zunehmen

Versicherungsunternehmen werden regulatorisch zeitgleich auf mehreren Gebieten und Institutionen gefordert. Dadurch entsteht eine enorme Dichte an neuen regulatorischen Anforderungen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Prozess in Zukunft noch breiter und intensiver werden wird.

Entsprechend starke Impulse sind durch die sich hinziehende Finanzkrise, stärkere Anforderungen aus dem Konsumentenschutz und der europäischen Harmonisierung zu erwarten.

Bisher hatten es die deutschen Versicherer mit den Anforderungen der Bafin als nationaler Aufsichtsbehörde tun. Nunmehr wird der Einfluss der Eiopa als europäische Aufsicht gerade auf den Gebieten der Altersversorgung sowie der Risikoabsicherung immer stärker. Auch die Aufsicht über die Vertriebsformen der Versicherer und der europäischen Verbraucherschutzes gehören zum Arbeitsprogramm der Eiopa.

Aufsichtsbehörden prüfen schärfer

Die Arbeit der Versicherer an mehreren regulatorischen Feldern und verschiedenen Gebieten erfordert neue Wege in der Umsetzung. Isolierte Hau-Ruck-Maßnahmen sind weder sinnvoll noch auf Dauer finanzierbar. Es bedarf einer neuen Projektstruktur in den Unternehmen um die Wechselwirkungen der verschiedenen Maßnahmen zu erkennen und kontinuierlich an den notwendigen Veränderungen zu arbeiten.

Fakt ist – die Veränderungsgeschwindigkeit wird zunehmen und die nationalen sowie EU-Aufsichtsbehörden dürfen und werden umfangreicher prüfen. Das erzeugt natürlich viel Druck auf die Entscheider in den Unternehmen. Bei Nicht- oder Zuwiderhandlungen warten verschärfte strafrechtliche Regelungen. Das erklärt auch das hin und wieder zu beobachtende zaghafte Handeln, welches aus Furcht vor Fehlentscheidungen und aktiven Eingriffen der Aufsichtsbehörden zu erklären ist.

Aus den Problemen und Entwicklungen bei Riester lernen

Es ist nachvollziehbar, dass als Folge der Finanzkrise die politischen Entscheider die Bürgen, die Konsumenten, vor negativen Entwicklungen beschützen wollen. Verluste mit Aktien stecken besonders den Deutschen noch nachhaltig in den Knochen und haben auf Jahre diese Anlageform beschädigt. Solche Wirkungen sehen wir in Anfängen jetzt auch beim Sparen oder der Vorsorge.

Es wäre aber eine falsche Schlussfolgerung der Politik, dass die Risikominimierung allein die Konsumenten und im größeren Maßstab die gesamte Gesellschaft schützen kann. Wenn jetzt kaum noch jemand spart oder für das Alter vorsorgt, dann werden die Folgen für die deutsche Wirtschaft und unsere Gesellschaft noch viel gravierender sein.

Das Beispiel der Riester-Produkte und der Hype bei den Gegnern sollte ein abschreckendes Beispiel sein. Unabhängig davon, wie man zur politischen Frage der privaten Altersvorsorge steht, gehört es zu den allgemeinen Lebensweisheiten, dass man selbst auch für schlechte Zeiten und das Alter vorsorgen sollte.

Deshalb ist die Stärkung der privaten Altersversorgung mit guten Argumenten und steuerlichen Anreizen ein richtiger Ansatz. Aus falsch verstandenem Kundenschutz wurden die entsprechenden Produkte so stark mit Vorschriften überreguliert, dass die Attraktivität massiv gelitten hat.

Falsch verstandener Kundenschutz

Schnell wurde bei der Weiterentwicklung der Riester-Produkte beispielsweise deutlich, dass das gut gemeinte Merkmal der Übertragbarkeit des angesammelten Kapitals eine hohe, die Rendite schwächende Belastung darstellte. Viele Versicherer können das bis heute technisch kaum abwickeln. Die Investition in solche Technik ist oft einfach zu teuer.

Weitere durch die massive Regulierung verursachte Auswirkungen wurden unmittelbar durch falsch verstandenen Kundenschutz verursacht, der unter bestimmten politischen Konstellationen aber zum Zeitgeist wurde.
Verbraucherschützer: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“

Heute beklagen meist die gleichen Verbraucherschützer und bestimmte Vertreter der Presse massiv die Unattraktivität der Riester-Produkte und gehen auf ihre früheren Forderungen nicht mehr ein. Die Wechselwirkung der damaligen Forderungen und den daraus resultierenden Ursachen der heute beklagten Auswirkungen wird ausgeblendet.

Besonders negativ finde ich auch, dass auf viele positive Aspekte und auch in der Zwischenzeit vielfach verbesserte Merkmale nicht eingegangen wird. Kritik dort, wo diese berechtigt ist. Aber bitte auch einen Blick auf die positiven Entwicklungen

Gute Arbeit der Initiative „pro Riester“

Es gehört zu den Verdiensten der Initiative „pro Riester“, ein wesentlich differenzierteres Bild zu diesen Versicherungsprodukten in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Es gehört eben auch zur Wahrheit zu diesem gescholtenen, aber eben stark durch den Staat überregulierten Produkt, dass es Versicherer gibt, die trotz hoher bürokratischer Lasten versuchen, eine Verbesserung zu erreichen.

Der deutschen Politik und den Versicherern ist ins Stammbuch für das Management zu schreiben, dass der eingeschlagene Weg der Harmonisierung in der EU für den Vertrieb von Versicherungsprodukten mit einer Überbürokratisierung von Versicherungsprodukten noch mit der Suche nach Auswegen und Lücken zu bewältigen ist.

Die Forderung der EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD ist klar. Die EU fordert eine ehrliche, redliche und professionelle Beratung im Interesse der Kunden und eine nicht irreführende Darstellung der Leistungen. Und dies ist bis 22. Februar 2018 in nationales Recht durch alle Versicherungsvertreiber umzusetzen.

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