Wenn der BU-Versicherer die Leistung ablehnt

„Kunden ist nicht klar, was Versicherer für risikorelevant halten“

Warum werden BU-Anträge im Leistungsfall abgelehnt? Inwieweit sollten Makler auf Ablehnungs- und Prozessquoten achten und wo finden sie diese Informationen überhaupt? Pfefferminzia klärt auf.
© Getty Images
Ein Bergsteiger in den Alpen: Versicherte wissen oftmals nicht, auf welche Risikofaktoren die Gesellschaften achten.

Skrupellose Versicherungsgesellschaften wollen sich mit allerlei Tricks vor ihren abgegebenen Leistungsversprechen in der Berufsunfähigkeitsversicherung drücken. Dieses Bild wird anhand einzelner Problemfälle von Leistungsverweigerungen immer wieder in der Öffentlichkeit und der Presse gezeichnet. Wer versichert ist, scheint demnach nicht wirklich sicher.

Mehr zum Thema

Psychische Probleme sind der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit

Rund 35 Prozent der Frauen mussten sich wegen psychischer Probleme aus ihrem Berufsleben zurückziehen und…

So leistungsfähig sind Berufsunfähigkeitsversicherungen

Statistisch gesehen wird rund jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland in seinem Leben einmal berufsunfähig –…

Das sind die Biometrie-Favoriten der Makler

Die Alte Leipziger siegt in der Sparte Berufsunfähigkeit und Canada Life verteidigt ihren ersten Platz…

Die Realität gestaltet sich jedoch anders, wie die aktuelle Leistungspraxis-Studie zu Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) der Rating-Agentur Franke und Bornberg zeigt. Ein pauschaler Vorwurf der systematischen Leistungsverweigerung ist demnach nicht haltbar. Denn drei von vier Leistungsentscheidungen (75,7 Prozent) gehen zu Gunsten der Versicherten aus. Knapp die Hälfte aller Ablehnungen (48,5 Prozent) werden ausgesprochen, weil aus Sicht der Versicherer der vertraglich vereinbarte BU-Grad (meist 50 Prozent), nicht erreicht wurde. Weitere rund 30 Prozent sind auf Anfechtungen und Rücktritte zurückzuführen.

Große Bandbreite bei Leistungsquoten der BU-Versicherer

Auch das Ratinghaus Morgen & Morgen analysiert das Thema und erstellt eine umfangreiche Übersicht an Leistungsquoten der BU-Versicherer, die in das hauseigene BU-Rating eingeht. Aktuell wurden 518 Tarife von 70 Anbietern untersucht. 340 Tarife (65,6 Prozent) erhielten die Bestnote und somit fünf Sterne im Morgen & Morgen Rating Berufsunfähigkeit.

Für die Leistungsquote ergab sich im Durchschnitt ein ähnlicher Wert wie bei Franke & Bornberg, die Bandbreite der Gesellschaften ist jedoch enorm (hier geht´s zur vollständigen Übersicht). Demnach hat Condor mit 93,06 Prozent die höchste, die Familienfürsorge mit 65,36 Prozent die niedrigste Leistungsquote.

Doch beim Blick auf die Leistungsquote gilt nicht immer: je höher desto besser. Denn BU-Ablehnungen sind, wenn sie berechtigt sind, sinnvoll, um das Kollektiv zu schützen. Wurde beispielsweise der BU-Grad von 50 Prozent nicht erreicht oder handelt es sich um gefälschte BU-Leistungsanträge, ist den Versicherungsbedingungen gemäß keine Leistung zu zahlen. Eine Bewilligung auch ungerechtfertigter Leistungen könnte langfristig zu einem höheren Nettobeitrag für alle Kunden führen.

