„Verweigerung aus Prinzip findet nicht statt“

BU-Experte kontert WDR-„Versicherer-Bashing“

Die Erzählung von den Bösewichten bei der Versicherung erhält durch die WDR-Reportage „Der ungleiche Kampf: Wenn die Versicherung nicht zahlt“ neue Nahrung. Doch so bitter jedes Einzelschicksal ist – die Realität in der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) sieht anders aus, als der Film weismachen will, meint der unabhängige BU-Experte Stephan Kaiser.
© Jens Hannewald
Stephan Kaiser, Geschäftsführer der BU-Expertenservice GmbH

„Seinen Beruf als Kfz-Mechaniker musste Uwe Neumann aufgeben. Er leidet an einer Lähmung und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Doch seine Versicherung weigert sich über Jahre, ihn als berufsunfähig anzuerkennen“, heißt es in der Programmankündigung zur WDR-Reportage „die story“. Titel: „Der ungleiche Kampf: Wenn die Versicherung nicht zahlt“ vom 2. Februar 2022 (Die 45-minütige Sendung ist hier in der ARD-Mediathek abrufbar).

Uwe Neumann sei nicht der einzige, schreiben die Autoren in ihrem Vorspann weiter, „für den die Versicherung zum Gegner wurde, als es gesundheitlich am schlechtesten ging. Kritiker sagen: Lücken im Gesetz machen es den Versicherungen leicht, Verfahren so lange zu verschleppen, bis die Betroffenen zermürbt aufgeben“. Pfefferminzia hatte am 3. Februar über die Sendung berichtet.

Auch Versicherungsberater Stephan Kaiser, Geschäftsführer der BU-Expertenservice GmbH, hat sich die Reportage angeschaut, wobei es „studiert“ eher trifft. Über das Gesehene äußert sich der Fachmann nun gegenüber Pfefferminzia hochgradig irritiert – allerdings nicht über vermeintlich „verschleppte Verfahren“ der BU-Versicherer, sondern vor allem über die Darstellungsweise des WDR: „Das ist einfach Versicherer-Bashing – draufhauen, wo es nur geht“, ärgert sich Kaiser im Podcast-Gespräch mit Pfefferminzia.

>>> Hier gibt es das 25-minütige Gespräch mit Stephan Kaiser kostenlos und in voller Länge zum Nachhören
„Das stimmt einfach hinten und vorne nicht“

Zugleich nimmt der BU-Experte den porträtierten Kfz-Mechaniker Uwe Neumann in Schutz, der im Film des WDR für seine BU-Rente kämpft. „Der Fall ist furchtbar – das hätte anders geregelt werden müssen“, stellt Kaiser unumwunden klar. Es könne nicht sein, dass Neumann „am Schluss in so einen windigen Vergleich (mit dem Versicherer) musste“. Hier sei der Versicherer „irgendwo falsch abgebogen aus meiner Fernsicht“, wie Kaiser bedauert. „Das hätte man deeskalierend anders machen können – aber das sind eben die Ausnahmefälle.“

Dass Kaiser weiß, wovon er redet, unterstreicht der registrierte Versicherungsberater etwa mit dem Hinweis, dass er ja den ganzen Tag nichts anderes mache in seiner Firma, als BU-Leistungsfälle zu bearbeiten. „Und ja, ich erlebe solche Fälle auch. Aber das ist vielleicht einer von hundert“, wie der Experte betont. Das sei „einer zu viel – müssen wir uns nicht drüber streiten, aber der Beitrag möchte mir suggerieren, dass 99 von 100 Fällen so laufen und nur einer von 100 läuft gut – und das stimmt einfach hinten und vorne nicht. Die Sache ist etwas komplizierter als man es in dem Beitrag dargestellt hat.“

Gemeinsam mit der Ratingagentur Assekurata hat Kaiser ein Rating entwickelt, das helfen soll, die Fairness in der BU-Leistungsprüfung bei Versicherern zu überprüfen und zu beurteilen. Hier sei man bei vielen und auch großen BU-Versicherern „drinnen“, wie es Kaiser formuliert, so dass man durchaus über Erfahrungen über den Großteil des Marktes berichten könne. „Da wird nicht prinzipiell vertuscht oder verzögert“, stellt der Interviewte im Gespräch klar – und fügt hinzu: „Was ich aber feststelle, ist schon, dass es Häuser gibt, die sind kulturell ein bisschen anders aufgestellt als andere.“

