Kommentar zum Zahnarztvorschlag

Danke, Wirtschaftsrat, so will ich nicht entlastet werden

Der CDU-Wirtschaftsrat hätte gern, dass die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) den Zahnarzt nicht mehr bezahlt. Man könne das ja sehr gut selbst absichern, sagt er. Nun gut, rechne ich es also mal nach und stelle fest, dass der Wirtschaftsrat eine eigenartige Vorstellung von Entlastung hat.
Pfefferminzia-Redakteur Andreas Harms: „... an den Zähnen erkennen, wie viel Geld jemand verdient?“
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Pfefferminzia-Redakteur Andreas Harms: „… an den Zähnen erkennen, wie viel Geld jemand verdient?“

Das muss man sich mal vorstellen: Da komme ich kaum was ahnend aus dem Wochenende und finde einen Vorschlag auf dem Tisch, der mir glatt die Zähne stumpf werden lässt. In einer Agenda fordert der Wirtschaftsrat der CDU, dass die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zahnärztliche Leistungen nicht mehr übernimmt.

Heißt auf Deutsch: Wenn ich zum Mundklempner gehe, dürfte ich das schön selbst bezahlen. Oder ich versichere mich auf diesem Teilgebiet meines Wohlergehens privat. „Zahnarztbehandlungen lassen sich generell gut privat absichern“, sagt mir dazu der Verband.

So weit das vollmundige Versprechen. Aber rechne ich das mal mit dem dicken Daumen durch: Im Jahr 2024 gab die GKV 312,3 Milliarden Euro für Leistungen aus (aktuellere Zahlen hat der GKV-Spitzenverband nicht). Davon entfallen 4,50 Prozent auf zahnärztliche Behandlung und weitere 1,34 Prozent konkret auf Zahnersatz. Macht 5,84 Prozent der Ausgaben, die durch die Reform wegfallen würden.

Bleiben wir so naiv und ziehen diesen Betrag vom Beitragssatz ab. Der allgemeine Beitrag lag 2025 bei 14,6 Prozent und der durchschnittliche Zusatzbeitrag bei 2,5 Prozent. Ergibt zusammen 17,1 Prozent. 5,84 Prozent davon sind genau 1 Prozentpunkt. Den würden Arbeitnehmer und Arbeitgeber hälftig sparen. Bei einem Brutto von 2.500 Euro im Monat würde also das Nettoeinkommen um 0,5 Prozent vom Brutto, also etwa 12 Euro steigen.

Es geht um die Zahnvollversicherung

Es mag sein, dass man für das Geld eine einfache private Zahnzusatzversicherung bekommt. Aber hier geht es nicht nur um zusätzliche Leistungen wie die Zahnreinigung, sondern um alle. Zum Beispiel die halbjährliche Inspektion und sogar jede Aufbissschiene aus dem einfachsten Material. Eine Zahnvollversicherung wäre nötig. Der auf private Krankenversicherung spezialisierte Makler Stefan Bierl von der Finanzberatung Bierl schätzt: „Ein vernünftiger Zahntarif, der Zahnbehandlung, Prophylaxe und Zahnersatz abdeckt, kostet je nach Alter eher 20 bis 30 Euro im Monat.“

Damit wird klar, dass sich Zahnbehandlungen eben nicht „generell gut absichern“ lassen. Die Verlierer in diesem Vorschlag wären alle mit niedrigen Einkommen. Gewinner wären Gutverdiener mit gutem Zahnmaterial, die privaten Krankenversicherer, die sich über viele neue Verträge freuen könnten, und natürlich die Arbeitgeber, die GKV-Beiträge sparen. Respekt! So geht gute Lobby-Arbeit.

Nun ist es völlig legitim, wenn Menschen in diesem Land keine Lust mehr haben, jedes Jahr höhere Abgaben auf ihr Gehalt abzudrücken. Wenn sie nicht mehr in ein System für alle zahlen, sondern die Früchte ihrer Arbeit selbst ernten wollen. Das ist Teil einer gesunden Diskussion in der Gesellschaft. Denkverbote sollte es nicht geben.

Vielleicht sollte ich froh sein, dass der Wirtschaftsrat mich entlasten will. Bin ich aber nicht, mein Bauch ist dagegen. Lieber zahle ich mit strahlendem Lächeln in ein System ein, in dem sich jeder den Kampf gegen Karius und Baktus zumindest einigermaßen leisten kann. Vielleicht ist es naiv, aber ich möchte nicht, dass man in unserem Land an den Zähnen erkennt, wie viel Geld jemand verdient. Wobei das zum Teil ja schon der Fall ist, aber das nur nebenbei.

Wie wäre es stattdessen, lieber Wirtschaftsrat, wenn Sie sich mal andere Ausgaben anschauen würden? Warum Deutschland international eines der höchsten Preisniveaus für Medikamente hat. Warum es medizinische Hautcremes gibt, von denen eine (!) Tube 120 Euro kosten soll. Warum eine Aufbissschiene aus Kunststoff mehr kostet als ein Smartphone. Am Materialpreis kann es kaum liegen.

Dann müssten Sie sich ernsthaft mit Angebot und Nachfrage und den Kräfteverhältnissen auf dem Markt für Gesundheitsartikel auseinandersetzen. Aber das ist ein anderes Thema – und vielleicht auch viel zu schlecht für die Aktienkurse. Also lassen wir das mal lieber.

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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