Interview zu Zeitwertkonten

„Mitarbeiter erhalten wieder mehr Arbeitszeitautonomie“

Eine sechsmonatige Auszeit nehmen und dabei volles Gehalt beziehen? Klingt wie ein schöner Traum, gibt es aber wirklich. Mit Hilfe von Zeitwertkonten können Mitarbeiter Boni, Überstunden & Co. ansparen und das Guthaben dann für eben diese Auszeit nutzen. Pfefferminzia sprach mit Sven Beste, leitender Justiziar der Allianz Leben, über das Modell an sich und über Bestes eigene Auszeit.
© Sven Beste
Sven Beste, leitender Justiziar der Allianz Leben, während seiner sechsmonatigen Auszeit in Tokio.

Pfefferminzia: Herr Beste, was ist ein Zeitwertkonto?

Sven Beste: Mithilfe eines Zeitwertkontos können Arbeitnehmer ein Wertguthaben aufbauen, indem sie beispielsweise auf Vergütungsanteile verzichten, Boni einzahlen, nicht genommenen Urlaub oder Überstunden einbringen. Dieses Geld legt der Arbeitgeber für den Arbeitnehmer an, das Guthaben wird verzinst. Ist dann genug Guthaben aufgebaut, kann der Arbeitnehmer seine Arbeitszeit reduzieren oder eine Auszeit nehmen, um beispielsweise eine Weltreise zu machen, sich weiterzubilden, einen Angehörigen zu pflegen, oder auch um im Alter weniger oder gar nicht mehr zu arbeiten. Dabei bezieht er weiter sein volles Gehalt und ist nach wie vor kranken- und sozialversichert.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir an, ein Mitarbeiter verdient 3.000 Euro brutto und will eine Auszeit von sechs Monaten nehmen. Dafür muss er also 18.000 Euro ansparen. Bekommt er ein 13. und 14. Gehalt, dann müsste er beispielsweise drei Jahre lang auf diese beiden weiteren Gehälter verzichten, um das zu erreichen. Der Arbeitgeber hat dabei keine Ersparnis, weil er neben dem Bruttogehalt auch den Arbeitgeberanteil am Sozialversicherungsbeitrag mit in dem Wertguthaben ansparen muss. Das sind in unserem Beispiel von 18.000 Euro nochmal rund 20 Prozent, also 3.600 Euro. Diese Verpflichtung trifft den Arbeitgeber auch dann, wenn der Mitarbeiter wegen Überschreitens der Beitragsbemessungsgrenzen an sich beitragsfreies Entgelt in sein Wertguthaben einbringt.

Aus Sicht der Mitarbeiter ist dabei der große Vorteil, dass sie mehr Arbeitszeitautonomie erhalten. Sie können also in einem gewissen Rahmen wieder selbst bestimmen, wie viel sie arbeiten. Das ist heutzutage ganz wichtig.

Was haben Arbeitgeber davon?

Sie haben einen Vorteil beim Kampf um Fachkräfte. Gerade gut ausgebildete Mitarbeiter, insbesondere wenn sie der Generation Y angehören, legen heutzutage vermehrt Wert auf Tools, die mehr Arbeitszeitautonomie ermöglichen. In vielen Branchen gibt es aber auch das Problem, dass nicht alle bis zum 67. Lebensjahr arbeiten können. Arbeitgeber sind gezwungen, die Arbeitszeit an die körperlichen Gegebenheiten der einzelnen Mitarbeiter anzupassen. Durch diese Arbeitszeitreduktion entstehen Gehaltsdefizite, und die lassen sich über ein Zeitwertkonto ausgleichen.

Jetzt habe ich mich als Arbeitgeber entschieden, das anzubieten. Wie muss ich als nächstes vorgehen?

Der Arbeitgeber schließt zunächst eine schriftliche Wertguthabenvereinbarung mit seinem Mitarbeiter. Dort wirdgeregelt, was ein Mitarbeiter einbringen kann – beispielsweise Geld, Urlaub, Mehrarbeit und so weiter. Und auch die Frage, wann der Mitarbeiter freistellen kann, muss da einvernehmlich geregelt werden. Das sind die Kernthemen. Als nächstes muss das Lohn- und Gehaltsabrechnungssystem entsprechend eingerichtet werden.