Eine weitere interessante Kenngröße ist die Prozessquote. Denn wenn Versicherer ihre Leistungspflicht ablehnen, können Versicherte vor Gericht gehen. Morgen & Morgen wertet hier nur Prozesse, welche aufgrund einer abgelehnten Leistung geführt und gleichzeitig verloren wurden (siehe detaillierte Übersicht in folgender Tabelle).

BU-Prozessquoten im Vergleich

Die reine Prozessquote gibt in vielen Fällen jedoch keine Auskunft darüber, ob ein Gerichtsprozess zu Recht oder zu Unrecht geführt wurde. Zu berücksichtigen ist ebenfalls, dass jüngere Marktteilnehmer oftmals eine geringere Prozessquote aufweisen, da sie in den ersten Jahren noch wenige Leistungsfälle verzeichnen. Sie sollte daher stets in Zusammenhang mit weiteren Kriterien betrachtet werden. Zudem zählt immer auch die langjährige Erfahrung eines Versicherers im BU-Geschäft sowie der Aspekt, dass Gesellschaften über einen langen Zeitraum hinweg gute Quoten verzeichnen können.

„Es geht nichts über den kollegialen Austausch mit Fachleuten, die auf BU-Leistungsfälle spezialisiert sind. Da aber jeder BU-Leistungsfall eine Einzelfallentscheidung ist, ist es für alle Marktteilnehmer schwierig, aus Einzelfällen oder Stichproben auf einen Versicherer insgesamt zu schließen. Auch wird man die Zahl von Negativmeldungen in Beziehung zur Bestandsgröße eines Versicherers setzen müssen“, betont BU-Experte und Versicherungsmakler Michael Helberg.

Fehler bei Antragsstellung können sich rächen

Fakt ist: Viele Kunden tun sich schwer mit den Antragsfragebögen der Versicherer. Wie können Makler sichergehen, dass kein Fehler bei den vorvertraglichen Anzeigepflichten passiert? Durch möglichst umfassende zielgerichtete Information, sagt Helberg: „Wir empfehlen, im Vorfeld bei Krankenkassen und Ärzten die Patientenakten zu sichten. Stichwort Abrechnungsbetrug. Immer wieder sind Kunden überrascht, welche Diagnosen Ärzte tatsächlich notiert und mit der Krankenkasse abgerechnet haben.“ Werden derartige Abrechnungsdiagnosen erst im Leistungsfall dem Versicherer bekannt, sind Konflikte programmiert.

Auch auf die Details der Berufstätigkeit und vermeintlich harmlose Sportarten oder geplante Auslandsaufenthalte sollte im Detail geschaut werden. „Oftmals nicht deshalb, weil heimtückische Kunden Informationen verschweigen, sondern weil ihnen als Laien einfach nicht klar sein kann, was Versicherer alles für risikorelevant erachten“, so BU-Experte Helberg weiter. Hier ist der Vermittler also besonders in der Pflicht, zu informieren.

Manche Versicherer wie die Allianz bieten dazu spezielle Unterstützung und erläutern Antrags- und Leitungsbewilligungsprozedere ausführlich. Maklerpools wie Netfonds und Maxpool verfügen über Leistungsservice-Teams, die Makler und ihre Kunden bei Problemen mit der Anerkennung im Leistungsfall fachlich unterstützen.

BU-Fälle warten mehr als fünf Monate auf Leistungsbewilligung

Kommt es zum Leistungsfall, ist in jedem Fall Geduld gefragt. Die Regulierungsdauer eines BU-Antrags sinkt zwar kontinuierlich, liegt aber momentan laut Franke und Bornberg immer noch bei 156 Tagen im Durchschnitt. Nur in 6 Prozent aller Fälle werden Gutachten benötigt und dies mehrheitlich aufgrund psychischer Erkrankungen. Der Engpass bei den Gutachtern ist ein wesentlicher Faktor für lange Bearbeitungszeiten. Liegen alle Unterlagen beim Versicherer vor, erfolgt die Entscheidung jedoch in durchschnittlich drei Wochen.

Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia