Homeoffice ist längst nicht mehr wegzudenken aus der Versicherungsbranche. In einem Branchenvergleich des Statistischen Bundesamtes 2023 hat die Assekuranz den dritthöchsten Anteil an abhängig Beschäftigten, die gelegentlich von zuhause aus arbeiten.
Seit einiger Zeit gibt es klare Bestrebungen im Finanzsektor, um die Mitarbeitenden wieder öfter ins Office zurückzuholen. Wenig erfolgreich – wie eine Studie des Personalwesen-Portals Remote aufzeigt. Demnach haben rund 74 Prozent der Personalverantwortlichen in Finanzunternehmen in Deutschland in den vergangenen sechs Monaten Beschäftigte an Firmen verloren, die größere Flexibilität zu bestimmten Arbeitszeiten und -orten gewährten.
Versicherer müssen aufpassen, dass sie die Mitarbeitenden mit starren Regeln nicht vor den Kopf stoßen. Denn Fach- und Führungskräfte sind ein begehrtes Gut – und werden immer begehrter.
Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig in der Assekuranz. Die Zahl der offenen Stellen bei großen Anbietern bewegt sich mittlerweile im dreistelligen Bereich. Qualifizierte Leistungsträger haben zahlreiche Optionen – und können bei vielen Fragen definieren, wie das Arbeitsverhältnis aussieht.
Der Wunsch der Arbeitgeber nach festen Präsenzzeiten ist verständlich, doch die Dosis ist entscheidend. Bewährt haben sich feste Verpflichtungen, so viel wie für das Team und die internen Abläufe nötig, aber mit ausreichenden Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung. Pauschale, verpflichtende, umfassende Präsenz kann sogar kontraproduktiv wirken, wenn die Zeit im Büro als Zwang empfunden wird.
Natürlich gibt es gute Gründe für mehr Präsenz im Büro. Zum Beispiel die Mitarbeiterbindung und der Zusammenhalt. Das sehen übrigens nicht nur Arbeitgeber so. Laut einer Studie der Pronova BKK gab während der Pandemie ein Drittel der Arbeitnehmer an, dass der Zusammenhalt und die Zusammenarbeit im Unternehmen Schaden genommen haben. Hier können Arbeitgeber ansetzen, aber sie sollten behutsam vorgehen.
Wenn die Arbeit von zuhause aus zur Gewohnheit geworden ist und der Lebensstil an häufiges Homeoffice angepasst wurde, können plötzlich erzwungene Veränderungen eine Belastung sein. Und zwar eine so große, dass bei Fachkräften der Wunsch nach einem neuen Arbeitgeber aufkeimen könnte.
Die Verlagerung der Arbeit ins Office sollte deshalb eher schrittweise gestaltet werden, nicht als plötzlicher und radikal empfundener „Befehl von Oben“. Leistungsträger müssen ihr Leben an wachsende Bürozeiten anpassen können und den Mehrwert der Büroarbeit erkennen.
Seite 2: Was ein Platz im Büro bieten sollte
Wie aber kann ein solcher Mehrwert aussehen? Der Arbeitsplatz muss das bieten, was im Homeoffice fehlt. Wer von zuhause aus arbeitet, kann schlechter soziale Kontakte aufbauen, entfernt sich immer weiter vom Gemeinschaftsgefühl und ist vom informellen Austausch unter Kollegen weitestgehend ausgeschlossen. Auch ist es nicht immer möglich, sich voll auf ein wichtiges Projekt zu konzentrieren. Mancher vermisst zuhause auch das nötige Equipment oder die Arbeitsatmosphäre. Versicherer können diese Faktoren nutzen.
Das Büro ist mehr als der Platz, an dem Arbeit verrichtet wird. Es ist ein sozialer Ort und das müssen die Mitarbeitenden auch spüren. Es geht darum, eine Struktur zu schaffen, die die Zusammenarbeit und Kollegialität fördert und den persönlichen Austausch unterstützt. Das können zum Beispiel gemeinsame Mahlzeiten, kleine Events oder Info-Abende sein. In der Praxis haben sich auch definierte Präsenztage für alle bewährt, bei denen sich Mitarbeitende dann sicher sein können, ihre Kollegen auch wirklich im Büro zu treffen.
Auch technische Vorteile können eine wichtige Rolle spielen. Speziell ausgestattete Räume oder ergonomisch angepasste Arbeitsplätze sowie ein starkes Internet sind bei manchen Mitarbeitenden wichtige Argumente. Weitere Annehmlichkeiten vor Ort wie beispielsweise reservierte Kita-Plätze können die Vorteile des Homeoffice ebenfalls kompensieren.
Bei alldem gilt es, den verschiedenen Tätigkeitsprofilen Rechnung zu tragen. Marketing- oder Produktmanager brauchen möglicherweise mehr Zeit vor Ort, um gemeinsam kreative Ideen zu entwickeln. Mitarbeitende des Customer Service hingegen können den ganz überwiegenden Teil ihrer Arbeitszeit sehr gut und effektiv von zuhause aus erledigen.
Eine Lösung für alle kann es nicht geben. Unternehmen müssen auf die individuellen Situationen eingehen und auch in der Unternehmens- und Führungskultur ein entsprechendes Verständnis verankern.
Die Präsenz im Büro darf kein Selbstzweck sein. Sie muss deutliche Vorteile für das Unternehmen und die Mitarbeitenden bieten. Führungskräfte, die vor allem Kontrolle im Hinterkopf haben, setzen die falschen Akzente: Wer ergebnisorientiert arbeitet, will am Resultat seiner Arbeit gemessen werden, nicht an der Anwesenheit.
Vorgesetzte müssen sich von traditionellen Mustern verabschieden und einen Stil etablieren, der auf Vertrauen basiert. Wem es gelingt, seinem Team den notwendigen Freiraum einzuräumen, kann mit gesteigerter Produktivität und hoher Leistungsbereitschaft rechnen. Und wer zugleich noch echte Argumente für das Office bietet, wird mit steigenden Präsenzzeiten belohnt.
Wie eine möglichst mitarbeitendenzentrierte Rückkehr ins Büro im Detail aussieht, hängt von den Bedingungen und Möglichkeiten im Unternehmen selbst ab. In jedem Fall sollte sich das Büro als Lebens-Arbeits-Ort an den individuellen Interessen der Mitarbeitenden ausrichten. Hier kommt Führungskräften eine zentrale Rolle zu.
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Die Autoren Thomas Dudkiewicz und Jürgen Dörendahl sind Geschäftsführende Gesellschafter bei der Personalvermittlung Le Groupe Bleu.
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