Was ist hierbei zu beachten?

Die Dotierungen der Mitarbeiter sind steuer- und sozialabgabenfrei. Der Arbeitgeber muss nun sicherstellen, dass diese gesparten Abgaben archiviert werden – zum Teil über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Denn erst wenn der Arbeitnehmer sein Wertguthaben nutzt, muss er Steuern und Sozialabgaben darauf zahlen. Sodann muss der Arbeitgeber auch entscheiden, wie er die Finanzierung der Freistellung gestalten will, ob er auf eine Versicherungslösung mit einer garantierten Verzinsung zurückgreifen will zum Beispiel, oder ob das Wertguthaben in Fondsanlagen investiert. Der Gesetzgeber hat dabei strikte Vorgaben für die Kapitalanlage gemacht. So darf der Aktienanteil beispielsweise maximal 20 Prozent betragen. Und der Arbeitgeber muss noch einen weiteren Punkt beachten.

Welchen?

Er muss das Wertguthaben gegen die eigene Insolvenz absichern. Selbst wenn die Firma insolvent wird, darf der Mitarbeiter und die Sozialversicherungen kein Geld verlieren. Der Arbeitgeber braucht also einen Insolvenzschutz. Auch da kommen dann die Allianz oder andere Produktgeber ins Spiel, die diesen gewährleisten.
Zahlt der Arbeitgeber dann den Vertrag etwa bei der Allianz oder muss der Arbeitnehmer die Kosten übernehmen?
Das kommt auf die Ausgestaltung Wertguthabenvereinbarung an. Die Gebühren der Versicherung die zahlt üblicherweise der, der die Erträge der Versicherung bekommt. Erhält der Arbeitnehmer die Zinsen, reduzieren sich diese um die Kosten der Versicherung.

Was passiert bei einem Arbeitgeberwechsel – kann der Mitarbeiter sein Wertguthaben mitnehmen?

Ja, wenn der neue Arbeitgeber auch Zeitwertkonten anbietet, geht das.

Und wenn nicht?

Dann kann sich der Mitarbeiter das Guthaben entweder auszahlen lassen, muss dann aber Sozialabgaben und Steuern zahlen. Oder der Mitarbeiter hat die Möglichkeit, das Wertguthaben auf die Deutsche Rentenversicherung Bund zu übertragen. Dann springt die Deutsche Rentenversicherung in einer Freistellungsphase als Quasi-Arbeitgeber ein. Der Mitarbeiter kann dann die Rente aufschieben, mit dem schönen Effekt, dass das Rentenzuschläge gibt für jeden Monat, den er die Rente nicht in Anspruch nimmt. Ein Vorteil von Zeitwertkonten, der noch nicht allzu bekannt ist.

Sie haben sich selbst ja auch eine Auszeit gegönnt, Herr Beste.

Richtig. Ich bin einer von 1.400 Teilnehmern bei der Allianz, die ein Wertguthaben nutzen. Ich habe sechs Monate Auszeit angespart, indem ich zwei Jahre lang auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet habe. Dann habe ich noch zwei Monate von meinem Urlaub dran gehängt.

Was haben Sie in den sechs Monaten gemacht?

Ich habe eine Weltreise gemacht. Ich wollte Unvorhergesehenes erleben und bin daher einfach los gereist, nur mit Handgepäck und Smartphone ausgestattet. Ich wusste abends noch nicht, was ich morgens mache. Das schafft Möglichkeiten, wieder Neues von außen aufzunehmen – das geht im Alltag oft unter. Dieses offen sein für alles, hat mich gereizt und mir am besten gefallen. Ich habe viele Länder besucht, die ich vorher noch nicht kannte. Japan hat mir dabei am besten gefallen. Nichts ist so wie man es kennt oder gewohnt ist. Egal ob man in den Supermarkt geht, oder sich im Restaurant Essen bestellt oder einfach Zug fährt: Sie haben jeden Tag eine neue Idee, wie das Leben auch ANDERS funktionieren kann. Das fand ich sehr spannend.

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