14. Norddeutscher Versicherungstag

„Einsparungen bei Vermittlerprovisionen landen oftmals in obskuren Projekten“

Wird Google den deutschen Versicherungsmarkt demnächst auf links drehen? Wohl kaum, befanden die Experten auf dem 14. Norddeutschen Versicherungstag in der Handelskammer Hamburg. Dort bestimmte die Digitalisierung die Gesprächsagenda – und BVK-Präsident Michael H. Heinz fand gewohnt scharfe Worte für den vermeintlichen „Hype“, dem die Versicherer auf Kosten der Vermittler folgen würden. Hier kommen die Hintergründe.
© privat
Jan Meessen, Industry Manager Insurance bei Google Deutschland, spricht in der Handelskammer Hamburg zum Thema „Alles neu? Kundenverhalten und Kundenansprache im digitalen Zeitalter“.

Das Wort Digitalisierung dürfte vielen Maklern längst zu den sprichwörtlichen Ohren herauskommen – wurde zu dem Thema nicht schon alles gesagt, nur eben noch nicht von allen? Nun ja, manchmal macht es eben doch einen Unterschied, wer etwas zu diesem Thema sagt – zum Beispiel, wenn es sich um Jan Meessen handelt, seines Zeichens Versicherungschef – oder besser gesagt „Industry Manager Insurance“ – von Google Deutschland.

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Wird Google künftig in den Markt für Vergleichsrechner einsteigen? Das wollte ein Vermittler von Meessen erfahren, der am Dienstag auf dem 14. Norddeutschen Versicherungstags in der Handelskammer Hamburg sprach. „Ich weiß es nicht“, entgegnete der Google-Mann. Nur so viel ließ Meessen durchblicken: „Das Bestreben meines Teams ist es, den Versicherern die IT-Infrastruktur von Google zur Verfügung zu stellen.“ Man versuche die  Digitalisierung zu „hebeln“, ohne selber als Versicherer aufzutreten, so der Manager.

Anders gesagt: Solange die Versicherungsbranche dem Internetriesen als gut zahlender Kunde dient, besteht für die US-Amerikaner offenbar keine Notwendigkeit, sich in das komplizierte Geschäft zu begeben – zumal ein erster Ausflug mit Google Compare in den USA scheiterte. Der einstige Online-Versicherungsvermittler für Kfz-Versicherungen hat sich längst wieder aus dem Markt zurückgezogen. Der Großangriff eines „Super-Insurtechs“ dürfte also auf absehbare Zeit ein Hirngespinst bleiben.

Heinz: Versicherer vernachlässigen Fürsorgepflicht gegenüber Vermittlern

Und dennoch: Zurücklehnen ist nicht angebracht. Google befinde sich aufgrund der gesammelten Daten seiner Nutzer längst im Kernmarkt der Versicherer ohne dabei unter die Regulatorik zu fallen, sagte Wissenschaftler Florian Elert von der HSBA Hamburg School of Business Administration. Die Branche müsse nun für sich klären, welche Kernleistung sie künftig anbieten wolle, so Elert. Geht es ihr zum Beispiel eher darum, Schäden zu regulieren oder Schäden zu verhindern?

Auch Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), nahm die Versicherer im Hinblick auf die Digitalisierung in die Pflicht. Es werde „völlig verkannt“, dass die Unternehmen eine gesetzliche Fürsorgepflicht gegenüber der Mehrzahl der Vermittler in Deutschland hätten – nämlich gegenüber jenen, die sich anders als die Makler in der Exklusivbindung befänden. Diese Menschen hätten das Recht und die Versicherer im Umkehrschluss die Pflicht, dass sie ihre Vertreter „mitnehmen in diese neue Welt“ – „nicht mehr jeden“, wie Heinz hinzufügte, aber sehr wohl jene, „die zukunftsfähig sind und bereit sind, in diese neue Zukunft zu gehen“.

„Das Geld ist ja nicht weg, sondern nur woanders“

Diese Pflicht würden die Versicherer allerdings vernachlässigen, wenn „solch ein Hype“ um die Digitalisierung gemacht werde, erklärte der BVK-Präsident unter dem Applaus der Zuhörer. So landeten die Einsparungen, die die Unternehmen bei den Vermittler-Provisionen vornähmen, oftmals in „obskuren Projekten“, befand Heinz. Frei nach dem Motto: „Das Geld ist ja nicht weg, sondern nur woanders“, wie er hinzufügte.

Den Rüffel des BVK-Präsidenten musste der Signal-Iduna-Vorstand Johannes Rath stellvertretend für seine Branchenkollegen entgegennehmen: Der Geschäftsführer von Signal Iduna Digital Ventures und Sijox-Gründer wies unter anderem darauf hin, dass das Investitionsklima für Insurtechs derzeit so gut wie noch nie sei. Rath zufolge sei es für Gründer aktuell nicht besonders schwierig, zweistellige Millionenbeträge einzusammeln.

Stefan Herbst von Haftpflichthelden.de konnte diese Zahl allerdings überhaupt nicht beeindrucken. Im Vergleich zu den USA würden viel zu wenige Gelder in Deutschland in den Insurtech-Markt fließen, ärgerte sich der Gründer.

Dass das Kapital hierzulande vor allem aus dem Ausland kommt – nicht zuletzt aus China -, kommentierte Herbst in deutlichen Worten: „Das ist ein Armutszeugnis für Deutschland“ und „sehr schlimm“. Gleichwohl sieht der Gründer die Digitalisierung keineswegs als Allheilmittel: „Nur weil etwas digital möglich ist, heißt das noch nicht, dass es auch gut ist.“ So hätten die Start-ups beispielsweise viel Geld verschwendet, um Kunden auf ihre Plattformen zu bekommen – 800 Euro koste der Gewinn eines Kunden im Schnitt, hieß es im weiteren Verlauf der Diskussion.

Was kann Google für Vermittler tun?

Google-Mann Meessen gab den Vermittlern dann noch einen Rat mit: Auf die Frage, was der Internetriese denn für Vermittler tun könne, sagte Meessen, dass Google dabei helfe könne, die „Customer Journey“, also das Nutzerverhalten von Versicherungskunden zu analysieren. So gäbe es beispielsweise Tools, mit denen sich nachvollziehen lasse, wer sich auf der eigenen Internetseite befindet. Auf dieser Basis könne der Vermittler dann Rückschlüsse ziehen, ob der Inhalt der Seite angepasst werden müsse.

Mit seinem kleinen Werbeblock unterstrich Meessen indirekt die Position seines Hauses, als Partner und nicht als Herausforderer der Versicherungsbranche aufzutreten – ganz im Sinne des eigenen Leitbildes „Don’t be evil“.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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