Pflicht zur Betriebsrente

Was Großbritannien besser macht

Die sogenannte Nahles-Rente soll die betriebliche Altersvorsorge (bAV) flächendeckend in Deutschland verbreiten. In Großbritannien ist bereits eine weitgehend verpflichtende bAV erfolgreich umgesetzt. Was können wir daraus lernen?
© dpa/picture alliance
Berufstätige vor der Tower Bridge in London: In Großbritannien gibt es eine verpflichtende Betriebsrente bereits seit 2012.

Großbritannien im Jahr 2010, die Situation ist ernst: Die Inflation frisst an den staatlichen Renten, und Prognosen sagen voraus, dass die Bevölkerung über 65 Jahren um 60 Prozent in den nächsten zwei Dekaden zunehmen wird. Dem steht jeder zweite Bürger ohne Altersvorsorge und ein generelles Misstrauen langfristigen Sparformen gegenüber.

Was also tun?

In Großbritannien beruht die Altersversorgung wie in Deutschland auf drei Säulen und auch dort ist die Regierung auf die Idee gekommen, die zweite Säule gesetzlich zu stärken. Bereits vor fünf Jahren wurde daher auf der Insel eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge für Arbeitnehmer beschlossen.

Das sogenannte „auto-enrolement“ unterscheidet sich deutlich vom komplizierten Tarifpartnermodell der Nahles-Rente und besticht durch ein einfaches und konsequentes Konzept. „Es wurde schrittweise eingeführt, erst für große Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern, dann für mittlere und seit 2016 auch für kleine Betriebe mit weniger als 50 Angestellten“, sagt Graeme Bell, Senior Propositon Manager von Standard Life UK.

80 Prozent aller Angestellten sind betroffen:

„Wer über 22 Jahre alt ist, in Großbritannien arbeitet und mehr als 10.000 Pfund (umgerechnet rund 10.920 Euro) pro Jahr verdient, nimmt automatisch am Programm teil, es sei denn er widerspricht mit der Opt-out-Option“, erläutert Bell.

Nur 12 Prozent ziehen Opt-out-Option

Man hat erwartet, dass jeder dritte Betroffene ablehnt, auf einen kleinen Teil seines Einkommens zugunsten seiner Altersvorsorge zu verzichten. „Da die geforderten Beiträge am Anfang sehr gering waren, haben aber bisher nur 12 Prozent der Angestellten diese Opt-out-Möglichkeit gezogen, das „auto-enrolment“ gilt daher als großer Erfolg“, so Bell weiter.

Die Betriebe sind per Gesetz verpflichtet, ein passendes Betriebsrentenkonzept („pensions scheme“) anzubieten, sie dürfen Anbieter und Modell frei wählen, wobei die Aufsichtsbehörde bestimmte Bedingungen vorgegeben hat. Derzeit sind 600.000 Unternehmen mit rund 8 Millionen Angestellten Teil dieser speziellen betrieblichen Altersversorge.

Mit dem NEST (National Employment Savings Trust) wurde eine von der Regierung finanzierte Stiftung geschaffen, um dafür zu sorgen, dass auch kleine Betriebe, die für die Assekuranz eher unattraktiv zu versichern sind, in jeden Fall ein auto-enrolement-Angebot finden.

Im britischen Versicherungsmarkt kam es zu keinen großen Veränderungen, letztlich haben sich diejenigen Anbieter, die schon zuvor in der Altersvorsorge marktbeherrschend waren, auch dieses Produktfeld erschlossen. Spezielle auf verschiedene Eintrittsalter abgestufte Pensionsfonds wurden dazu entwickelt.

Unternehmen nutzen bAV im Kampf um Talente

Standard Life gilt hier als Marktführer mit rund einem Sechstel Marktanteil. „Auf der Vertriebsseite ist das ‚auto-enrolement‘ fast allein in Hand der unabhängigen Berater“, schildert Bell. Sie beraten vor allem mittlere und große Unternehmen, die kleineren sind eher gebührensensibel und setzen das „auto-enrolement“ meist in Eigenregie um.

Arbeitgeber werden von qualifizierten Nachwuchskräften zunehmend auch nach ihrem „auto-enrolement“ eingeschätzt und nutzen das Modell, um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Die bAV ist ein echter Wettbewerbsfaktor geworden.

Derzeit wird das „auto-enrolement“ von der britischen Regierung evaluiert. Um die Abdeckung zu steigern, sind weitere Anreize geplant. So sollen Personen, die sich für das Opt-out entschieden haben, nach drei Jahren wieder in das Modell einsteigen können, falls sie noch zum versicherbaren Personenkreis gehören. Die abgeführten Beiträge des Bruttoeinkommens steigen zudem schrittweise, mindestens um 5 Prozent bis April 2018 und um bis zu 8 Prozent bis April 2019.

Kontrolle der Anbieter und Produkte ist wesentlich

Fazit nach fünf Jahren:

„Die Produkte sind nicht das Problem, wesentlich ist, dass es eine staatliche Kontrollinstanz gibt, die sicherstellt, dass die bAV-Produkte gut gemangt werden und die Anbieter ihre Versprechen halten“, so Bell. Denn der langfristige Erfolg der betrieblichen Altersvorsorge hängt vom Vertrauen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer in das „auto-enrolement“ ab.

„Die Erfahrungen aus Großbritannien zeigen, dass eine gut aufgestellte betriebliche Altersvorsorge ein geeignetes Mittel ist, mehr Menschen zur Vorsorge zu animieren“, sagt Christian Nuschele, Vertriebsleiter bei Standard Life. „Daher halten wir auch die Idee der Nahles-Rente grundsätzlich für richtig.“

Positiv sei zu beurteilen, dass man bei der Nahles-Rente auf kostspielige Garantien verzichtet habe, so Nuschele weiter. „Die Alternative der Zielrente wird dafür sorgen, dass investmentorientierte Anlagen im Bereich der betrieblichen Altersversorgung deutlich an Bedeutung gewinnen werden.“

Partnerschaften sind möglich

Aufgrund der großen Investmentexpertise und der langjährigen Erfahrung könne Standard Life hier die passenden Lösungen bieten. Aktuell sehe es aber so aus, als ob das Sozialpartnermodell von den großen Anbietern dominiert werden würde, die den entsprechenden Zugang zu den Gewerkschaften hätten.

Nuschele: „Dennoch halten wir künftig Partnerschaften für durchaus möglich. Eine interessante Möglichkeit könnte beispielsweise sein, dass Standard Life seine Expertise beim Management der Kapitalanlagen in eine solche Kooperation einbringt.“

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Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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