Seite 2: Was der WDR hätte besser machen können

Manche Versicherer bemühten sich demnach mehr als andere „über die Firmenkultur zu kommen und da fairer zu sein, um einfach eine vernünftige Lösung zu finden“. Da gebe es schon Unterschiede, referiert Kaiser aus seiner Praxis – gleichwohl sei die Tendenz klar erkennbar: „Die meisten Versicherer entwickeln sich dorthin, fair zum Kunden zu sein, Kommunikation zu suchen und solche Dinge vernünftig zu lösen.“

Zudem dürfe man nicht vergessen, dass die BU – auch bedingt durch die Gerichtsbarkeit – „immer schwieriger“ geworden sei. „Es ist ein total streitbares Gebiet, und es setzt immer voraus, dass der Versicherer im gerüttelten Maß Verantwortung bereit ist zu übernehmen und da eine vernünftige Rolle spielen will.“

„Verweigerung aus Prinzip, die findet nicht statt“

Wenn sich ein BU-Versicherer partout verweigere, hätte man als Kunde natürlich keine Chance, so Kaiser weiter, das sei klar. „Aber diese Verweigerung aus Prinzip, die findet nicht statt. Das ist einfach nicht wahr, wenn man das behauptet. Leider findet es ab und zu statt – und jeder Fall, der da passiert ist einer zu viel“, macht der Experte noch einmal deutlich. Und weiter: Es seien „eher schon immer wieder dieselben, die da ein bisschen auffallen“, sagt er – und auf der anderen Seite – „immer wieder die gleichen, bei denen man den Eindruck hat, die wollen das einfach besser oder gut lösen“.

Was der WDR hätte besser machen können

Und Stephan Kaiser hat auch einen Rat an die WDR-Reporter, wie eine Reportage über den Zustand der Berufsunfähigkeitsversicherung besser hätte beleuchtet werden können: „Viel schlauer wäre es gewesen, wenn man zum Beispiel sich mal damit beschäftigt hätte: Wie ist denn das passiert?“ Denn der Kunde habe ja die Akten oder entsprechende Kopien vorliegen, damit sich Experten, wie er oder andere Branchenkollegen, ein Bild vom Fall machen können. „Wenn man sich das mal durchliest und schaut, was da passiert ist, kann man als Fachmann ziemlich schnell erkennen: Wo ist da wer falsch abgebogen? Wie ist das entstanden? Wie hätte man es lösen können?“

„Das hätte man alles ganz anders aufbereiten können“, bedauert Kaiser, „und man könnte zur Meinungsbildung beitragen, wenn man seiner journalistischen Pflicht da mal ein bisschen mehr nachkommen würde“.

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Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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3 Antworten

  1. Als ebenfalls Betroffener kann ich der Aussage des WDR-Beitrages nur zustimmen. Ich kämpfe jetzt seit acht Jahren um meine BU-Rente und das ist nur die reine Gerichtslaufzeit. Die Tatsache, dass ich andererseits schon genauso lange die volle staatliche Erwerbsminderungsrente erhalte, interessiert meine Versicherung, die Aachen Münchener, jetzt Generali, nicht im Geringsten. Dabei wiegt volle Erwerbsminderung schwerer, als eine Berufsunfähigkeit, die sich nur auf einen bestimmten Beruf bezieht, während eine volle Erwerbsminderung die Arbeitsfähigkeit komplett ausschließt. Aber letzteres stammt aus dem Sozialrecht, während die BU dem Zivilrecht zuzuordnen ist. An dieser Stelle hätten wir dann auch so einige der ebenfalls ganz richtig angesprochenen Gesetzeslücken.
    Meine Erfahrungen zeigen jedenfalls deutlich, dass man den privaten Versicherungen als Kunde auf Gedeihen und Verderb ausgeliefert ist. Damit kann aber niemand eine Zukunft planen, was die Daseinsberechtigung privater Versicherungen zumindest in Zweifel stellt.

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